Sieg gegen Schweden Russland kombiniert sich ins Viertelfinale

Schnellere und genauere Angriffszüge gab es bei der EM bisher kaum zu bewundern: Mit brillantem Kurzpassspiel zerlegt Russland die Abwehr Schwedens und zieht ins Viertelfinale ein. Dort wartet mit den Niederlanden jenes Team, dessen Offensive bisher ähnlich begeisterte.

Von Jörg Schallenberg


Es war eigentlich eine gute Idee. Genau genommen war es die einzige sehenswerte Aktion, die Zlatan Ibrahimovic an diesem Abend hatte. Schon nach zwei Spielminuten ging der schwedische Starstürmer im Strafraum hoch in der Luft zum Ball. Mit der Hacke. Vielleicht hatte Ibrahimovic für einen Moment an die EM 2004 gedacht und an sein traumhaftes Hackentor in letzter Minute gegen Italien. Doch dieses Mal traf er nur seinen Gegenspieler Sergej Ignaschewitsch am Kopf und landete unsanft auf dem Rasen - wie jemand, der aus einem schönen Traum gerissen wird, weil er aus dem Bett fällt.

Ungefähr so muss sich an diesem Abend das gesamte schwedische Team nach der 0:2 (0:1)-Niederlage in Innsbruck gegen Russland vorgekommen sein, die zugleich das Aus nach der Vorrunde der Europameisterschaft bedeutete. Dabei hätte der Mannschaft von Lars Lagerbäck schon ein Unentschieden fürs Weiterkommen gereicht. Der 2:1-Sieg von Gruppensieger Spanien gegen Griechenland im Parallelspiel war bedeutungslos. Doch dem blitzschnellen Kombinationsfußball der Russen, die von Trainer Guus Hiddink taktisch hervorragend eingestellt worden waren, sahen die Schweden zeitweise so hilflos zu, als wären sie nur Statisten in einem wilden Schauspiel.

Beim russischen Team konnte Stürmer Andrej Arschawin nach seiner Rot-Sperre aus der Qualifikation erstmals spielen. Hiddink sagte später: "Ich weiß, dass Arschawin den Unterschied ausmachen kann." Der Star von Uefa-Cup-Sieger Zenit St. Petersburg sorgte mit seinen Dribblings und Pässen am rechten Flügel schnell dafür, dass das Angriffsspiel der Russen weitaus quirliger wirkte als bisher. So gerieten die Schweden in den ersten zwanzig Minuten zunehmend unter Druck, ohne dass sie aber eine tatsächlich gefährliche Szene hätten überstehen müssen.

Erst in der 21. Minute senkte sich eine Flanke von Arschawin bedrohlich auf das schwedische Tor, Keeper Andreas Isaksson lenkte den Ball gerade noch über die Querlatte. Drei Minuten später war er dann machtlos, als Stürmer Roman Pawljutschenko nach einer blitzschnellen Kombination der Russen über den rechten Flügel freistehend zum 1:0 über die Linie schob.

Die Schweden wirkten in dieser Phase völlig überfordert vom Angriffswirbel des Gegners - und wären doch in der 27. Minute beinahe zum Ausgleich gekommen, als Hendrik Larsson den Ball per Hinterkopf ans Lattenkreuz des russischen Tores setzte.

Diese Szene bildete allerdings eine Ausnahme in der ersten Halbzeit. Die russische Mannschaft, die im Vergleich zu den schwachen Partien gegen Spanien und Griechenland wie ausgewechselt wirkte, nahm die schwedische Verteidigung mit ihrem präzisem Kurzpassspiel immer wieder auseinander. In der 36. Minute traf Pawljutschenko mit seinem Schuss nur die Querlatte, den Abpraller köpfte der schwedische Verteidiger Mikael Nilsson beinahe ins eigene Tor.

Erst kurz vor der Pause gelang den Schweden der erste vernünftig vorgetragene Angriff, doch den Schuss von Freddy Ljungberg aus 14 Metern konnte der russische Torwart Igor Akinfejew abwehren. Kurz darauf scheiterte Nilsson nach Zuspiel von Ibrahimovic aus spitzem Winkel an Akinfejew.

Die Entscheidung fiel fünf Minuten nach Wiederanpfiff. Die Schweden verloren den Ball im Mittelfeld - und die russischen Spieler starteten die vielleicht rasanteste und klügste Kombination der bisherigen EM. Juri Schirkow, der sich den Ball erkämpfte, stürmte sofort nach vorn, erlief den punktgenauen Diagonalpass von Igor Semschow und leitete ideal auf Arschawin weiter, der sich in der Mitte von seinem Gegenspieler abgesetzt hatte und den Ball unhaltbar ins rechte Eck platzierte.

Den schwedischen Verteidigern, die völlig hilflos zusahen, mussten die russischen Attacken wie ein außer Kontrolle geratener Comic vorkommen. Nach viel "Zack!", "Swoosh!" und "Braus!" machte es "Peng!" - und die Niederlage war besiegelt. Der erfahrene Larsson sagte nach dem Spiel: "Wir sind total enttäuscht. Wir haben gegen eine sehr geschickt spielende Mannschaft verloren."

Nachdem sich die Schweden Mitte der zweiten Hälfte noch einmal kurz aufbäumten, wirbelten die Russen weiter - und vergaben beste Chancen im Minutentakt: In der 80. ballerte Syrjanow nach einem Solo an den linken Pfosten, in der 81. köpfte Pawljutschenko in die Arme von Isaksson, in der 82. spielte Iwan Sajenko erneut Pawljutschenko im Strafraum frei, der aber den Ball nicht richtig traf.

Wenn diese begeisternd auftrumpfende russische Mannschaft irgendein ernsthaftes Problem mit in das Viertelfinale gegen die Niederlande (Samstag, 20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) nimmt, dann dieses: Sie macht viel zu wenig aus ihren Möglichkeiten. Das könnte sich rächen.



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