Sieg im Elfmeterschießen Spanien wirft Weltmeister Italien aus der EM

Dramatisches Viertelfinale: Nach 120 Minuten ohne Tor fiel die Entscheidung zwischen Spanien und Italien erst im Elfmeterschießen. Dabei wurde Spaniens Keeper Iker Casillas zum Helden, er parierte gleich zweimal - und brachte sein Team so unter die letzten Vier des Turniers.

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Wien - Cesc Fabregas atmete noch einmal tief durch, dann nahm er einen langen Anlauf und blies die Backen auf. Er war erst Mitte der zweiten Halbzeit eingewechselt worden und nun hatte der Arsenal-Profi die Entscheidung auf dem Fuß. Der 21-Jährige war der letzte spanische Schütze im Elfmeterschießen, es ging um den Einzug ins Halbfinale dieser EM. Schiedsrichter Herbert Fandel gab den Ball frei, Fabregas traf ins rechte untere Eck und schoss sein Team so zum 4:2 (0:0/0:0)-Sieg gegen Italien.

"Es ist großartig, ich kann mein Glück gar nicht in Worte fassen. Es ist ein wichtiger Sieg für diese junge Mannschaft", sagte Fabregas. Matchwinner war allerdings sein Teamkollege Iker Casillas, der Torwart parierte die Elfmeter von Daniele de Rossi und Antonio Di Natale. Im Halbfinale trifft Spanien am kommenden Donnerstag in Wien (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) auf Russland.

"Ich gratuliere meiner Mannschaft, sie hat große Anstrengungen unternehmen müssen. Das Spiel gegen Russland wird ein ganz anderes als in der Vorrunde. Das wird komplizierter als beim ersten Aufeinandertreffen", sagte Trainer Luis Aragonés. Zum Auftakt der Gruppe D hatte sein Team 4:1 gegen Russland gewonnen, damals allerdings wesentlich stärker gespielt als gegen Italien.

Die Partie vor 51.400 Zuschauern in Wien begann zäh, was vor allem am Weltmeister lag. Das Team von Trainer Roberto Donadoni beschränkte sich zunächst auf das Verhindern von Toren. Wie verschieden die Strategien beider Teams ausgerichtet waren - auf der einen Seite die flinken Dribbelkünstler, auf der anderen die robusten Athleten - wurde Mitte der ersten Halbzeit deutlich.

Da probierte Spaniens Andres Iniesta am italienischen Strafraum ein kleines Tänzchen, doch Verteidiger Fabio Grosso machte überhaupt keine Anstalten, die Einladung anzunehmen. Der 1,90 Meter große Hüne ließ den 20 Zentimeter kleineren Mittelfeldmann einfach an sich abprallen. Wie einen kleinen Jungen.

Tatsächlich hatten die Spanier große Probleme, ihren gefürchteten Angriffswirbel aus der Vorrunde zu entfachen. Die italienische Defensive machte die Bemühungen von Top-Stürmer David Villa und Co. durch taktische Disziplin und körperliche Überlegenheit zunichte.

So resultierten die einzigen Chancen der Spanier aus Distanzschüssen. Dabei tat sich besonders Valencia-Profi David Silva hervor: Der Mittelfeldspieler scheiterte bei seinem ersten Versuch an Keeper Gianluigi Buffon (32.), beim zweiten Mal zielte er links am Tor vorbei (38.).

Probleme bekamen die Italiener mit ihren flinken Gegenspielern nur selten – und dann hatten sie das nötige Glück auf ihrer Seite. So entschied Fandel kurz vor der Halbzeit nicht auf Freistoß, obwohl der wuchtige Grosso diesmal gegen Silva zu spät gekommen war und statt des Balls nur den Fuß des Spaniers getroffen hatte (41.).

Doch auch die Italiener konnten nicht zufrieden sein. So sicher die Defensive auch stand – in der Offensive gelang nur wenig. Das bemerkte auch Trainer Donadoni. Der 44-Jährige saß auf der Bank, die Beine übereinander geschlagen und die Lippen zusammengepresst. Wahrscheinlich wünschte er sich in diesem Moment, dass Andrea Pirlo auf dem Platz steht. Doch der Regisseur der "Squadra Azzurra" saß wegen einer Gelbsperre nur auf der Tribüne, ebenso wie Antreiber Gennaro Gattuso.

Dementsprechend wenig fiel dem Weltmeister ein, auch Luca Toni hatte nicht seinen besten Tag erwischt. Der Münchner Stürmer bewegte sich viel, kam aber bis auf einen abgeblockten Kopfball (36.) kaum zu Chancen. In der zweiten Hälfte wäre Toni immerhin beinahe eine Vorlage gelungen. Nach seinem Einsatz kam der eingewechselte Mauro Camoranesi kurz vor dem Tor an den Ball, scheiterte jedoch am gut reagierenden Torwart Casillas (61.).

Weniger aufmerksam zeigte sich auf der anderen Seite Buffon: In der 81. Minute konnte der aktuelle Welttorhüter einen Schuss von Marcos Senna nicht festhalten, der Ball kullerte weiter, Buffon krabbelte hinterher – und sah wie das Leder an den Pfosten rollte.

"Wir müssen uns noch steigern"

In der Verlängerung durfte Buffon dann allerdings sein echtes Können zeigen: Als Villa alleine auf ihn zu lief, verkürzte der Juve-Torwart geschickt den Winkel und blockte den Ball zur Ecke ab (111.). Auch Casillas wurde noch gefordert. Der 27-Jährige fing einige Flanken ab und parierte einen Kopfball von Angreifer Antonio Di Natale (95.).

Im Elfmeterschießen zeigten beide Keeper dann endgültig, warum sie zu den besten der Welt gehören: Buffon parierte gegen Daniel Guiza, doch das dürfte für den 30-Jährigen nur ein schwacher Trost gewesen sein.

Denn sein Pendant Casillas gewann das Nervenduell gleich zweimal und wurde so zum Matchwinner. Der Einzug ins Halbfinale ist selbst für den erfolgsverwöhnten Keeper von Real Madrid ein besonderer Triumph - seit 1984 ist Spanien bei einer EM nicht mehr so weit gekommen. Von Euphorie war bei Casillas dennoch wenig zu spüren: "Russland wird ein starker Widersacher, es steht eine schwere Aufgabe bevor. Wir müssen uns noch steigern", so die Analyse des entscheidenden Mannes.

Mit Material des sid

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