Sieg über Portugal Abschiedsgala mit Gänsehaut

Die deutsche Nationalmannschaft verabschiedet sich mit dem dritten Platz von der WM. Bei dem großartigen 3:1-Sieg über Portugal konnte auch Klinsmanns B-Elf mit mutigem Offensivspiel begeistern. Bastian Schweinsteiger war mit zwei Treffern der überragende Mann auf dem Platz.

Von Jens Todt


Stuttgart – Die Luft im Gottlieb-Daimler-Stadion vibrierte, die Zuschauer sangen und tanzten. Wohl selten ist ein Team derart überschwänglich in Baden-Württembergs Landeshauptstadt gefeiert worden wie die deutsche Nationalmannschaft bei ihrem Sieg im Spiel um Platz drei der Weltmeisterschaft.

Beide Mannschaften ließen sich offenbar von der großartigen Stimmung auf den Rängen anstecken, die 52.000 begeisterte Zuschauer verbreiteten. Von Beginn an sahen die Zuschauer ein mutiges, offensives Spiel mit vielen Torszenen. Man merkte beiden Teams an, dass der ganz große Druck, unbedingt gewinnen zu müssen, von ihnen gewichen war.

Bastian Schweinsteiger entschied die Partie mit zwei wunderschönen Toren ganz allein. In der 56. Minute schlug sein flatternder Gewaltschuss im Tor von Ricardo ein, der dabei eine unglückliche Figur machte. In der 61. Minute wurde ein hart geschossener Freistoß des Bayern von Petit ins eigene Tor abgefälscht, und wenige Minuten später war Schweinsteiger zum zweiten Mal mit einem Traumtor erfolgreich. Sein Fernschuss landete unhaltbar für Ricardo im rechten Toreck. Kurz vor Spielende erzielte Nuno Gomez nach starker Flanke von Figo per Kopf den Ehrentreffer für die Portugiesen.

"Das ist der absolute Wahnsinn. Was die Mannschaft geleistet hat, ist unbeschreiblich. Es ist ein richtig großer Grundstein gelegt worden. Das Fantastische an dieser WM ist, dass wir mit den Großen mithalten können", sagte Jürgen Klinsmann. "Wir haben nichts falsch gemacht heute, aber die deutsche Mannschaft hat sehr gut geschossen und wahr sehr effizient", sagte Portugals Trainer Luiz Felipe Scolari, "das hat das Spiel entschieden. Das Publikum war fantastisch. Es war ein Spiel zwischen Freunden. Das ist es, was den Fußball so schön macht. Ich bin glücklich, nicht weil ich verloren habe, sondern weil ich gesehen habe, wie Klinsmann zu einer öffentlichen Figur gewachsen ist."

Die junge deutsche Elf hat gezeigt, dass sie das Fehlen mehrerer Stützen des Teams kompensieren kann, auch wenn gelegentliche Abstimmungsschwierigkeiten nicht zu übersehen waren. Klinsmann musste die verletzten Per Mertesacker, Michael Ballack, Tim Borowski sowie Arne Friedrich durch die Reservisten Marcell Jansen, Sebastian Kehl und Bastian Schweinsteiger ersetzen. Für Mertesacker sollte eigentlich Robert Huth in der Innenverteidigerposition spielen, doch der 21-Jährige verletzte sich beim Aufwärmen, wodurch Jens Nowotny überraschend doch noch zu einem WM-Einsatz kam.

Im Tor hatte Jens Lehmann seinen Platz für Oliver Kahn geräumt, der vom Publikum frenetisch gefeiert wurde und eine souveräne Leistung zeigte. Bereits in der Anfangsphase der Partie machte er mit einer starken Reaktion eine Großchance von Pauleta zunichte. Bei den Portugiesen wurde Mittelfeldstar Figo überraschend erst in der 74. Minute eingewechselt. Das Publikum empfing den Mittelfeldstar von Inter Mailand, der seine Nationalmannschaftslaufbahn beenden wird, mit lang anhaltendem Applaus. "Es ist hart für mich, meine Karriere so zu beenden", sagte Figo nach dem Spiel. "Ich habe getan, was ich konnte. Die Mannschaft hat gut gespielt, aber die Deutschen hatten den Sieg verdient."

Die deutschen Reservisten haben bewiesen, dass sie sich problemlos in das von Klinsmann verordnete Offensivspiel einfügen können - auch wenn das Spiel in seiner rein sportlichen Bedeutung naturgemäß nicht an die vorangegangenen Partien heranreichte. Es war vor allem deutlich zu spüren, dass in Stuttgart eine verschworene Einheit auf dem Platz stand.

Miroslav Klose, der bei seiner Auswechslung in der 64. Minute mit stehenden Ovationen gefeiert wurde, steht mit fünf Treffern nach wie vor an der Spitze der Torschützenliste und hat allerbeste Chancen, nach Gerd Müller als zweiter deutscher Nationalspieler WM-Geschichte zu schreiben, sollte der Franzose Tierry Henry im Endspiel am Sonntag gegen Italien (20 Uhr Liveticker SPIEGEL ONLINE) nicht mehr als zwei Treffer erzielen.

"Stuttgart ist viel schöner als Berlin", sangen die Fans immer wieder während der Partie. "Das war das Beste, was ich je erlebt habe - einfach sagenhaft", sagte Jens Nowotny, "vielleicht ist es am besten, ins kalte Wasser geworfen zu werden." Die Begeisterung der Zuschauer dürfte der Mannschaft einen kleinen Vorgeschmack auf das geboten haben, was sie am Sonntag in der Hauptstadt erwartet. Um 12 Uhr wird sich das Team auf der Bühne der Fanmeile am Brandenburger Tor zeigen, um sich bei den Zuschauern für die Unterstützung in den letzten Wochen zu bedanken.

Wieder werden Hunderttausende auf der Straße des 17. Juni erwartet. Die Veranstalter sind mittlerweile an ein reges Treiben auf der Meile gewöhnt, doch am Sonntag wird das fröhliche Fest vermutlich um einen weiteren Aspekt reicher. Es wird nicht nur darum gehen, die Mannschaft zu feiern, sondern den Mann zum Bleiben zu bewegen, der aus einer mittelmäßigen Truppe binnen zwei Jahren ein Mitglied der fußballerischen Weltspitze geformt hat.

Berlin wird Schauplatz einer monumentalen Kundgebung pro Klinsmann sein, unzählige Fans T-Shirts mit dem Aufdruck "Klinsmann muss bleiben" tragen, die von einer privaten Initiative zum Selbstkostenpreis verkauft werden. Die deutsche Delegation will bei der Proklamation für den Bundestrainer offenbar nicht abseits stehen. Der DFB hat 50 Exemplare bestellt.



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