Bundestrainerin Neid Ein verschenktes Jahr

Trotz des enttäuschenden WM-Abschneidens der deutschen Fußballfrauen bleibt Bundestrainerin Silvia Neid ein weiteres Jahr im Amt. Der DFB scheut den klaren Schnitt und verzögert so den fälligen Neuanfang.
Bundestrainerin Neid: Geradezu patzige Haltung

Bundestrainerin Neid: Geradezu patzige Haltung

Foto: Carmen Jaspersen/ dpa

Es passt ins Bild. Eigentlich sollte der Kader von Bundestrainerin Silvia Neid schon um 11 Uhr am Montagvormittag wieder in Deutschland landen, die Rückkehr von der WM in Kanada verzögerte sich dann jedoch um mehrere Stunden. Das deutsche Frauenfußballnationalteam ist derzeit einfach nicht so ganz auf der Höhe der Zeit.

Mit Platz vier wurde das hochgesteckte Ziel, den Titel zu holen, deutlich verfehlt. Schon über ein Ausscheiden im Viertelfinale hätte sich niemand beschweren können, als sich die Elf gegen klar überlegene Französinnen ins Elfmeterschießen rettete und dort gewann. Vor allem Frankreich und der spätere Weltmeister USA wirkten bei diesem Turnier enteilt - taktisch, physisch, auch mental. Selbst die Engländerinnen wirkten frischer, fitter, motivierter.

In Deutschland haben die Vereinsvertreter diese Defizite deutlich benannt. Wenn die Coaches vom VfL Wolfsburg, dem 1. FFC Frankfurt und Turbine Potsdam dies übereinstimmend feststellen, dann lässt sich so etwas nicht mehr mit leichter Hand wegwischen. Auch nicht mit dem lapidaren Konter, die Spielerinnen seien "in katastrophalem Zustand" zum Nationalteam gekommen, wie Neid bemängelte. Allerdings erst, als der Titel-Traum geplatzt war. Vorher hatte sie Einstellung und Form ihrer Spielerinnen noch in höchsten Tönen gelobt.

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Lediglich die Spielerinnen gaben sich selbstkritisch

Die Bundestrainerin ist nicht unbedingt bekannt dafür, dass sie im Fall eines Misserfolgs die Verantwortung zuallererst bei sich sucht. Schon 2011 irritierte sie nach dem überraschenden Viertelfinal-Aus gegen die Japanerinnen im eigenen Land mit einer jegliche Kritik abblockenden, geradezu patzigen Haltung. Es dauerte damals Monate, bis sie bereit war, auch eigene Fehler einzugestehen.

Fehler, die sie vier Jahre später wiederholte. Wieder gab es zögerliche Spielerwechsel, wenige Impulse von der Seitenlinie, die Mannschaft fiel nicht unbedingt durch taktische Kreativität auf. Aufgaben, die in die Verantwortung des Trainerstabs fallen. Es waren dennoch vielmehr die Spielerinnen, die sich anschließend angenehm selbstkritisch hinterfragt haben.

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Neid soll, so ist der Plan des DFB, noch ein Jahr im Amt bleiben und dann nach den Olympischen Spielen von Rio de Janeiro an die jetzige DFB-Sportdirektorin Steffi Jones übergeben. Jones ist eine Sympathieträgerin, ein Everybody's Darling, sie hat die WM 2011 als OK-Chefin gestemmt, als Trainerin ist sie allerdings bisher nicht in Erscheinung getreten. Auch darüber regt sich Unruhe in den Vereinen.

Liga und DFB mit atmosphärischen Störungen

Das Verhältnis zwischen Liga und DFB im Frauenfußball ist nie ganz frei von atmosphärischen Störungen gewesen. Die Abneigung von Turbine-Trainer Schröder gegenüber Neid hat längst folkloristische Züge und geht eher in Richtung Schnappreflex. Tatsächlich hat aber auch Neid es in all den Jahren als verantwortliche Trainerin nicht geschafft, ein Klima des gegenseitigen Vertrauens von Vereinen und Nationalteam herzustellen. Anders ist die massive Kritik gerade aus den Klubs, die die meisten Nationalspielerinnen abstellen, kaum zu erklären.

Deutsche Klubs waren in den vergangenen Jahren so erfolgreich wie nie zuvor. Der VfL Wolfsburg ist auf europäischer Ebene auf einer Stufe angekommen, die man mit dem FC Bayern bei den Männern vergleichen kann. Wenn von dort jetzt noch während des Turniers laute und öffentliche Kritik kommt, dann kann man über die Stilfrage sicher diskutieren. Vor allem aber sollte man es beim DFB ernst nehmen. Und über grundlegende Änderungen nachdenken.

Unter diesen Vorzeichen ist es kein zukunftsweisendes Signal, dass die Trainerin noch ein Jahr weitermacht, in dem Wissen, dass sie danach aufhört. Dass der DFB einer über viele Jahre so erfolgreichen Trainerin einen guten Abgang wünscht, ist nachvollziehbar. Aber ein enttäuschendes Abschneiden bei solch einem Turnier zieht normalerweise einen Neuanfang nach sich. Der wird nun erst einmal um ein Jahr verschoben.

Torfrau Nadine Angerer hat nach der WM ihre internationale Karriere beendet. Seit 1996 ist sie beim Nationalteam dabei. Sie hat beschlossen: Das ist wirklich lange genug gewesen. Auch Silvia Neids Trainerkarriere beim DFB begann 1996.

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