Skandalclub América de Cali Im Schatten des Kokain-Kartells

Kolumbiens beliebtester Fußballverein heißt América de Cali und steht seit elf Jahren auf der schwarzen Liste der US-Drogenfahnder. Die Clubverantwortlichen versuchen sich dem Zugriff des legendären Cali-Kartells zu entziehen - doch der Arm der in den USA inhaftierten Kokainbosse ist lang.

Aus Cali berichtet Tobias Käufer


Die neue Geschäftsstelle von América de Cali ist frisch bezogen, die Wände sind in unschuldigem Weiß gestrichen. Hier soll Oscar Gallego, der jugendliche Manager des beliebtesten kolumbianischen Fußballclubs retten, was noch zu retten ist. Die "Diablos rojos" (rote Teufel) stehen seit elf Jahren auf der "Lista Clinton", einer Art schwarzen Liste der US-amerikanischen Drogenfahndung zur Bekämpfung der Geldwäsche im internationalen Drogenhandel.

Wer dort aufgeführt ist, ist de facto vom US-amerikanischen Markt ausgeschlossen. Der Handel mit Firmen oder Personen von der "Lista Clinton" ist strengstens untersagt. Wer dies dennoch tut, wird ebenfalls boykottiert. Die US-Regierung rief 1995 die "Lista Clinton" ins Leben, die zwar juristisch nur für den US-Markt gilt, praktisch aber eine weltweites Handelsverbot nach sich zieht. América de Cali hat mit Listenplatz 6536 prominente Nachbarn: Osama Bin Laden trägt die Nummer 6365, al-Qaida die 6366.

Für den zwölfmaligen Meister des südamerikanischen Landes bedeutet dieser Bannstrahl: "Wir sind wirtschaftlich total blockiert. Wir haben kein eigenes Bankkonto, dürfen keine eigenen Sponsorenverträge abschließen", klagt Gallego beim Besuch von SPIEGEL ONLINE. Der Fluch der Vergangenheit lastet schwer auf dem Club: "Wir haben 100.000 Unterschriften für die Aktion 'Befreit América' gesammelt", sagt Vizepräsident Valentin Cabal. Das allerdings wird die US-Drogenfahnder nur wenig beeindrucken.

Kampf der Kartelle auf dem grünen Rasen

Grund für die US-amerikanische Blockadepolitik ist der Einfluss des legendären Cali-Kartells: Die Brüder Gilberto und Miguel Rodríguez Orejuela hatten in den achtziger und neunziger Jahren zwecks Geldwäsche Millionen in den Club gepumpt und damit das Interesse der US-Drogenfahnder geweckt. Damals lieferte sich das Medellín-Kartell um den 1993 erschossenen Pablo Escobar mit der Konkurrenz aus Cali nicht nur einen blutigen Kampf um Marktanteile im milliardenschweren Kokaingeschäft, sondern auch eine prestigeträchtige Auseinandersetzung auf dem grünen Rasen. Während Atlético Nacional de Medellín von Escobar gefördert wurde, spülten die Rodríguez-Brüder ihre Kokain-Pesos in die Kassen von América de Cali. Doch mittlerweile sitzen die Köpfe des Cali-Kartells in US-Gefängnissen ihre Strafe ab und nach der freiwilligen Zahlung einer Geldbuße von umgerechnet 1,56 Milliarden Dollar an die Behörden ist auch der Geldfluss an die "Roten Teufel" versiegt.

Der Club steht finanziell am Abgrund: "Für uns gibt es nur eine Alternative", sagt Gallego. "Demokratisierung oder Katastrophe." América soll nach Willen der neuen Vereinsführung zunächst an die Landesregierung übergeben und dann nach Möglichkeit an einen ausländischen Investor verkauft werden. "Das ist unsere einzige Überlebenschance." Trotzdem ist der Verein weiterhin eine echte Größe im kolumbianischen Fußball. Vergangenen Mittwoch trennte sich América im Final-Hinspiel um die kolumbianische Meisterschaft von Boyaca Chico vor 40.000 Zuschauern 1:1, reist jetzt als Außenseiter zum Rückspiel am Sonntag. In der Copa Libertadores, der südamerikanischen Champions League, gehört der Club zu den renommiertesten Teams. Zu Glanzzeiten erreichte América im wichtigsten Vereinswettbewerb Lateinamerikas immerhin viermal das Finale.

Der Besitz von Mobiltelefonen ist dem Club verboten

Bislang haben sich die Kicker aus dem Departamento Valle de Cauca mit allerlei Taschenspielertricks über Wasser gehalten: Alle Spielergehälter werden aus den Zuschauereinnahmen direkt in bar ausgezahlt. "Eine nicht ganz ungefährliche Praxis", sagt Gallego mit Blick auf die Kriminalitätsrate in der Stadt. Spielerverkäufe werden über Konten von Fifa-Agenten abgewickelt. "Wir haben unsere eigene Sportartikelmarke, da wir mit einem externen Anbieter nicht zusammenarbeiten dürfen." Seit kurzem ziert auch wieder ein Sponsorenname die Trikotbrust, wenngleich der Schriftzug "Blanco del Valle" nur ein weiterer Griff in die Trickkiste ist. Gemeint ist damit der Schnaps der Region, dessen offizieller Produktname aber nirgendwo in Erscheinung tritt. Nicht einmal ein eigenes Mobiltelefon darf der Club besitzen.

Das Problem des Vereins: Ein Sohn des Rodríguez-Clans (Juan Angel) hat einen Posten in der Clubleitung. Und die mächtigen Bosse, die in ihren US-Gefängnissen das bunte Treiben in Cali höchst interessiert verfolgen, erwarten für ihre Investitionen eine Art Schadensersatz.

"Die Familie will ein ordentlich bestelltes Feld hinterlassen"

"Wenn wir gehen, dann erhobenen Hauptes", sagt Miguel Andrés Rodríguez, ein anderer Sohn von Kartell-Chef Miguel Rodríguez im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Die Familie will ein ordentlich bestelltes Feld hinterlassen und wird auch nicht mehr zurückkommen."

Miguel Andrés hat am Konzept der "Rückgabe des Clubs an das Volk" mitgearbeitet. In einer außerordentlichen Versammlung im März wurde der erste Schritt in diese Richtung gemacht. In Zukunft soll es möglich sein, Anteilseigner des Vereins zu werden. Mit diesem Zufluss an externem Kapital will sich América de Cali von allen Altlasten befreien und sich ein neues finanzielles Fundament verschaffen. Dann, so hoffen die Verantwortlichen, wäre der Verein auch wieder für internationale Investoren interessant.

Was nicht ausgesprochen wird, liegt allerdings auf der Hand. Mit den Einnahmen könnte sich América auch von der Rodríguez-Familie freikaufen. Der Clan würde sich dann ganz aus dem Club zurückziehen und der Verein endlich von der "Lista Clinton" verschwinden. "Mein Vater ist ein leidenschaftlicher América-Fan, deshalb hat er dem Konzept zugestimmt", sagt Miguel Andrés.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.