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17. Juni 2011, 14:57 Uhr

Skandalprofi Brinkmann

"Da kommt nicht mal mehr MacGyver raus"

Von Bastian Henrichs

Von der Kneipe in den Porsche und dann auf den Rücksitz eines Streifenwagens: Ansgar Brinkmann lernte in seiner Zeit als Profi so manchen kennen. Nach einem Saufgelage in Osnabrück mit Flucht vor der Polizei entging er trotzdem seiner gerechten Strafe.

Der Abend begann ähnlich wie der ein paar Jahre zuvor in Gütersloh. Nur dass ich nun beim VfL in Osnabrück spielte und wir nicht im Café Alex feierten, sondern im Plan B. Der Name der Kneipe war Programm für den gesamten Verlauf des Abends. Wir hatten ein Auswärtsspiel in Chemnitz gewonnen und waren äußerst erfreut darüber. Nach unserer Rückkehr am Samstagabend zog fast die gesamte Mannschaft noch in die Altstadt und versackte im Plan B.

Nach und nach machten sich viele Mannschaftskollegen auf den Heimweg, nur ein harter Kern schien auf den Hockern vor der Theke festzukleben. Guido Spork war dabei, Daniel Thioune und noch ein paar andere. Es war einer der Abende, an denen man anfängt zu trinken, an denen man ausgelassen ist und endlose Gespräche führt. Es kam einfach so.

Niemand war mit dem Vorsatz in die Bar gegangen, später herauszutorkeln. Das Gelage war so nicht geplant. Auch ich ließ mich dann allerdings von der Stimmung anstecken und trank viel mehr, als ich es gewohnt war. Nach drei, vier Stunden, es war weit nach Mitternacht, hatten wir genug und wollten nach Hause. In diesem Moment unterlief mir der größte Fehler des Tages: Ich setzte mich ans Steuer.

Damals fuhr ich einen Porsche Boxster, den ich mir in Berlin zugelegt hatte. In Berlin sieht man so ein Ding häufiger mal über die Straßen brummen, in Osnabrück fiel ich damit auf. Ich hätte niemals fahren dürfen, aber keiner von meinen Trinkbrüdern hielt mich davon ab. Im Gegenteil, alle stiegen in ihre Karren und brausten los. Insgesamt waren es drei Autos, ich mit meinem schwarzen Porsche hinterher. Neben mir saß ein Mädel. Ich kannte sie nur flüchtig. Sie hatte mich in der Kneipe angesprochen und gefragt, ob ich sie nach Hause fahren könne. Sie wohnte nicht weit entfernt, und ich war nicht rücksichtsvoll genug, um Nein zu sagen.

Ein Streifenwagen hielt direkt neben mir

Ich fühlte mich sicher, nicht zu betrunken, um Auto zu fahren, eben so, wie sich alle alkoholisierten Autofahrer fühlen, wenn sie den Motor anlassen. Wir waren noch keine zwei Minuten unterwegs, als ich an einer Ampel links abbiegen wollte. Die anderen drei Autos hatten die Grünphase gerade noch erwischt, ich dagegen wollte das Schicksal nicht zusätzlich herausfordern und hielt an der Ampel an. Plötzlich, wie aus dem Nichts, schob sich ein Polizeiwagen vor mich und blockierte meinen Weg. Ein anderer Streifenwagen hielt direkt neben mir.

"Na, Halleluja", dachte ich und kurbelte die Scheibe runter. Der Polizist fragte sehr direkt: "Herr Brinkmann, haben Sie Alkohol getrunken?" Er wusste genau, wen er da vor sich hatte. "Wenn ich Auto fahre, trinke ich nie", antwortete ich scheinheilig und merkte, wie sich in meinen Blutbahnen der Alkohol mit Adrenalin mischte. An meinem Tonfall und an der Art und Weise, wie ich das sagte, musste der Polizist sofort merken, dass ich nicht die Wahrheit sagte. "Steigen Sie mal aus Ihrem Auto aus und bei uns hinten ein", sagte er.

Ich tat ihm den Gefallen, immer noch der festen Überzeugung, dass ich denen weismachen könne, nichts getrunken zu haben. Erst als ich in den zweiten Wagen und in die grinsenden Gesichter der beiden Polizisten blickte, ahnte ich, was auf mich zukommen würde. Ich setzte mich in den Polizeiwagen und bekam noch mit, wie meine Beifahrerin, von der ich nicht mehr weiß, wie sie hieß, und die ich danach auch nie wiedergesehen habe, anfing, mit den anderen beiden Beamten zu diskutieren. Sie wollte wissen, wie sie denn nun nach Hause kommen sollte, und ich dachte nur, dass sie wenigstens versuchen könnte, so zu tun, als wüsste sie nicht, dass ich weit mehr Promille hatte als erlaubt.

Im Polizeiwagen passierte erst mal nichts. Vorn saßen die beiden Männer in Grün und bereiteten irgendwas vor, wahrscheinlich einen Alkoholtest. Dann sagte der Ältere von beiden, der hinterm Lenkrad saß: "Der Porsche muss hier von der Straße." Sein Beifahrer stieg aus, ging zu meinem Porsche, setzte sich ohne meine Erlaubnis rein und fuhr den Wagen nach rechts von der Straße. Der zweite Wagen folgte dem Porsche. Sie wollten schnellstmöglich von der Kreuzung.

Auf einmal saß nur noch ein Polizist bei mir im Wagen, und ein weiterer stand auf der Kreuzung und regelte den Verkehr. Unwillkürlich trat Plan B in Kraft. Ich war wie fremdgesteuert, dachte selbst gar nicht mehr nach, sondern handelte nur noch. Zuerst probierte ich vorsichtig, die Autotür aufzumachen. Das ging natürlich nicht. Kindersicherung. Währenddessen erzählte ich dem Polizisten vorn im Auto irgendeinen Schwachsinn, plapperte einfach drauflos, um die Geräusche zu übertönen.

Nüchtern hätte ich das nie geschafft - wie ich erst der Polizei und dann auch noch der Strafe davonkam

Als Nächstes kurbelte ich das Fenster runter. Nach der Hälfte war Schluss. Dann sprach eine innere Stimme zu mir: "Greif doch mal durchs Fenster, probier es doch mal von außen." Genauso machte ich es, und - klack - sprang die Tür auf, und ich war schon mit einem Bein draußen. Dann ging alles rasend schnell. Mit dem Klacken der Tür bemerkte der Polizist vorn im Wagen, was sich da hinter ihm tat. Er griff zu seinem Walkie-Talkie: "Der haut ab!" Für mich wie ein Weckruf. Es gab eine Millisekunde, in der ich den Impuls hatte, stehen zu bleiben und die Arme hochzureißen. Meine Beine hatten sich aber bereits in Bewegung gesetzt, und ich dachte nur noch: "Jetzt aber schnell!" Im Vollsprint lief ich los. Über die Straße, den entgegenkommenden Autos ausweichend, auf den Bürgersteig und ab ins Dunkel. So schnell war ich auf dem Fußballplatz wahrscheinlich nie.

Die beiden Polizisten hatten keine Chance. Nach 50 Metern merkten sie das auch. Ich drehte mich um und sah, dass der Ältere stehen blieb und wieder zum Walkie-Talkie griff, während der andere zurück zum Auto spurtete. Kurz darauf hörte ich die erste Sirene. "Du musst das jetzt durchziehen", dachte ich und lief einfach weiter. Über ein paar Zäune, durch Vorgärten, rechts abgebogen, links abgebogen, ich wusste überhaupt nicht, wohin ich eigentlich sollte. Bis ich vor einer Garage stand. Ich nahm Anlauf und sprang mit einem Fuß an die Wand, drückte mich nach oben und hechtete an das Garagendach. Nüchtern hätte ich das nie geschafft. Ich hing daran mit einer Hand wie Sylvester Stallone in dem Film "Cliffhanger". Aber ich setzte unheimliche Kräfte frei und schaffte es, mich hochzuziehen. Ich kauerte mich flach auf das Garagendach und verschnaufte erst mal. Dann wartete ich. Es dauerte vielleicht eine Minute, bis ich die Wagen hörte und das Blaulicht sah. Ich hatte richtig Schiss. Türen gingen auf und zu, ich hörte sogar einzelne Gesprächsfetzen. Meinem Gefühl nach dauerte es ewig, bis die Polizisten wieder abzogen. Ich wartete noch kurz, bis ich sicher war, dass niemand mehr in unmittelbarer Nähe war, nahm mein Handy und rief Mölli an. "Mölli", flüsterte ich, als er abnahm. "Mölli, ich bin auf der Flucht."

"Jaja", sagte Mölli verschlafen, "wo biste, was ist los? Warum rufst du mitten in der Nacht an?"

"Nein, Mölli", sagte ich. "Hör zu: Du musst mich hier raus-holen. Hier kommt nicht mal mehr ein MacGyver raus."

Das machte ihn wach. MacGyver, Held einer US-Fernsehserie, weiß für alles eine Lösung. Mölli merkte, dass ich es ernst meinte. Zudem hörte er die Polizeisirenen im Hintergrund. "Bleib, wo du bist. Ich fahr los. Ich hol dich da raus." Auf Mölli war Verlass. Ohne dass er wusste, was genau los war, welches Problem ich hatte und wo ich mich aufhielt, fuhr er mitten in der Nacht los. Von Oldenburg nach Osnabrück. Ich blieb noch eine Weile auf dem Dach liegen, traute mich nicht aus meinem Versteck, obwohl ich schon länger keine Sirenen mehr gehört hatte. Irgendwann gab ich mir einen Ruck und sprang auf die Straße. Wie bestellt sah ich ein leeres Taxi an der Ampel stehen. Ich sprang rein und drückte dem Fahrer sofort 100 Mark in die Hand. "Lass deine Lampe an", sagte ich und kauerte mich auf die Rückbank.

Der Taxifahrer blieb cool. Er hatte mich erkannt. "Ansgar, was ist denn los?", fragte er.

"Frag nicht", sagte ich etwas unwirsch, "fahr einfach."

Er fuhr mich zu Jacek Janiak, meinem Mannschaftskollegen, weil mich die Polizei bei mir zu Hause ganz sicher suchen würde. Aber auch bei Janiak fühlte ich mich nicht gerade sicher. Er wohnte direkt in der Stadt. Ich wusste jedoch nicht, wohin. Jacek ließ mich rein, und kurze Zeit später kam Mölli auch schon. Wir waren ständig in Kontakt geblieben, und ich hatte ihm mittlerweile erklärt, was passiert war. Längst war ich wieder hellwach, spürte den Alkohol überhaupt nicht mehr und konnte einigermaßen klar denken. Natürlich war mir bewusst, dass ich gerade dabei war, richtig Scheiße zu bauen. Aber ich hatte auch das Gefühl, dass ich das jetzt durchziehen musste.

Glückwunsch, alles richtig gemacht

Mölli fuhr seinen Wagen direkt vor Janiaks Haustür, öffnete den Kofferraum und ich sprang hinein. Dunkelheit. Meine Gedanken spielten verrückt. Wo hatte ich mich da bloß wieder reinmanövriert? Mölli fuhr mich aus der Stadt. An einer Raststätte kurz hinter Osnabrück ließ er mich umsteigen. Ich sah aus wie ein geflohener Schwerverbrecher. Mein weißes T-Shirt war zerrissen und komplett verdreckt. Ich hatte Hunger, und wir machten einen Zwischenstopp bei McDonald's. Nach all dem Alkohol brauchte ich Fett. Beim Essen sahen wir uns an, Mölli fing an zu grinsen, und dann lachten wir schallend. Jetzt war ich endgültig wieder nüchtern, und wir fuhren zu Mölli, wo ich mich ins Bett haute, während er meine Klamotten in die Waschmaschine beförderte.

Am nächsten Morgen rief ich in aller Frühe bei Lothar Gans an. Er war überraschend abgeklärt, fast relaxt, und verband mich gleich mit einem Anwalt. Der stellte Fragen, ich erzählte, was passiert war.

"Sie haben sich nicht losgerissen, sich nicht verbal mit den Polizisten angelegt?"

"Nein, ich bin einfach weg."

Es war ein kurzes Gespräch. Am Ende sagte der Anwalt: "Glückwunsch, alles gut, alles richtig gemacht."

Ich konnte es nicht fassen, dachte, er will sich über mich lustig machen.

"Für Humor habe ich jetzt gar keinen Sinn", sagte ich. "Sie haben doch wohl mitbekommen, dass ich einfach geflüchtet bin? Ich hätte einfach gern gewusst, was da jetzt auf mich zukommt."

"Gar nichts", sagte er.

Das konnte ich nicht glauben. Die Quintessenz dieser Geschichte sollte sein, dass ich nichts zu befürchten hatte? Aber es war so. Die Polizisten hatten Fehler gemacht. Sie hätten nicht mit meinem Porsche fahren dürfen, hätten besser auf mich Acht geben müssen. Sie hatten mir die Chance verschafft zu flüchten, ich hatte sie genutzt. Einen Tag später, so hatte es mir der Anwalt geraten, ging ich zur Polizeistation und verlangte meine Schlüssel und das Auto zurück. Ich erzählte auf dem Revier, dass die Polizisten lediglich mit meinem Porsche fahren wollten, ich sie freundlicherweise gelassen hatte, dass es mir dann aber zu lange gedauert hätte und ich abgehauen wäre. So stand es dann auch in der Zeitung. Die Polizisten waren natürlich nicht erfreut, nahmen es mir aber auch nicht allzu krumm. Es war unglaublich. Ich musste keinen Cent bezahlen, wurde überhaupt nicht belangt. Ich hatte wahnsinniges Glück.

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