Skurrile Begegnungen Von Kettenrauchern und Verkehrssündern

Fußballer können nicht nur gut mit dem Ball umgehen. Auch abseits des Platzes sorgen sie für Momente, die lange im Gedächtnis bleiben. Die RUND-Kolumnisten Oliver Lück und Rainer Schäfer haben ein paar persönliche Begegnungen mit den Meyers und Baslers dieser Fußballwelt zusammengetragen.

"Ihr Glücklichen, ihr seid vielleicht zu beneiden. Euer Job muss total aufregend sein!" Als Fußballjournalist wird man ständig darauf angesprochen, was für einen privilegierten Beruf man doch ausüben dürfe. Einen Vorzugsjob. Interviewtermine mit Michael Ballack oder Jürgen Klinsmann - dafür würden die meisten Fußballfans viel geben: ihr Geld, ihre Liebe, manche sogar ihren Körper. Und tatsächlich: Aufregend – vor allem aufreibend – sind diese Termine fast immer, weil es selten so kommt, wie man es erwartet.

Auch mit Hans Meyer. Es dauerte lange, bis der wahrscheinlich beste aktive deutsche Trainer bereit war, uns zu empfangen. Meyer, damals noch im Vorruhestand, sollte Taktikkolumnen für Rund schreiben. "Kommt morgen um elf zu mir nach Bad Hersfeld. Pünktlich." Hans Meyer ist ein strenger Mann, der keine Widerworte duldet.

Wir wählten einen Zug früher als erforderlich, um allen Eventualitäten vorzubeugen, für Frau Meyer hatten wir ein adrettes Blumenbukett im Arm – für alle Fälle. Es lief alles planmäßig, bis irgendwo im Kasseler Hinterland unser Zugteil abgetrennt wurde und stehen blieb, ohne Ansage, ohne Vorwarnung. Wir hasteten zu einem Taxi, das von Baustelle zu Baustelle schlich. An sein Handy ging Meyer an diesem Tag nicht, auf die vielen SMS reagierte er nicht, angeblich weil er das Symbol für Kurzmeldungen gar nicht kennt. 90 Minuten verspätet hielt das Taxi vor seiner Haustür. Die Blumen hatten während der Fahrt schwer gelitten. Wir hatten kein gutes Gefühl, als wir Hans Meyer gegenübertraten.

Er blickte grimmig, musterte uns minutenlang schweigend, wobei er immer wieder auf seine riesigen Hände herunterschaute, die wie mörderische Werkzeuge wirkten. Sein Hund Aldo versuchte ebenfalls bedrohlich zu wirken. Aber Meyer wäre nicht Meyer, wenn er sich beim Thema Fußball nicht schnell in Rage und Begeisterung reden würde. Als er uns mit in seine Garage nahm, war das Eis gebrochen. An der Wand hingen Poster der Mannschaften, die er schon trainiert hat. Handsigniert. Und eine Taktiktafel, die Meyer ohne Unterlass mit einem Stock bearbeitete. Am Ende war auch Meyer zufrieden. Er hat uns sogar noch zum Bahnhof gefahren.

Oder stellen Sie sich folgende Szene vor: Für ein Interview mit Nationalspieler Robert Huth, seinerzeit noch beim FC Chelsea, waren wir nach London geflogen. Da Huth das Studio des Fotografen nicht fand, mussten wir ihn und seinen BMW via Mobiltelefon durch die englische Hauptstadt lotsen. Als er nach einer Stunde nur noch zwei Querstraßen entfernt war, uns aber noch immer nicht fand, blieb uns nichts anderes übrig: Zu dritt blockierten wir kurzzeitig zwei Kreuzungen im Stadtteil Whitechapel. Und der Abwehrhüne konnte ohne Probleme in verkehrter Richtung durch zwei Einbahnstraßen fahren. Die wütenden Blicke mancher Autofahrer hellten sich erst wieder auf, als sie den Profi erkannten. "Das mit der Einbahnstraße passiert mir häufiger", gestand Huth grinsend. Als Autofreak entpuppte er sich dann auch beim anschließenden Wahrheitstest am Rund-Lügendetektor. Er verriet Dinge, "die ihr mal besser nicht schreibt", Stichwort: nächtliche Begegnungen mit der Polizei. Oder dass er gerne mal in einem Restaurant essen würde, "wo es Löwen- und Elefantenfleisch gibt. Ich würde alles probieren. Auch einen Affen."

Ja, oft förderte der Lügendetektor absurde Aussagen zutage. Thomas Brdaric etwa, Stürmer bei Hannover 96, wollte lieber vier Tore schießen und 4:4 spielen, als nicht zu treffen und 1:0 zu gewinnen – "als Stürmer hast du so eine Geilheit", so Brdaric. Sein damaliger Trainer Peter Neururer konnte so viel Wahrheit nicht vertragen. Er setzte Tommy wochenlang auf die Ersatzbank.

Doch das größte aller Abenteuer ist und bleibt natürlich Mario Basler, einst Profi in München oder Bremen und heute Gelegenheitscoach. Auch ihn wollten wir am Polygrafen verkabeln. Supermario empfing uns in seiner Villa im pfälzischen Wattenheim – in Jogginghose und Badeschlappen, mit qualmender Zigarette zwischen den Fingern. Großes Kino! Der Mann sagte gnadenlos, was er dachte. Wir hätten den Detektor gar nicht mitnehmen brauchen. Also, bitte sehr: Mario trägt zuhause keine Unterhosen – "zuhause brauche ich keine, da brauche ich meine Freiheit. Ich will mich ganz frei bewegen können." Oder: "Wenn ich sterbe, keine Blumen bitte! Schmeißt mir Zigaretten rein!" Während des eineinhalbstündigen Gesprächs qualmte der Kettenraucher genussvoll sechs Zigaretten und verriet, dass er auch eine Bank ausrauben würde, um seinen Herzensclub, den 1. FC Kaiserslautern, vor dem Aus zu bewahren.

Glauben Sie es uns: Derartige Begegnungen und Geschichten könnten wir stundenlang erzählen. Und wenn Sie mal wieder in etwas über Fußball lesen, denken Sie daran, dass Journalismus von ganz anderen Faktoren abhängig ist, als gemeinhin angenommen wird.

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