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Slomkas Aufgaben: Taktische Defizite, mentale Probleme

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Neuer HSV-Trainer Slomkas Job ist die Defensive

Für Mirko Slomka wird es ernst, das Spiel gegen Dortmund ist die erste Bewährungsprobe für den neuen HSV-Trainer. Hauptziel dürfte sein, die anfällige Abwehr zu stabilisieren. Immerhin: Defensivtaktik gilt als Slomkas Spezialität.

Hamburg - 20 Minuten lang hatte er geschwiegen und beobachtet. Dann begann Mirko Slomka zu sprechen. Bei seiner ersten Einheit überließ der 46-Jährige die Übungen zunächst seinen Co-Trainern, ehe er seine Spieler zusammenrief und die erste Ansprache als Trainer des Hamburger SV hielt. Man konnte nicht hören, was er sagte. Doch man konnte es ahnen.

Es sind die Defensivprobleme des HSV, die Slomka abstellen muss - am besten schon im Spiel gegen Borussia Dortmund am Samstag (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). 51 Gegentore nach 21 Spielen sind ein herausragend schlechter Wert, der auf mehreren Faktoren basiert: Da sind die individuellen Fehler, wie etwa jene von René Adler bei der Niederlage in Braunschweig. Da ist die Verunsicherung der Mannschaft nach Rückschlägen. Und dann sind da taktische Mängel.

Es gibt wohl keinen Bundesligisten, der im defensiven Umschaltverhalten schlechter ist als der HSV. Sobald die Hamburger den Ball verlieren, geschehen zwei Dinge. Entweder: Die Spieler gehen unkoordiniert ins Gegenpressing; die Absicherung eines Hamburgers durch einen Mitspieler wird vernachlässigt, und der Weg zum eigenen Tor ist frei. Oder: Nach Ballverlusten erstarren die HSV-Profis, statt zu versuchen, die Ordnung wiederherzustellen.

Selbst wenn Hamburg nicht beim Umschalten attackiert wird, sondern geordnet verteidigt, ist es für den Gegner leicht, Tore zu schießen. Zu selten stellt der HSV Kompaktheit her. Das Prinzip dahinter: Möglichst viele Spieler formieren sich auf engem Raum in Ballnähe. In den vergangenen Partien waren jedoch die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen (Abwehr, Mittelfeld, Angriff) und zwischen den einzelnen Mittelfeldspielern zu groß. Die Folge: Speziell Hamburgs Sechser mussten große Räume abdecken und kamen nicht in die Zweikämpfe.

Slomka hat das erkannt, und er steuert gegen. Im Training ließ er intensiv das Spiel gegen den Ball üben: Auf verengtem Spielfeld wies er seine Profis an, dicht beieinander zu bleiben und im Verbund zu verteidigen. In den Einheiten wurde viel Wert gelegt auf Schnelligkeit und Dynamik.

Auch die Formation könnte Slomka verändern. Insbesondere zwei Varianten ließ er einüben: ein 4-1-4-1 sowie ein 4-3-2-1. Gegen den BVB, der unter Jürgen Klopp meist in einer 4-2-3-1-Grundordnung spielt, sind die Vorteile beider Formationen, dass sie im Mittelfeld die Anordnung des Gegners spiegeln: Die drei Hamburger in der Zentrale träfen unmittelbar auf Gegenspieler.

Taktische Defizite, mentale Probleme

Das ist deshalb gut, weil den Spielern des HSV der Zugriff auf ihre Gegenüber erleichtert wird. Sie müssen Gegenspieler seltener im Raum übergeben und haben im eigenen Wirkungskreis stets ein Ziel, an dem sie sich orientieren und das sie bearbeiten können. Vereinfacht gesagt: Sie müssen weniger denken und können sich auf Zweikämpfe konzentrieren.

Kompaktes Verteidigen, schnelles Umschalten - Slomkas Stärken liegen dort, wo Hamburg seine Schwächen hat. Das hat seine Anfangszeit in Hannover gezeigt, 96 entwickelte sich unter Slomka. 2009/2010 übernahm er den Club mitten in der Saison, nach Anlaufschwierigkeiten schaffte er den Klassenerhalt. Eine Wiederholung mit dem Hamburger SV ist realistisch - wenn Slomka neben den taktischen Defiziten auch die mentalen Probleme in den Griff bekommt. Dann sollte der Kader des HSV drei andere Mannschaften hinter sich lassen können.

Aber was kommt dann? In Hannover tat sich viel nach dem Klassenerhalt. Zur Saison 2010/2011 tauschte Slomka die halbe Mannschaft aus und impfte der Elf seine Idee von Fußball ein. High-Speed-Angriffe, kollektives Umschalten: Vom Fast-Absteiger entwickelte sich 96 zum Champions-League-Anwärter, der vierte Rang, den der Club am Ende belegte, ist die beste Platzierung in seiner Bundesliga-Geschichte. Dann ging es allmählich bergab.

Die Liga lernte, wie Slomka tickte, passte sich an. Dem Trainer gelang es nicht, seine Mannschaft weiterzuentwickeln, ihr etwa ein Konzept gegen tief verteidigende Gegner zu vermitteln. 2011/2012 wurde 96 noch Siebter, im Folgejahr Neunter, nach Rang 13 in der Hinrunde der laufenden Saison folgte die Entlassung.

Sollte auch mit Hamburg der Abstieg vermieden werden, wäre das ein erster Erfolg. Im zweiten Schritt müsste Slomka zeigen, ob er mehr ist als ein Spezialist - oder nur ein weiterer Name auf der langen Liste der HSV-Trainer.

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