Sorgen in Hamburg und Hannover Nordclubs auf Schlingerkurs

Die Krise beim Hamburger SV geht weiter: Nach dem tristen Remis gegen Hannover steigt der Druck auf Trainer Bruno Labbadia - und die Ungeduld in der HSV-Führungsetage. Doch auch bei 96 hat Coach Mirko Slomka Probleme, eine Mannschaft ohne Kopf und Herz zu führen.

Trainer Labbadia (l.) und Slomka: Probleme auf den Bänken
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Trainer Labbadia (l.) und Slomka: Probleme auf den Bänken

Aus Hamburg berichtet Rainer Schäfer


Bruno Labbadia und Mirko Slomka trugen zuletzt die verhärmten Gesichter von Trainern zur Schau, die von ihren Mannschaften im Stich gelassen werden. Zumindest Slomka konnte nach der Begegnung beim HSV freundlicher in die Runde blicken, Hannover 96 holte sich nach einem torlosen Unentschieden beim HSV einen Punkt im Abstiegskampf: "Dieses 0:0 ist ganz wichtig für uns", freute sich Slomka.

Der HSV enttäuschte in einem Spiel auf niedrigem Niveau, nach dem Labbadia noch mehr in der Kritik steht. "Das haben wir uns heute anders vorgestellt", bemängelte Bernd Hoffmann, der Vorstandsvorsitzende des HSV.

Nur wenn Labbadia das Finale der Europa League am 12. Mai in Hamburg erreicht, dürfte er auch in der kommenden Saison den HSV coachen. Vom spielerisch starken Hamburger SV der Vorrunde ist derzeit nichts mehr zu erkennen. Lange Bälle in den Strafraum sollten zum Erfolg führen, spielerische Mittel kamen kaum zum Einsatz. Gellende Pfiffe waren von den Rängen zu hören. Auf die die HSV-Profis dünnhäutig reagierten: Stürmer Paolo Guerrero bewarf nach dem Abpfiff einen Zuschauer mit einer Plastikflasche. "Eine Kurzschlussreaktion", kritisierte Bruno Labbadia, der auch mit dem Spielverlauf nicht zufrieden war. "Wir sind enttäuscht, dass wir uns nicht entscheidend durchsetzen konnten."

Was Hamburg und Hannover in dieser Saison verbindet: Der große und der kleine HSV werden ihren Ansprüchen nicht gerecht. Der HSV wollte um die Meisterschaft mitspielen und sich für die Champions League qualifizieren. Jetzt bangen die Hamburger sogar um das Erreichen ihres Minimalziels: den erneuten Einzug in die Europa League. Hannover wollte sich in der Tabelle unter den zehn besten Teams platzieren.

Woran liegt es, dass beide Clubs ins Schlingern geraten sind? Labbadia trainiert auf Bewährung, von Spiel zu Spiel. Noch im vergangenen Juli wurde er von Hoffmann als Konzepttrainer präsentiert. Der die Spielphilosophie des HSV über Jahre bestimmen und den Club an die europäische Spitze führen sollte. Doch auch bei einigen seiner Profis ist Labbadia inzwischen nicht mehr gut gelitten. Er hängt einem arbeitsintensiven Spielsystem nach. Labbadia ist ein Pressing-Fanatiker, immer wieder treibt er seine Spieler dazu an, noch einen Laufweg mehr auf sich zu nehmen. Labbadia verlangt ein gewaltiges Pensum, das seine Profis anfänglich noch mit Begeisterung absolvierten. Inzwischen wird es mit Murren und Widerwillen abgespult.

Labbadia ist eine Trainer-Glucke, vom Format eines Volker Finke. Der kümmerte sich in Freiburg auch um die Einstellung der Putzfrau, um keine Überraschung erleben zu müssen. Labbadia ist ein Trainer, getrieben von enormem Ehrgeiz, der zu schnell zu viel will. Er kennt nur ein Tempo: Vollgas. Eine Gangart, in der man sich schnell verbraucht. Aber auch sein Chef Hoffmann wird geleitet von einer ausgeprägten Ungeduld, die es verhindert, sein Amt mit Weitblick auszuüben.

Ungeduld in der HSV-Führungsetage

Hoffmann will endlich wieder einen Titel nach Hamburg holen, den letzten holte der HSV 1987, den DFB-Pokal. Hoffmann will viel Gutes für den HSV, aber richtet mit seiner notorischen Ungeduld Schaden an. Labbadia ist der siebte Trainer in den sieben Jahren, die Hoffmann sein Amt ausübt. Nach der vergangenen Saison demontierte Hoffmann Sportchef Dietmar Beiersdorfer, den er als Bremsklotz der Entwicklung ausgemacht hatte. Jetzt zweifelt Hoffmann nach wenigen Monaten an Labbadia. Ginge man mit dem Vorstandsvorsitzenden so hart ins Gericht wie der mit dem Coach, wären seine Tage beim HSV gezählt.

In Hannover arbeitet Präsident Martin Kind seit 1997 daran, mit 96 eine Bundesliga-Größe zu etablieren, so wie sie Bremen mit dem SV Werder besitzt. Der Unternehmer Kind sieht sich gerne als Macher, der Konzepte entwickeln und umsetzen kann. Im Fußball wirkt er seltsam hilflos. Sieben Manager hat Kind verschlissen, die Trainer geben sich die Klinke in die Hand. Beraten wird Kind von Dieter Schatzschneider, einst Stürmer bei Hannover, dem HSV, Schalke 04 und eine zweifelhafte Stütze. Die laufende Saison droht zum Desaster zu geraten: Mit Mirko Slomka versucht schon der dritte Trainer nach Dieter Hecking und Andreas Bergmann den Abstieg zu verhindern.

Slomkas schwere Aufgabe in Hannover

Hannover hat den wohl kuriosesten Kader der Liga zusammengestückelt. Es ist eine krude Mischung aus orientierungslosen Talenten, abgetakelten Ex-Nationalspielern wie Mike Hanke und Profis wie Sergio Pinto, die sich viel zu oft im unteren Bereich der Bundesliga-Tauglichkeit tummeln. Hannover fehlt der Kopf und manchmal auch das Herz, da wird es schwierig zu überleben. Diesem Team Esprit einzuhauchen, ist Sysiphus-Arbeit. Dass Mirko Slomka im Januar den Job übernommen hat, zeugt von Mut, vielleicht von Verzweiflung. In Hannover kann sich Slomka, der nach seiner Entlassung im August 2008 bei Schalke Arbeit suchend war, seinen Ruf verderben.

Aber es wäre keine österliche Barmherzigkeit und Nachsicht, den Trainern Slomka und Labbadia mehr Zeit einzuräumen. Slomka hätte es verdient, mit einer Mannschaft zu arbeiten, die er nach seiner Vorstellung zusammenstellen kann. Bruno Labbadia hat im ersten Saison-Drittel mit bezauberndem Offensivfußball bewiesen, dass er alle Anlagen hat, um zum Spitzentrainer zu reifen. Wenn er die Zeit dazu erhält.

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