Sorgenkind Metzelder Patzt, wackelt und hat Luft

Er hatte viele Chancen, die Zweifel an seiner Person auszuräumen - und nutzte keine. Nun soll Christoph Metzelder auch am Montag im entscheidenden Spiel gegen Österreich spielen. Der Innenverteidiger gibt sich gelassen, unser EM-Reporter Christian Gödecke ist es nicht.


Zu einer Zeit, in der über Antworten auf dem Platz gesprochen wird, stellt Christoph Metzelder eine Frage. "Wir müssen uns fragen, wie sind wir wieder in der Lage, Power-Fußball zu spielen und uns zu pushen", sagt Metzelder. Der Verteidiger wurde von der Presseabteilung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) auf das Podium des Medienzentrums in Tenero gesetzt, was immer ein sicheres Indiz dafür ist, dass gerade viele Journalisten Fragen an Metzelder haben. Und Antworten haben wollen. Dort oben sitzt auch DFB-Mittelfeldspieler Torsten Frings, die Arme aufgestützt, daneben wirkt Metzelder in sich gekehrt. Frings sagt, es interessiere ihn "ehrlich gesagt nicht, wer bei den Österreichern spielt", und das klingt so, als müsse jeder Österreicher morgen im entscheidenden Gruppenspiel (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) Angst vor der deutschen Nummer acht haben. "Ich denke, bei allem Respekt vor den Österreichern, wenn wir uns auf unsere Stärken besinnen, werden wir das Spiel gewinnen", sagt Metzelder. Er will das gleiche sagen, aber es klingt anders.

Es gibt niemanden in dieser deutschen Mannschaft, der derzeit so viele Fragen aufwirft wie dieser Metzelder. Weil keiner so viele falsche Antworten gegeben hat wie dieser Metzelder. Der mit wenig Spielpraxis von Real Madrid ins Trainingslager anreiste und versprach, das würde kein Problem werden. Der in beiden Vorbereitungsspielen schwächelte und betonte, zum Turnierstart werde das behoben sein. Und der dann gegen Polen (2:0) zwei Fehler machte und gegen Kroatien (1:2) einen.

"2006 hatten wir in der Abwehr ja auch zunächst Probleme", sagt Metzelder nun und auch, dass man jetzt "keine Grundsatzdiskussion über die Fitness führen dürfe. "Wir waren in den vergangenen zweieinhalb Jahren immer eine der fittesten Mannschaften."

Die Vergangenheit wird oft bemüht in den vergangenen Tagen, weil sie Halt gibt. Das Team habe doch nach Rückschlägen immer wieder eine Reaktion gezeigt, beteuern Frings oder Joachim Löw. Unter dem Bundestrainer Löw wurden noch nie zwei Spiele in Folge verloren. Und reicht es nicht, wie immer, sich gegen Österreich einfach wieder voll zu konzentrieren?

Die Vergangenheit gibt Halt, wenn man die passende Vergangenheit bemüht. Aber sie kann auch Angst machen. Dann, wenn Skeptiker auf die beiden zurückliegenden Europameisterschaften verweisen, in denen es jeweils ein Entscheidungsspiel in der finalen Vorrundenpartie gab. 2000 gegen Portugal (0:3), 2004 gegen Tschechien (1:2).

"Wir brauchen nicht in die Vergangenheit zu schauen", sagt Manager Oliver Bierhoff, als er auf die Blamage von Cordoba gegen Österreich 1978 angesprochen wird. Aber dann berichtet er, dass die letzten beiden Europameister Frankreich und Griechenland eine Vorrundenniederlage erlitten hätten auf dem Weg zum Titel.

Es gibt immer zwei Wahrheiten. Das gilt auch im Fall von Christoph Metzelder.

Der Verteidiger lief gegen Polen dem schnellen Stürmer Ebi Smolarek davon. Auch Ivica Olic oder Niko Kranjcar waren in Laufduellen mit Metzelder chancenlos. Er ist fit, das darf man nach den beiden Spielen sagen, und damit hat der Mann von Real Madrid zumindest ein Versprechen aus dem Trainingslager von Mallorca eingelöst. Und einen Zweifel ausgeräumt.

Aber Metzelder hat sowohl gegen Polen als auch Kroatien wichtige Zweikämpfe verloren. Vor der Großchance der Kroaten zum 2:0 das Kopfballduell gegen Kranjcar, gegen die Polen Matej Zurawski oder Roger Guerreiro. Wenn Metzelder nicht funktionierte, wurde es gefährlich. Die Abstimmung mit dem Innenverteidigerkollegen Per Mertesacker wirkte unausgegoren. Man merkt dem 27-Jährigen an, wie viel Kraft und Konzentration es ihn kostet, keine Fehler zu machen.

Das zweite Versprechen von Mallorca, diese "Kleinigkeiten" abzustellen, das Gefühl für die Abstände, die Abstimmung und das Timing im Zweikampf wiederzufinden, hat Metzelder nicht eingelöst.

Und trotzdem soll Christoph Metzelder gegen Österreich spielen. Die Frage muss erlaubt sein: Warum?

50.000 frenetische Zuschauer im Wiener Ernst-Happel-Stadion. Elf Österreicher, die unsterblich werden können, weil sie Deutschland aus dem Turnier geworfen haben. Das entscheidende Gruppenspiel, in dem jeder gewonnene Zweikampf zählt. Das keine Fehler verzeihen wird. Gegen ein Team, das in seinen beiden Partien besser war als Kroatien und Polen. Darf dieser Kampf, diese Partie mit dramatischen Vorzeichen, zu einem weiteren Übungseinsatz für Metzelder werden?

Viele Bundestrainer haben in der Vergangenheit den Fehler gemacht, verdienstvollen Spielern die Teilnahme an großen Turnieren aus einem Gefühl der Dankbarkeit heraus zu ermöglichen. Metzelder hat große Verdienste, und ja: Er war gegen Kroatien nicht allein an der Niederlage schuld. Ein Innenverteidiger ist immer nur so gut, wie es die Abwehrarbeit der Stürmer und Mittelfeldspieler zulässt.

Aber das sind nur schwache Argumente gegen die Feststellung, dass Metzelder in zwei Tests und zwei Vorrundenspielen nicht die Zweifel daran ausräumen konnte, dass fehlende Spielpraxis durch Erfahrung kompensiert werden kann.

"Man muss die Arbeit des Bundestrainers vor allem an der Leistung zwischen den Turnieren beurteilen", sagt Christoph Metzelder. Nur für Innenverteidiger gilt das sicher nicht.



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