Spanien besiegt Deutschland Triumph der Zauberkünstler

Es war ein dramatisches Finale - und ein verdienter Sieg: Spanien ist Europameister. Mit einem einzigen Tor und vielen Chancen dominierte die Mannschaft die Deutschen, holte den ersten großen Titel seit 44 Jahren. Löws Truppe kämpfte und kam doch kaum durch.
Von Mike Glindmeier und Jan Reschke

Hamburg - Noch viele Minuten nach dem Schlusspfiff saß Bastian Schweinsteiger auf dem Rasen, vor dem Tor, und konnte es nicht fassen. Andere deutsche Spieler streunten mit ihren Vizemeistermedaillen um den Hals durch das Stadionrund, Joachim Löw blickte ins Leere - da bekamen die Spanier gerade ihren Pokal überreicht und paradierten zu ihrer Fankurve, zu "We are the Champions", und stimmten schließlich an: "Olé, olé, olé!" Es regnete Konfetti und Papierschlangen, die Zuschauer auf den rot-gelben Rängen jubelten den neuen Europameistern zu.

Zu diesem Zeitpunkt trägt Deutschland Trauer: Das Team von Bundestrainer Joachim Löw musste sich in den 90 Minuten zuvor in einem spannenden EM-Finale 0:1 (0:1) gegen technisch überlegene Spanier geschlagen geben. Den Treffer des Abends erzielte Stürmer Fernando Torres. "Wir haben nie geglaubt, so weit zu kommen, wir sind einfach glücklich. Das ist überwältigend, das werden wir jetzt erstmal genießen. Wir waren das ganze Turnier über gut, ich denke wir waren die beste Mannschaft", sagte der 24-jährige Torres.

Obwohl Kapitän Michael Ballack trotz Wadenproblemen von Beginn an auflaufen konnte, blieb Löw der Traum vom ersten Auswahltitel seiner Trainerkarriere verwehrt. "Die Mannschaft hat Großartiges geleistet. Wir waren heute aber nicht ganz auf dem Niveau, auf dem wir sonst spielen können", sagte Löw. Auch bei Michael Ballack, der bereits bei der WM 2002 mit der DFB-Auswahl nur den zweiten Platz erreichte, saß der Frust tief: "Natürlich ist das enttäuschend, aber wir haben eine hervorragende EM gespielt. Wir haben ein, zwei Fehler zu viel gemacht. Die Spanier haben nicht unverdient gewonnen. Uns hat ein wenig die Kraft gefehlt, das Turnier war lang. Wir wollten, konnten aber nicht mehr."

Die Spanier feiern dagegen mit dem Sieg nach 44 Jahren erstmals wieder einen Triumph bei einem großen Turnier. Dabei begann Spanien ungewohnt nervös. Die Partie lief gerade knapp drei Minuten, da spielte Außenverteidiger Sergio Ramos kurz vor dem eigenen Strafraum unbedrängt einen katastrophalen Fehlpass auf Innenverteidiger Carles Puyol. Miroslav Klose, die einzige Spitze im DFB-Team, schaltete schnell und eroberte den Ball, konnte ihn aber nicht aufs Tor bringen.

Fünf Minuten später ließ Klose den in diesem Turnier bis dahin überragenden Ramos stehen und legte den Ball an Puyol vorbei zu Thomas Hitzlsperger, dessen Flachschuss aber direkt in den Armen des spanischen Torhüters Iker Casillas landete. Die rechte Abwehrseite der Spanier mit dem Verteidigerduo Ramos von Real Madrid und Puyol vom FC Barcelona harmonierte in der Anfangsphase in etwa so wie die beiden Fangruppen der spanischen Top-Clubs.

Die Iberer konnten sich zu Beginn der Partie nur schwer vom Druck der DFB-Elf befreien. Die erste Chance für Spanien leitete Thomas Hitzlsperger mit einem leichtfertigen Ballverlust im Mittelfeld ein. Über Andrés Iniesta gelangte der Ball auf den linken Flügel zu Xavi, dessen Pass in der Mitte von Innenverteidiger Christoph Metzelder gefährlich in Richtung des deutschen Tores abgelenkt wurde. Doch Jens Lehmann reagierte glänzend und klärte zur Ecke (15.).

Nach starkem deutschen Beginn kamen die Spanier

Deutschland ließ den Gegner jetzt etwas besser ins Spiel kommen und hatte in der 22. Minute Glück, dass der Pfosten nach einem präzisen Kopfball von Torres für den geschlagenen Lehmann rettete. Die einzige Spitze der Spanier übersprang nach einem sehenswerten Pass von Ramos Verteidiger Per Mertesacker.

Zehn Minuten später machte es Torres besser. Nach einem Steilpass von Xavi ließ der Stürmer des FC Liverpool auf der rechten Seite Metzelder sowie Außenverteidiger Philipp Lahm hinter sich - und schlenzte den Ball von der Strafraumgrenze über den herausstürzenden Lehmann ins linke Toreck. Danach wirkte Deutschland verunsichert.

Lukas Podolski rannte sich in der spanischen Abwehr fest, die Standardsituationen, mit denen die DFB-Elf die körperlich unterlegenen spanischen Verteidiger in Gefahr bringen wollte, blieben wirkungslos. Zwei Freistöße von Rechtsaußen Schweinsteiger und Hitzlsperger vor der Pause landeten beim Gegner, der die Führung so mühelos mit in die Kabine nahm.

Nach 45 Minuten hätte es auch Unentschieden stehen können

Trotz der spanischen Überlegenheit hätte es nach 45 Minuten auch Unentschieden stehen können. Mitte der ersten Halbzeit sprang Spaniens Linksverteidiger Joan Capdevilla nach einem technischen Fehler beim Stoppen der Ball im Strafraum an die Hand, doch Schiedsrichter Roberto Rosetti ließ weiterspielen.

Auch die zweite Halbzeit begann für die deutsche Auswahl mit einem Rückschlag. Lahm musste aufgrund einer Fleischwunde am Fuß ausgewechselt werden, der Bayern-Profi wurde durch seinen Vereinskollegen Marcell Jansen ersetzt. Doch der 22-Jährige konnte das teilweise konfuse Auftreten der Deutschen nicht verhindern.

Torsten Frings gelang es nicht, den Ball schnell und präzise aus der Abwehr ins Mittelfeld zu befördern, sowohl Podolski als auch Schweinsteiger verrannten sich mehr und mehr in der spanischen Viererkette. Dementsprechend hing Klose vorne meist in der Luft und musste hilflos mitansehen, wie die Spanier immer wieder knapp neben das deutsche Tor schossen. Ein wenig Hoffnung kam nach der Einwechslung von Stürmer Kevin Kuranyi auf, der in der 58. Minute für Hitzlsperger den Rasen betrat. Nur zwei Minuten später hatte erst Ballack nach Vorarbeit von Schweinsteiger die Möglichkeit zum Ausgleich, schoss aber knapp neben das Tor. Sekunden später wurde dann Kuranyi im Strafraum freigespielt, doch dem Schalker versprang der Ball, zudem stand er im Abseits.

Kopfstoß gegen Podolski - aber keine Rote Karte

Trotzdem beflügelte diese Doppelchance das deutsche Aufbauspiel - und die Spanier wurden nervös. Sogar so nervös, dass Silva nach rund einer Stunde Podolski während eines Disputes über einen Zweikampf einen leichten Kopfstoß gab. Trotz wütender Proteste von Ballack und Löw zeigte Rosetti keine Karte.

Das Spiel hatte sich zu diesem Zeitpunkt zu einem offenen Schlagabtausch entwickelt - mit mehr Möglichkeiten für Spanien. Erst parierte Lehmann einen Kopfball von Ramos mit einem Reflex (67.), dann rettete Frings einen Schuss von Iniesta auf der Linie (69.). Am Ende waren die Spanier dem 2:0 sogar näher als Deutschland dem Ausgleich - und feierten mit dem Schlusspfiff den ersten großen Titel seit dem EM-Gewinn von 1964."Das muss man erstmal verdauen, das geht nicht von heute auf morgen. Wir müssen die hohe Qualität der spanischen Mannschaft anerkennen", so Löw.

Der fehlerfreie Lehmann sagte: "Ich bin sehr enttäuscht über den Ausgang des Finales. Es war wohl meine letzte Europameisterschaft. Es kommen jetzt Gedanken auf: Vielleicht hätte man etwas besser machen können. Der Konjunktiv ist der Feind des Verlierers, auch wenn wir das Maximum rausgeholt haben."

Der Sieger verliert seinen Erfolgscoach Luis Aragonés: Der ehemalige Weltklassestürmer hatte schon vor dem Endspiel seinen Rücktritt angekündigt. "Wir haben die Sache gut gemacht. Wir haben gewonnen, Punkt, Aus. Ich werde nicht an der Spitze der Mannschaft bleiben. Mir ist keine Möglichkeit gegeben worden, um zu bleiben", sagte Aragonés in der Stunde des Triumphs seiner Zauberkünstler.

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