Spaniens 6:0-Sieg gegen Deutschland Endlich das eine große Spiel

Der Mittelfeldstratege Rodri steht für einen Umbruch in der spanischen Nationalmannschaft, der endlich Früchte trägt. Das Schützenfest gegen Deutschland war für ihn, Teamkollegen und Trainer eine Befreiung.
Von Florian Haupt, Barcelona
Jubelnde Spanier: »Wir haben sie in allen Facetten des Spiels dominiert«

Jubelnde Spanier: »Wir haben sie in allen Facetten des Spiels dominiert«

Foto: Jose Manuel Vidal/EPA-EFE/Shutterstock

Zum Tusch eines historischen Abends packte Rodrigo Hernández Cascante, »Rodri«, dann noch die Schaufel aus. Quasi aus dem Stand schob er den Fuß unter den Ball und hob eine »vaselina« – einen Lupfer – über das, was sich deutsche Defensive nannte. Die Kugel landete im Lauf von José Luis Gayà, der zu Mikel Oyarzábal: 6:0.

Der Pass von Rodri über zwei erstarrte Abwehrreihen hinweg drückte die komplette Unterwerfung aus. Das Kaninchen Deutschland konnte nur noch in Schaudern erwarten, was die Schlange Spanien als nächstes ausheckte. »Wir haben sie in allen Facetten des Spiels dominiert«, bilanzierte Rodri, »taktisch, physisch, mental.«

Mancher mochte sich an ein ähnlich überwältigendes Ergebnis aus dem August erinnern. Damals verlor der FC Barcelona haushoch gegen einen FC Bayern, der die Achse einer Nationalelf stellt, die nun von einem ehemaligen Barça-Trainer demontiert wurde. 6:0 nach 2:8, quasi der Ausgleich. Für alle, die mit der Krise spanischer Mannschaften der vergangenen Jahre gleich einen ganzen Spielstil beerdigen wollten, war der Abend von Sevilla keine Argumentationshilfe. Es kommt eben immer noch zuvorderst darauf an, wie man welchen Stil auch immer zur Aufführung bringt.

Busquets Verletzung als Türöffner

Passfußball, Pressing und Ballbesitz: Luis Enrique hatte sein Credo wieder und wieder gegen harsche Kritik verteidigt, als die mäßigen Ergebnisse – bis zum Spiel gegen Deutschland nur ein Sieg aus den vergangenen fünf Spielen – nicht mit der statistischen Dominanz mithielten. Nachdem in der Schweiz dreimal so viele Pässe wie der Gegner abgegeben worden waren, aber das Spiel nur 1:1 ausging, bekräftigte er: »Unser Plan bleibt klar. Pressen, dominieren und dem Gegner so wenig wie möglich den Ball geben.«

Um so spielen zu können, braucht es einen Fußballer wie Rodri. Mit Augen scheinbar überall, der Antizipation für Lücken, dem Instinkt für den Moment zum Pressing, dem Gefühl für den richtigen Rhythmus, der Fähigkeit, eine weit aufrückende Abwehr gegen Konter abzusichern. Im großen Spanien war Sergio Busquets dieser Spieler, und Busquets – nicht Rodri – wäre wohl auch am Dienstag aufgelaufen, hätte er sich nicht zuletzt in der Schweiz verletzt. Ob der 32-Jährige nach Rodris Demonstration noch einmal zurück in die Startelf kommt, darf als fraglich gelten.

Spanier Rodri (l.): Ersetzte Busquets – auch in Zukunft?

Spanier Rodri (l.): Ersetzte Busquets – auch in Zukunft?

Foto: Fran Santiago / Getty Images

Der 24-jährige Madrilene Rodri wurde in Spanien früh als Busquets' Klon gefeiert. Eine Anstellung in Barcelona wäre logisch gewesen, aber da spielt ja das Original, und so landete Rodri quasi zwangsläufig bei der Auslandsabteilung des Tiki-Taka, dem von Pep Guardiola trainierten Manchester City. 70 Millionen Euro gingen dafür 2019 an Atlético Madrid.

Finalturnier gibt Selbstvertrauen

Bis Sevilla hieß es, ihm fehle einfach nur noch das eine große Spiel. Jetzt hat er es, so wie die ganze Mannschaft, in der Rodri mit seinem 17. Länderspiel nach Abwehrchef Sergio Ramos (mit Muskelproblemen früh ausgewechselt) sowie den Rückkehrern Koke und Morata schon der vierterfahrenste Akteur war.

Profis wie sein 20-jähriger Vereinskollege Ferran Torres, dreifacher Torschütze, die ähnlich brillanten Pau Torres (23, Villarreal), Fabián (24, Neapel), Gayà (25, Valencia) oder auch Bundesligaprofi Dani Olmo (22, Leipzig) werden künftig mit dem Selbstverständnis auftreten, das ihnen bisher wegen ihrer Karrieren abseits von Real Madrid, Barça und Atlético fehlen musste. »So ein Finalturnier zu erreichen, gibt einer jungen Gruppe wie uns Zutrauen und Kredit«, sagte Rodri, der nun im Oktober 2021 mit Spanien im Final Four der Nations League antreten wird.

Auch für die wenigen Routiniers war das 6:0 eine Befreiung. Erstmals seit dem gloriosen Titelzyklus zwischen 2008 und 2012 hat Spanien ein Spiel gewonnen, bei dem Sieg oder Niederlage über das Erreichen einer nächsten Runde entschieden. Wie sehr all die Kritiken während dieser Zeit geschmerzt haben müssen, verrieten die Worte des 28-jährigen Morata: »Jetzt möchte ich mal sehen, was über uns gesagt wird. Ich freue mich schon darauf, zu Hause nachzuschauen.«

Torhüter Simón verdrängt die Flatterkandidaten

Der Sieg war auch durch richtige Entscheidungen von Luis Enrique möglich geworden: Einerseits trieb er seine Revolution voran, indem er Unai Simón, 23, von Athletic Bilbao vor den prominenten Flatterkandidaten De Gea und Kepa zum Stammkeeper beförderte. Andererseits erwies sich der Rückruf von Mittelfeld-Allrounder Koke nach zwei Jahren Pause als ebenso fundamental wie die Reintegration des formstarken Morata, der nicht nur echte Stürmertore schießt wie beim Kopfball zum 1:0, sondern durch seinen Radius auch die gegnerische Innenverteidigung aus der Position zieht.

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CRISTINA QUICLER / AFP

»Ich habe ja schon (in den vergangenen Tage Anm. d. Red.) gesagt, dass meine Mannschaft mich anmacht, und das war keine Pose«, sagte der Coach nun. Dass zu dem »Spiel, wie du es selten siehst, wo alles perfekt klappt, was du geplant hast« auch ein lust- und harmloser Gegner gehört hatte, verschwiegen die Spanier höflich. Das Resümee zog Rodri: »Heute haben wir eine Mannschaft in ihrer vollen Blüte gesehen. Das ist Spanien: eine Auswahl, die 6:0 gegen Deutschland gewinnen kann.«

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