Spanien - England Rassismus-Eklat bringt Politiker in Rage

Es sollte nur ein Freundschaftsspiel zwischen Spanien und England in Madrid werden. Doch der 1:0-Sieg der Gastgeber war anschließend Nebensache. Mit Affengebrüll gegen dunkelhäutige Spieler machte das Publikum nicht nur den englischen Nationalcoach wütend. Inzwischen haben sich die Regierungen beider Länder eingeschaltet.


Spanische Fans beim Spiel gegen England: Rückfall in unsägliche Zeiten
REUTERS

Spanische Fans beim Spiel gegen England: Rückfall in unsägliche Zeiten

Madrid - Der englische Verband hat nach den Vorfällen im Madrider Bernabeu-Stadion sowohl die Fifa als auch die Uefa aufgefordert, sich der Sache anzunehmen. Ein Teil der 55.000 Zuschauer im Stadion war bei jeder Ballberührung der englischen Nationalspieler Jermaine Jenas, Ashley Cole and Shaun Wright-Phillips in Affengebrüll verfallen und hatte immer wieder rassistische Gesänge ("Hüpfe, wenn du kein verdammter Neger bist") angestimmt. Bereits am Tag zuvor, beim U21-Länderspiel in Alcalá de Heneras, hatten sich die Engländer über die rassistischen Sprechchöre des spanischen Publikums beschwert. Nach der Partie war es in Madrid auch zu Auseinandersetzungen zwischen Hooligans beider Lager gekommen. Dabei wurden 16 Personen verletzt.

"Das war das Schlimmste, das mir je widerfahren ist", sagte Jenas, "es war skandalös." Es müsse etwas geschehen, foderte der englische Auswahlkicker. "Ich war von den Reaktionen des Publikums total entsetzt und werde das dem spanischen Sportminister in einem Schreiben mitteilen. Weder in einer modernen Gesellschaft noch beim Fußball darf sich der Rassismus breit machen", schimpfte der britische Sportminister Richard Carbon am Tage nach der 0:1-Niederlage. Abwehrspieler Asier del Horno hatte bereits nach acht Minuten im 500. Länderspiel der Spanier den 1:0-Siegtreffer für die Gastgeber erzielt.

"Ich bin fest davon überzeugt, dass auf höchster Stufe Maßnahmen ergriffen werden müssen", so Carbon weiter. Auch der britische Europaminister Denis McShane verlangte von den Verantwortlichen in Spanien eine "öffentliche Entschuldigung". Premierminister Tony Blair ließ über einen Sprecher mitteilen: "Rassismus hat im Sport und anderen Bereichen nichts zu suchen." Piara Powar, Sprecher der Anti-Rassismus-Organisation "Kick it out", forderte gar: "Die Uefa muss Spanien mit einem Stadionverbot bestrafen."

Déjà-vu für Eriksson

Englands Nationaltrainer Eriksson wunderte sich über den Rückfall in unsägliche Zeiten. "Ich glaube, dass wir in England bei der Bekämpfung des Rassismus weiter sind als andere Länder", sagte der Schwede. Bereits als Trainer des italienischen Erstligisten Lazio Rom Ende der neunziger Jahre war Eriksson aufgrund der Verfehlungen der Lazio-Fans mit dem Thema konfrontiert gewesen. "Hier müssen die Offiziellen einschreiten. Der englische und der spanische Verband sowie die Uefa sind nun am Zuge. Ich kann mit Rassismus nichts anfangen, und im Jahr 2004 sollte dies in keinem Land mehr geschehen", so der 56-Jährige.

Beschimpfter englischer Nationalspieler Ashley Cole (r.): "Enttäuschend - egal, wo es passiert"
AFP

Beschimpfter englischer Nationalspieler Ashley Cole (r.): "Enttäuschend - egal, wo es passiert"

Eine Sprecherin der Uefa sagte am Donnerstag, da das Spiel ein Freundschaftsspiel war, sei die Fifa der korrekte Ansprechpartner. Der Weltverband wiederum verurteilte "diese rassistischen Auswüchse" und kündigte eine Entscheidung zu einem späteren Zeitpunkt an, da in der Fifa-Zentrale bislang kein Schreiben vom englischen Verband eingegangen sei. Fifa-Boss Joseph Blatter betonte jedoch: "Rassismus und Diskriminierung haben in unserem Sport keinen Platz. Die Welt von heute ist von Konflikten geprägt, die auf Rassismus und Diskriminierung zurückzuführen sind. Der Fußball verfügt über eine positive Ausstrahlung, die zur Bekämpfung dieser Übel genutzt werden muss."

Auch David Beckham beschwerte sich auf der offiziellen Website des englischen Fußballverbandes über die Vorfälle im Bernabeu-Stadion, wo er mit seinem Club Real Madrid Woche für Woche spielt. "So etwas ist enttäuschend. Egal, wo es passiert, denn wir wissen, alle wie bescheuert das ist", sagte der Kapitän des englischen Nationalteams. Der "Daily Telegraph" schrieb über die Skandalpartie: "England hat ein Fußballspiel verloren, doch Spanien hat auf beschämende Weise etwas viel Wichtigeres verloren - sein Anrecht, als zivilisierte Fußballnation betrachtet zu werden." Die "Daily Mail" erkannte "kranken, rassistischen Spott".

Bereits im Vorfeld der Begegnung hatte es Diskussionen über Rassismus gegeben. Die britische Presse hatte in ihren Berichten immer wieder Spaniens Nationalcoach Luis Aragonés angegriffen, der vor Monaten während einer Trainingseinheit den französischen Stürmer Thierry Henry (FC Arsenal) als "Scheißneger" bezeichnet hatte, um seinen Spieler José Antonio Reyes zu motivieren. Die Rassismus-Vorwürfe hatte Aragonés mit einem Hinweis auf die koloniale Vergangenheit der Briten gekontert.

Die spanische Regierung verurteilte inzwischen die jüngsten rassistischen Beleidigungen "auf das Schärfste". Zugleich wurde aber auch darauf hingewiesen, dass die Schmährufe nur von einer "Minderheit" der Zuschauer ausgegangen seien. Die spanische Presse kritisierte zudem die ruppige Spielweise der Engländer. "Sie traten nur um sich", titelte das Sportblatt "As". Englands Torjäger Wayne Rooney stand nach einer Serie rüder Fouls am Rande eines Feldverweises. Eriksson wechselte den Jungstar noch vor der Pause aus, um ihm die Rote Karte zu ersparen.



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