Spanische zweite Liga Wegschauen bei Rassismus, Spielabbruch bei "Nazi"-Rufen

Erstmals führten im spanischen Profifußball Zwischenrufe von Fans zum vorzeitigen Ende einer Partie. Nun diskutiert das Land: Wann ist ein Spielabbruch gerechtfertigt - und wann nicht?
Roman Zozulya spielt seit 2017 für Albacete Balompié (Archivbild)

Roman Zozulya spielt seit 2017 für Albacete Balompié (Archivbild)

Foto: DeFodi/ imago images

Am Sonntagabend ist in Spanien passiert, was bei rassistischen Affenrufen nie passierte, nicht bei einem Bananenwurf auf Dani Alves in Villarreal, nicht bei der Verhöhnung eines baskischen Todesopfers von Fangewalt als Eta-Terrorist, nicht bei Vergewaltigungswitzen über Gerard Piqués Ehefrau Shakira und auch nicht vor zwei Wochen, als die Fans von Atlético Madrid beim Gastspiel des FC Barcelona die Aktionen ihres Ex-Spielers Antoine Griezmann mit Gesängen von "Griezmann stirb" begleiteten.

Am Sonntagabend also wurde erstmals ein Spiel abgebrochen, die Zweitligapartie Rayo Vallecano gegen Albacete Balompié. Ein geringer Teil der Heimfans hatte den ukrainischen Albacete-Stürmer Roman Zozulya als "verdammten Nazi" bezeichnet. Nach der Halbzeitpause pfiff Schiedsrichter López Toca nicht wieder an.

Die Affäre hat eine lange Vorgeschichte.

Im Februar 2017 wollte Rayo den Spieler von seinem damaligen Klub Betis Sevilla ausleihen. Die traditionell linken Ultras des Klubs aus dem Madrider Stadtteil Vallecas starteten dagegen eine Kampagne. Sie hatten sowohl Sympathiebekundungen von Zozulya für rechtsradikale Paramilitärs entdeckt als auch ein Foto, auf dem er in einer Basketballhalle vor einer Anzeigentafel mit dem Ergebnis 14:88 posierte (beide Zahlen sind Neonazi-Chiffren).

Ihre Kampagne unter dem Motto "Not Welcome" gelangte bis nach München, wo sich die Bayern-Ultras mit ihr solidarisierten - und sie erreichte den gewünschten Zweck. Zwar versuchte Rayos Präsident Raúl Martín Presa, den Transfer durchzuziehen, und der Spieler erklärte, er sei "kein Nazi", sondern ein "ukrainischer Patriot" in angespannter Lage (dem Krieg mit Russland). Aber während der Spieler die Echtheit der Fotos bis heute weder bestätigt noch dementiert hat, gab er nach einer Trainingseinheit schnell auf. Er ging zurück nach Sevilla, von wo aus er im Sommer 2017 nach Albacete wechselte.

Wo ist die rote Linie?

Als sein neuer Klub in jener Saison bei Rayo antrat, ließ der Trainer ihn lieber zu Hause. Nun kam es nach Rayos zwischenzeitlichem Gastspiel in der ersten Liga zum ersten Auftritt Zozulyas in Vallecas. Der 30-Jährige spielte von Beginn an, und während der Schiedsrichter via Stadionsprecher während der ersten Halbzeit zweimal ein Ende der Rufe verlangte, ließ sich Zozulya nichts anmerken - außer einer lächelnd-ironischen Geste beim Gang in die Halbzeitpause, der in Vallecas direkt an der Heimkurve vorbeiführt.

Fan von Rayo Vallecano (Archivbild)

Fan von Rayo Vallecano (Archivbild)

Foto: Benjamin Cremel / AFP

In der Kabine soll er dann "in Tränen ausgebrochen" sein, wie Albacete berichtete. Die Gäste baten López Toca um den Abbruch. Rayo stimmte zu, Liga und Verband segneten ihn ab, und die Fans sangen jetzt: "Zozulya, war doch nur Spaß" oder: "Zozulya ist Kommunist".

Ist es schlimmer, einen Spieler als Nazi zu bezeichnen als ihm den Tod zu wünschen? Wer definiert so etwas, und wie viele Schreier müssen es sein? Spielte am Ende gar eine Rolle, dass Albacete kurz vor der Pause ein Rote Karte kassierte und also zu Zehnt das bis dahin gültige 0:0 hätte verteidigen müssen?

Solche Fragen beschäftigten Spanien am Montag nicht weniger als die Champions-League-Auslosung oder der bevorstehende Clásico am Mittwoch. Denn eines scheint ja evident: Bei den Maßstäben vom Sonntag müssen künftig viele Spiele abgebrochen werden. Wenn diese Maßstäbe denn angelegt werden.

Rayo Vallecano - Klub mit Konflikten

Der Fall Zozulya ist speziell, nicht nur wegen seiner Vorgeschichte. Bei Rayo Vallecano stehen Präsident Presa und Ultras seit Jahren im Konflikt. Zozulya selbst sagte bei seinem Abschied aus Vallecas 2017, er habe das Gefühl, als "Köder" benutzt worden zu sein: "Um Strafverfahren gegen diejenigen zu eröffnen, die Mist gebaut haben." Presa hatte wiederholt Bedrohungen gegen seine Person angezeigt. Nun unterließ er die im Fußball sonst üblichen Beschwichtigungen und erklärte seinen Klub zum Opfer eines Teils des eigenen Anhangs.

Fans von Rayo Vallecano (Archivbild)

Fans von Rayo Vallecano (Archivbild)

Foto: Cesar Manso / AFP

Engagiert gegen die Bukaneros, wie sich Rayos antifaschistische Fangruppierung nennt, zeigt sich auch Ligachef Javier Tebas gern. Öffentlich - eine Strafanzeige der Liga gegen ein Dutzend Fans nach dem gescheiterten Zozulya-Wechsel versandete vor Gericht - wie offenbar im Verborgenen: Tebas habe ihm mit Geldstrafen von 10.000 Euro gedroht, sollte er die Bukaneros unterstützen, berichtete Rayos Ex-Kapitän Roberto Trashorras einmal.

Die Aversion des Ligachefs verwundert schon deshalb nicht, weil er sich politisch zu den Rechtspopulisten bekennt. Heraus kommen dann solche rhetorischen Fragen: "Bei Rayo wollen sie keine Nazis, und wenn morgen eine andere Mannschaft keine Homosexuellen will?" Damit wollte er 2017 illustrieren, dass Zozulya einem Rufmord zum Opfer falle. Doch bei den allgegenwärtigen Beleidigungen gegen Homosexuelle in den Stadien ist noch nie ein Spiel auch nur unterbrochen worden.

Gespielt wurde sogar am 30. November 2014 in Madrid, nachdem rechtsradikale Atlético-Fans vor dem Match einen Fan von Deportivo La Coruña getötet hatten. Weil das Gericht die Situation nicht klären konnte, hat es für die brutale Prügelei bis heute keine einzige Verurteilung gegeben. Nun dürften es teils dieselben Fans gewesen sein, die Griezmann den Tod an den Hals wünschten. Schiedsrichter Mateu Lahoz vermerkte die Gesänge nicht einmal in seinem Bericht.

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