Robert Moreno Spaniens No-Name-Nationaltrainer

Im europäischen Spitzenfußball ist Robert Moreno ein Unbekannter. Dabei gewann er bereits die Champions League mit Barcelona, als Co-Trainer von Luis Enrique. Dessen Schicksalsschlag machte Moreno zum Nationaltrainer.

Robert Moreno soll Spaniens Fußballfans fröhlich machen
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Robert Moreno soll Spaniens Fußballfans fröhlich machen

Von Florian Haupt


Wer sich durch die Namen der Nationaltrainer von Europas Fußballelite liest, dürfte in der EM-Qualifikation an diesem Wochenende über einen Namen stolpern. Denn neben Didier Deschamps, Roberto Mancini, Gareth Southgate, Joachim Löw oder Ronald Koeman ist in dieser Liste auch Robert Moreno zu finden.

Robert Moreno?

Wer bis vor Kurzem noch nie von dem neuen spanischen Nationaltrainer gehört hatte, kann beruhigt sein: alles andere würde ihn als pathologischen Nerd outen. Moreno hat nämlich nie professionell gegen einen Ball getreten. Und er hat bis jetzt auch noch nie hauptverantwortlich eine Männermannschaft trainiert.

Diese doppelte Unbeflecktheit dürfte in einem solch hochkarätigen Job einmalig sein. Sie ist den außergewöhnlichen Begleitumständen geschuldet. Weil der ehemalige Cheftrainer Luis Enrique seit März aus persönlichen Gründen bei den Spielen fehlte, musste Co-Trainer Moreno das Coaching übernehmen. Er machte es gut. So gut, dass die Wahl ohne große Diskussion auf ihn fiel, als Enrique im Juli seinen vollständigen Rückzug bekannt gab. Nähere Gründe waren zunächst nicht bekannt geworden, erst in der vergangenen Woche gab Enrique bekannt, dass seine neunjährige Tochter nach monatelanger Krebserkrankung gestorben war.

Wachmann, Kaufhausverkäufer, Nationaltrainer

Er habe ein Leben lang auf diesen Tag hingearbeitet, sagt Moreno: endlich Cheftrainer zu sein. Aber als Ergebnis einer familiären Tragödie seines Mentors habe er es gewiss nicht gewollt. Vor seinem offiziellen Debüt im EM-Qualifikationsspiel in Rumänien (20.45 Uhr; Stream: DAZN) rührte er das Land, als er anbot, im Falle einer Rückkehr Luis Enriques gern wieder Platz zu machen. "Er ist mein Freund, und die Freundschaft steht über jedem persönlichen Ziel im Leben, denn vor allem anderen sind wir Menschen", so Moreno. Es war eine symbolische Verneigung vor Enrique.

Der 41-Jährige ist ein Selfmade-Mann, dem zwar nicht viel Spielertalent, aber umso mehr Begeisterung in die Wiege gelegt wurde. Sein Vater war Präsident des Vereins La Florida in L'Hospitalet, einer einfachen Vorstadt Barcelonas mit endlosen Wohntürmen. Moreno begann dort mit 14 Jahren, an seiner Schule zu coachen und machte schon als Teenager die ersten Trainerscheine.

Während er als Wachmann an einer Tankstelle, in der Herrenabteilung der Kaufhauskette El Corte Inglés oder bei der Bank La Caixa jobbte und ein Studium für Internationales Management begann, verbrachte er jede freie Minute an den Amateurplätzen der Stadt. Mit seiner damaligen Freundin und heutigen Frau reiste er über das Land und nahm unzählige Spiele auf Video auf. Mit ihr gründete er auch einen Verlag für Fußballbücher, den sie mittlerweile allein leitet.

Analyst für Barcelonas zweite Mannschaft

Moreno bewunderte das Genie Johan Cruyffs, sog die taktischen Innovationen von Louis van Gaal auf, probte seine Videomethoden als Jugendcoach bei Vereinen in Barcelona und blieb dort bisweilen doch ein Unverstandener: Zu elaboriert war das alles für den unterklassigen Fußball, selbst im Laboratorium Spanien. Seine Zeit kam, als er 2008 als Analyst für die zweite Mannschaft des FC Barcelona ins Team von Luis Enrique aufgenommen wurde. Mit dem Chef ging es später weiter zu Celta Vigo, dem AS Rom, Barças erster Mannschaft, mit der er 2015 die Champions League gewann, und zur Nationalelf, wo er erstmals als alleiniger Assistent angestellt wurde.

"Ich habe gezeigt, dass ich mehr kann als Videos anfertigen", sagt er, während er Unsicherheit und Geltungsdrang ablegte. "Ich bin nicht mehr der Junge, der bei Barça B wie ein Elefant in den Porzellanladen kam und alles zeigen wollte, was er über den Fußball weiß." Tatsächlich kommt er auch deshalb so gut an, weil er nichts Streberhaftes oder Besserwisserisches ausstrahlt.

Das Land der unbegrenzten Fußballmöglichkeiten

Dennoch repräsentiert der Autor des Buchs "Mein Rezept des 4-4-2" natürlich den Typus, den man in Deutschland als "Laptoptrainer" bezeichnen würde. Vor diesem Hintergrund ist die erste Polemik seiner Amtszeit geradezu ein Treppenwitz: Im Dauerstreit von Spaniens Fußballbehörden hat die spanische Liga dem Verband das Abonnement ihrer Trainersoftware "Media Coach" gekündigt. Dabei hält Moreno viel von dem Programm - er hat es selbst mitentwickelt.

Robert Moreno (rechts) trainiert erstmals ein Männerteam als Chefcoach
Vadim Ghirda/AP

Robert Moreno (rechts) trainiert erstmals ein Männerteam als Chefcoach

Ansonsten schart der erste katalanische Cheftrainer der Selección seit 50 Jahren die Branche bisher einig hinter sich. Fragen nach seiner Unerfahrenheit parierte er stets souverän, meist unter Hinweis auf seine Jahre in einer Umkleide mit Lionel Messi oder Neymar. So wie er sich mit seinem jungenhaften Gesicht manchmal kaum von den Spielern unterscheidet, bricht auch seine offene Art manche Tradition. Welcher Spitzentrainer erzählt schon, wie er und seine Freunde mit ihren Jubelsprüngen nach einer am letzten Spieltag gewonnenen Meisterschaft 1994 eine ganze Sitzreihe in Barcelonas Camp Nou demolierten?

Und wer kann sich nicht mit dem Lebenslauf eines Mannes identifizieren, der von der Tankstelle zum Nationaltrainer aufstieg? Land der unbegrenzten Fußballmöglichkeiten - wären die Umstände nicht so traurig, man könnte glatt sagen: Robert Moreno lebt den spanischen Traum.



insgesamt 2 Beiträge
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rambazamba1968 05.09.2019
1. Trainerkompetenz
ich finde es immer interessant, wenn Trainer genommen werden, weil sie früher einen guten Doppelpass gespielt haben oder im Strafraum die Rübe hingehalten haben, wo es weh tut. Ist das eine Bewerbung für einen Trainerjob? Der Trainer muss Kompetenzen mitbringen, wie konzeptionelles Arbeiten, strategisch, soziale Kompetenz, Führungskraft sein, rhetorische Qualitäten, methodische Trainingskompetenzen haben, medizinische Grundkenntnisse, Psychologie des Spielers, usw. Und jetzt reden wir noch mal über den Doppelpass. Das ist so lächerlich.
kika2012 05.09.2019
2. Unbekannt??
Mir ist Hr Moreno keinesfalls unbekannt. Man muss sich halt ein wenig im Fussball auskennen.
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