Spaniens Erfolgsduo Del Bosque und Puyol Der Meister und sein Hai

Sie könnten gegensätzlicher nicht sein: Spaniens Nationaltrainer Vincente Del Bosque und Abwehrspieler Carles Puyol. Der eine lenkt mit ruhiger Hand, der andere arbeitet Fußball. Und doch stehen sie für das Erfolgsgeheimnis des Teams: Maximale Professionalität und unbedingter Siegeswillen.

dpa

Aus Pretoria berichtet Cathrin Gilbert


Vincente Del Bosque ist ein angenehmer Mensch. Er ist ruhig und zurückhaltend. Der Trainer der spanischen Nationalmannschaft stammt aus dem kastilischen Salamanca. Die Menschen dieser kargen Region im Nordwesten gelten als bodenständig, beinahe nüchtern. Beobachtet man, wie Del Bosque vor dem Spiel die Stirn in Falten legt, könnte man vermuten, er fühle sich im Trubel des Weltfußballs verloren.

Doch wenn man ihn fragt, sagt er in einem angenehmen Ton: "Der Fußball ist meine Welt." Zweimal gewann der 59-Jährige mit Real Madrid die spanische Meisterschaft, zweimal die Champions League. Ein Sieg am Sonntag im Finale der Weltmeisterschaft gegen Holland (20.30 Uhr, Liveticker, SPIEGEL ONLINE), "das wäre mein größter Triumph", sagt Del Bosque.

Carles Puyol wurde vor 32 Jahren in Pobla de Segur geboren, eine 3000 Einwohner umfassende Gemeinde in den Pyrenäen, dem Gebiet Kataloniens, das an Frankreich grenzt. Die Einwohner dieser Region machen kein Geheimnis aus ihrem Nationalstolz, sie sehen ihre Heimat aufgrund der historischen und kulturellen Unterschiede zum Rest Spaniens als eigene Nation an. Puyols Eltern zogen damals nicht mit dem Sohn nach Barcelona, sie arbeiteten weiterhin auf dem Land.

Der spanische Verteidiger Puyol und sein Trainer Del Bosque könnten nicht gegensätzlicher geprägt worden sein. Wahrscheinlich wären sie sich nie begegnet, hätte der Fußball sie nicht verbunden. Doch es ist genau dieses Bündnis zwischen zwei so unterschiedlichen Charakteren, das den Erfolg der spanischen Nationalmannschaft begründet.

Vertrauen als erster Stein des Scheiterns

Del Bosque musste viel Kritik auf dem Weg ins Finale ertragen. Dieser Mannschaft fehle es an Leidenschaft, sie sei nicht eingespielt, beklagte der ehemalige Nationaltrainer Luis Aragonés, der vor zwei Jahren mit nahezu denselben Spielern die Europameisterschaft gewann.

Del Bosque beschwert sich nicht über die Kommentare seines Kollegen, der Kastilier ist bekannt für seine Professionalität. "Wissen Sie", sagt er "Fußball kann gemein und grausam sein. Es können immer schlechte Momente kommen." Er glaube an die Leistung seiner Mannschaft, aber Vertrauen sei der erste Stein des Scheiterns. Ein bisschen Kritik schade deshalb nicht. Keiner solle sich zu sicher sein, dass die Mannschaft diesen Titel gewinne. Es ist eine von Del Bosques Stärken, sich nicht zu wichtig zu nehmen.

Der ehemalige Trainer Madrids stellte sieben Spieler aus der Mannschaft des FC Barcelona im Halbfinale gegen Deutschland auf. Die Mittelfeldregisseure Xavi oder Andres Iniesta ließen den Ball durch gewohnt schnelles Passspiel mit nur einer Berührung diesmal in Kombination mit ihrem Vereinskollegen Pedro zirkulieren und diktierten den Deutschen damit ihr Spiel, über das der Ehrenpräsident Barcelonas, Johan Cruyff, sagt: "Barca lehrt, nicht kräftig, sondern intelligent zu sein." Doch es war Puyol, der in der 72. Minute vom Sechzehnmeterraum heranrauschte, den Ball mit Anlauf aus weniger als zehn Metern wuchtig mit dem Kopf im rechten Toreck platzierte, nachdem Xavi einen Eckball von der linken Seite hineindrehte.

"Was für ein Sprung, was für ein Kopfball", sagte der spanische Ministerpräsident José Luis Rodriguez Zapatero. "Nach allem, was er für die Nationalelf geleistet hat, hat Carles dieses Tor besonders verdient", sagte Linksverteidiger Joan Capdevila. Die spanische Zeitung "Sport" urteilte: "Der Treffer 'Puyis' steht für die Werte des FC Barcelona und jene, die Spanien zum WM-Titel führen werden." Solche Flugkopfbälle machen genau die Art Puyols, Fußball zu spielen, aus. Er spielt hart und aggressiv. Er setzt seinen Körper ein und kommt dabei wegen seines guten Timings ohne Fouls aus. In Spanien nennt man ihn "el tiburón", den Hai.

Trainer sind Sklaven ihrer Spieler

Diese Entschlossenheit hatte Puyol schon als Kind. Weil er die Comicfigur "Superman" verehrte, wünschte er sich zu Weihnachten ein Kostüm des Helden. Puyols Eltern waren einfache Landarbeiter. Sie wollten für einen solchen "Unfug", wie sie es nannten, kein Geld ausgeben und ließen den Wunsch des jungen Carles unerfüllt. Aus Trotz stürzte sich Puyol vom Balkon des Elternhauses. Er habe testen wollen, ob er auch ohne die vorgesehene Kleidung wie Superman fliegen könne. Der Test verlief ohne Verletzungen.

Mit seiner Hartnäckigkeit überzeugte Puyol auch den Nachwuchskoordinator des FC Barcelona, Oriol Tort, der ihn 1995 in der Provinz entdeckte. "Mag sein", sagte Tort damals, "dass der Junge weniger Talent hat, als andere Kinder. Doch was ihm fehlt, kann er lernen. Ich habe nie einen erlebt, der so vor Ehrgeiz brennt, für uns zu spielen". Vier Jahre später ließ Trainer Louis van Gaal den gelernten Flügelstürmer Puyol wie seine Vorgänger, Albert Ferrer und Sergi Barjuán, als Verteidiger beim FC debütieren. Er beendete die Saison, in der die Katalanen Vizemeister wurden, mit 24 Ligaeinsätzen als Stammspieler. Der ehemalige deutsche Verteidiger Jürgen Kohler sagt, "Puyol kämpft um jeden Zentimeter Boden, er brennt jede Minute".

Nach dem Einzug ins Finale geht Carles Puyol schweigend an Hunderten Reportern vorbei. Er grüßt nicht, er schlägt nicht in eine der von den Fernsehkollegen hingehaltenen Hände ein, wie es in Spanien üblich ist. Puyol ist anders als seine Kollegen. Del Bosque weiß das. Er sei stolz, einen Spieler wie Puyol in der Mannschaft zu haben, der mit seiner Leidenschaft die Anhänger Barcelonas und mit seinem Ehrgeiz den Rest des Landes fasziniert. "Trainer sind Sklaven ihrer Spieler", sagt Del Bosque. Er runzelt die Stirn, klopft auf die Schulter des jungen Stürmers Fernando Torres und geht.



insgesamt 33 Beiträge
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Jettenbacher 09.07.2010
1. Schwere Frage
Ich tippe auf Spanien oder Niederlande ;-)
Jupp Koschkoweit 09.07.2010
2.
Holland hat seit zwei Jahren nicht mehr verloren. Das heißt sie sind seit 25 Spielen unbesiegt und haben die letzten 10 Spielen gewonnen. Spanien hat in dieser Saison 18-mal gespielt. Davon haben sie 17 Spiele gewonnen, lediglich gegen die Schweiz unglücklich verloren. Laut Statistik müsste eigentlich jeder gewinne, was vielleicht auf ein Elfmeterschießen hinausläuft. Aufgrund der Leistungen der letzten zwei Jahren, hätten es beide verdient.
saul7 09.07.2010
3. ++
Zitat von sysopDeutschland-Bezwinger Spanien und die Niederlande spielen im Finale der WM in Südafrika um den Titel. Wer bekommt am Ende den Pokal?
Endlich wieder einmal ein Thread zur WM 2010. Hatte ich schon vermisst ;-)) Mein Tipp: Krake Paul hat sich diesmal auf Spanien festgelegt. Ich hoffe, dass er recht hat und dass die Spanier eine ebenso gute Partie spielen wie gegen Deutschland.
schalker04 09.07.2010
4. Normal Spanien
Zitat von sysopDeutschland-Bezwinger Spanien und die Niederlande spielen im Finale der WM in Südafrika um den Titel. Wer bekommt am Ende den Pokal?
Wenn das Spiel halbwegs normal läuft wird Spanien verdienter Weltmeister. Wenn es aber so wie Holland vs. Brasilien läuft, dann wird es Holland.
ichbinesselbst, 09.07.2010
5.
Zitat von schalker04Wenn das Spiel halbwegs normal läuft wird Spanien verdienter Weltmeister. Wenn es aber so wie Holland vs. Brasilien läuft, dann wird es Holland.
Damit ist alles gesagt und der Thread kann geschlossen werden
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