Spaniens Top-Team Schwindelig dank Speedy Gonzales

Von vorne bis hinten exzellent besetzt: Spaniens Coach Luis Aragonés besitzt eine einmalige Tiefe in seinem Kader. Das Team stellt den besten Torschützen, hat Top-Stars auf der Bank und bislang die wenigsten Chancen zugelassen - und doch lauert die Schwachstelle in der Abwehr.

Aus Wien berichtet


Im Prinzip ist die Sache ganz einfach. Und der Favorit längst bestimmt. Denn manchmal schafft der Fußball Konstellationen, die unverrückbar erscheinen. Polen konnte noch nie gegen Deutschland gewinnen. Vorrunde hin oder her, Italien ist im Viertelfinale gegen Spanien der Favorit. Das Gesetz der Serie will es so: 88 Jahre lang hat Spanien nicht gegen Italien in einem Turnier gewinnen können, damals siegten sie 2:0 bei den Olympischen Spielen in Antwerpen. Lediglich in der Vorbereitung auf die EM gab der Weltmeister mit 0:1 ein Spiel ab, das im spanischen Lager die Hoffnung erhält, dass eben doch alles möglich ist. Warum auch nicht. Denn wer einen Blick auf den spanischen Kader wirft, dem wird fast schwindelig vor lauter Qualität.

Kein Trainer bei diesem Turnier kann derart aus dem vollen schöpfen wie Luis Aragonés, der spanische Coach, ein wunderbar kauziger Kerl, der mit seinen 69 Jahren wohl die letzte Trainerstation angetreten hat. Als er hörte, dass mit Gattuso eine "Referenz" im italienischen Spiel fehle, sagte er mit beißender Ironie: "Er ist ein guter Spieler. Aber wenn er ein Referenzpunkt ist, dann bin ich Priester." Was er meint: Ihm ist es völlig egal, wer auf der anderen Seite aufläuft. Seine Mannschaft ist von vorne bis hinten exzellent besetzt. Das weiss er auch.

Herausheben will er niemanden: "Jeder ist wichtig." Die Demonstration spielerischer Exzellenz fängt bei Real Madrids Keeper Iker Casillas an. Der ist 27 Jahre alt und kommt trotzdem schon auf 80 Länderspiele. Fehler begeht er extrem wenige. Das ist auch bei diesem Turnier so. In der Verteidigung standen sie bisher relativ sicher, keine andere Mannschaft der Vorrunde hat weniger Torchancen zugelassen. Sergio Ramos, der bei Real schon den Status von Hausgöttern und Dorfheiligen wie Abwehrlegende Fernando Hierro besitzt, bringt zudem den Ruf mit, der wertvollste Verteidiger der Welt zu sein.

Dass Ramos im Team von Real Madrid alle Freiheiten für sich reklamieren darf, ist nicht allein seinen Offensiv-Qualitäten geschuldet. Tatsächlich hat der Defensiv-Generalist eine enorme Zweikampfhärte anzubieten, er ist zudem extrem schnell und kommt oft den Innenverteidigern zur Hilfe, wenn es nötig ist. Doch der erst 22-jährige rechte Verteidiger Ramos hat auch Schwächen: Dem taktisch hervorragend geschulten Personal des Weltmeisters dürfte nicht verborgen geblieben sein, dass eben dieser Ramos immer für einen Aussetzer gut ist. Kaum einer kassiert mehr Gelbe Karten, keiner flog in der Primera Divisíon so oft vom Platz wie er. Der Kroate Josip Simunic wirkt gegen ihn beinahe wie ein Musterschüler.

Zudem hat er große Probleme gegen Spieler mit unorthodoxen Bewegungsabläufen. Zlatan Ibrahimovic, der geniale Balkan-Schwede, ließ Ramos im Gruppenspiel einfach abtropfen wie einen Wasserstrahl an frisch poliertem Autolack. Und Italien verfügt mit Luca Toni über den einzigen Stürmer, der ähnlich schwer berechenbar ist wie der Schwede.

Aragonés' Team liebt das Angriffspiel. Sie sind es gewohnt, Druck auszuüben. Zwar verfolgen die Italiener unter dem sachten reformatorischen Ansatz Roberto Donadonis dasselbe Ziel. Doch die Kultur des exzellenten Konterspiels hat die Squadra Azzurra wie wenige andere verinnerlicht. Ob der italienische Gegenentwurf also standhalten wird? Sogar die sehr gut organisierten Russen hatten dem spanischen Angriffswirbel nicht viel entgegenzusetzen.

Im Mittelfeld verfügt der Coach zudem über bestechende Alternativen. Xavi zeigt sich bisher als exzellenter Spielgestalter, Iniestas Part ist ebenso wenig zu unterschätzen. Es dürfte kaum einen Trainer geben, der es sich leisten kann, einen Spieler wie Cesc Fabregas vom FC Arsenal auf der Bank sitzen zu haben. Aragonés kann. Der 21-Jährige kam bisher nur als Einwechselspieler zum Einsatz. Seine präzisen Pässe würden in Stürmer David Villa einen dankbaren Abnehmer finden. Er ist bisher mit vier Treffern der beste Torschütze des gesamten Turniers und verfügt in Fernando Torres über einen kongenialen Partner.

Aragonés setzt auf zwei Spitzen, anders als das Gros seiner Kollegen. Bisher ist er gut gefahren mit seiner Methode. Für ein Sonderlob aber hat die Performance des schnellen David, der mit dem Ball am Fuß wirkt wie eine Art Speedy Gonzales des Weltfußballs, nicht gereicht. Als Villa mal wieder zum besten Spanier gekürt wurde, sagte Aragonés: "Ich rede niemals über einzelne Spieler." Und sprach dann ausführlich über Xavi.

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