Sparkurs in der Bundesliga Günstig, aber dennoch gut

Einer der wichtigsten Trends angesichts der Wirtschaftskrise heißt "Cheap chic": wenig ausgeben und trotzdem gut einkaufen. Darin besteht künftig die Herausforderung für die darbenden Clubs. Ironie der Geschichte: Es war einst das Erfolgsmodell der kriselnden Bremer.

Von Peter Unfried


Wie wir wissen oder zumindest ständig gesagt kriegen, ist die Weltwirtschaftskrise "in Deutschland noch gar nicht angekommen". Das Motto lautet: Ach, alles nicht so schlimm. Mund abputzen und weiter - Kaviar essen. Auch in der Fußball-Bundesliga hält man sich für "gut aufgestellt", um mit veränderten globalen Rahmenbedingungen umgehen zu können.

Hertha-Profi Kacar: Echtes Schnäppchen für die Berliner
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Hertha-Profi Kacar: Echtes Schnäppchen für die Berliner

Man lebt bekanntlich in einer eigenen Welt, die bis auf weiteres durch die 50+1-Regel die Übernahme von Fußballclubs durch renditefixierte Heuschrecken verhindert und dadurch zumindest den Absturz eines Vereins als Folge des Absturzes seines Kapitalgebers. Aber ist man deshalb sicher?

Falls sich tatsächlich gerade in der deutschen Gesellschaft eine Massen-Autosuggestion vollzieht, so sind die Anhänger des FC Schalke (zu denen bekanntlich auch berichtende Journalisten zählen) für einmal eine rühmliche Ausnahme.

Im Zusammenhang mit Schalke 04 kann das potentielle Ausmaß einer Krise gar nicht schlimm genug sein. Weil: Ist Größenwahn für den Moment nicht angesagt, leben sie halt ihren Hang zum Extrem in die andere Richtung aus. Hauptsache Aufregung.

Zwar hat man trotz "Grottenspiel in der ersten Halbzeit" (Trainer Fred Rutten) mit dem 1:0 über Werder Bremen die Intensivierung des Katastrophismus erst einmal gestoppt. Dennoch schwitzen die treuen Anhänger weiter ihre Schalke-Bettwäsche durch, weil sie nächtlich den Absturz in die zweite Liga alpträumen. Tagsüber schlottern sie, weil sie sich vorstellen, dass Sponsor Gazprom auch ihnen einfach den Hahn zudreht. Und der Papst kann ihnen auch nicht mehr helfen, denn der ist kein Schalker mehr. Was ausnahmsweise aber mal nicht gegen ihn spricht.

Doch mit 30 Punkten ist der ganz große Absturz selbst für Schalke kaum noch zu realisieren. Jedenfalls nicht umgehend. Und dass man den zweitgrößten Personalkosten-Etat der Liga im Winter gesenkt hat, angesichts ausbleibender Erlöse (keine Champions League in diesem und dem nächsten Jahr), kann man für Schalker Verhältnisse fast schon als Erleuchtung verbuchen. Der Club war sehr aktiv: bei Verkauf (Fabian Ernst), Leihgeschäften (etwa Albert Streit und Zé Roberto II) und Vertragsauflösungen (Gustavo Varela und Peter Løvenkrands).

Es spricht dennoch einiges dafür, dass der derzeitige Rückschritt nachhaltig sein könnte, verursacht durch eigene Fehler. Und zusätzlich dynamisiert durch die veränderte Wettbewerbssituation, also die drei Clubs, die die 50+1-Regel "legitimiert außer Kraft setzen", wie Dortmunds Chef Watzke motzt - und in dieser Saison geschlossen angreifen. Die Rede ist von Aufsteiger und Tabellenführer TSG 1899 Hoffenheim, Bayer Leverkusen und Wolfsburg. Der VfL hat seit Samstagabend wieder Anschluss nach oben, nachdem die meisten Teams auf den vorderen Plätzen nicht gewonnen haben.

Wird die Clubbesitzerin Volkswagen AG dem Chef der VfL Fußball GmbH, also Felix Magath, weiterhin seine spontanen Bedürfnisse in Sachen Personal erfüllen? Im Januar brach der weltweite Konzern-Absatz im Vergleich zum Vorjahresmonat laut "Handelsblatt" um rund ein Fünftel ein, im Lauf des Jahres könnte sich die Stimmung bei Managern und Arbeitern in Wolfsburg trotz Abwrackprämie deutlich verschlechtern. Dann nähme sicher jemand bei VW die Diskussion wieder auf, ob man nicht auch oder zuerst beim Fußball sparen müsse. Aber erstens lenkt man seit Tausenden von Jahren mit Spielen ab, wenn das Brot knapp wird. Zweitens hat das Unternehmen mit dem Fußballclub ein Werbe- und Image-Instrument in der Hand, das nach einem durchwachsenen Jahrzehnt gerade angefangen hat, international zu leuchten.

Wird Dauertabellenführer Hoffenheim auf Jahre hinaus einen Spitzenplatz blockieren? Die Zukunft, sagt Trainer Ralf Rangnick, hänge davon ab, "wie Dietmar Hopp den Verein weiter entwickelt habe möchte." Tja, wie? Hopp hat nach eigenen Angaben bisher 175 Millionen Euro investiert. Klingt nach viel. Aber so viel Verlust machte der FC Chelsea in einer Saison.

Durch die Entwicklung auf den Finanzmärkten sind Hopps Anteile an dem von ihm gegründeten Unternehmen SAP derzeit zwei Milliarden Euro weniger wert. Die "Bild"-Zeitung war sofort in Sorge um den "bodenständigen Milliardär", aber Hopp gab Entwarnung: "Den Gürtel muss ich nicht enger schnallen." Man sollte also davon ausgehen, dass er seine TSG so "weiterentwickelt" haben möchte wie bisher. Also: Mailand oder Madrid - Hauptsache Champions League!

Einer der wichtigsten Trends der nächsten Jahre ist laut Trendforschern der sogenannte "Cheap chic", also billiger Chic. Das Motto lautet: wenig ausgeben und trotzdem gut leben. Darin besteht die Herausforderung für Schalke: Sich nicht mehr den Luxus eines Kevin Kuranyi leisten können oder wollen, sondern intelligent einkaufen - preisbewusst und doch hochwertig, wie etwa der Berliner Mittelfeldspieler Gojko Kacar oder einst Stürmer Milivoje Novakovic vom 1. FC Köln.

Und damit sind wir bei der Ironie der aktuellen Situation: "Cheap chic" ist letztlich der Trick, mit dem Klaus Allofs und Thomas Schaaf das Mittelstandsunternehmen Werder Bremen zuletzt fünf Mal nacheinander in die Champions League gebracht haben.

Und nun? Ist Werder abgehängt als Vorzeigeclub für modernen Angriffsfußball. Und gurkt nach der Niederlage bei Schalke tabellarisch abgeschlagen im Niemandsland. Wie bei Schalke ist der nächste Schritt in Bremen einer zurück.

Aber auf wen würde man wetten, wenn die Frage lautet, wer von beiden eher die "Krise als Chance" nutzt? Auf Schalke ja wohl nicht.



insgesamt 91 Beiträge
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Seite 1
ramses pyramidenbau, 24.11.2008
1.
Zitat von sysopVom Schmuddelverein zum Glitzerclub: Mit astronomischen Gehältern und neuen Stars will Manchester City an die Spitze der englischen Premier League. Für den plötzlichen Reichtum sorgen die neuen Besitzer des Clubs. Ein Modell für die Bundesliga?
Klar. Jeder der 18 Erstliga-Clubs sucht sich einen arabischen, russischen oder meinetwegen asiatischen (Öl-) Milliardär und schon geht's los. Energie Cottbus verpflichtet Cristiano Ronaldo, Wayne Rooney und Kaka und klopft nächste Saison an die Tür zur Champions League. Der VfL Bochum holt Adriano, Henry und Terry und wird in der nächsten Saison Zweiter. Und der FCB bekommt endlich mal RICHTIGE Konkurrenz. :-)
lemmiecaution 24.11.2008
2.
Zitat von ramses pyramidenbauKlar. Jeder der 18 Erstliga-Clubs sucht sich einen arabischen, russischen oder meinetwegen asiatischen (Öl-) Milliardär und schon geht's los. Energie Cottbus verpflichtet Cristiano Ronaldo, Wayne Rooney und Kaka und klopft nächste Saison an die Tür zur Champions League. Der VfL Bochum holt Adriano, Henry und Terry und wird in der nächsten Saison Zweiter. Und der FCB bekommt endlich mal RICHTIGE Konkurrenz. :-)
Und was macht dann Hoffenheim ? Die investieren doch nur mit Bedacht. Wird das dann nicht unfair ? :-)
dynamotor 24.11.2008
3.
Zitat von sysopVom Schmuddelverein zum Glitzerclub: Mit astronomischen Gehältern und neuen Stars will Manchester City an die Spitze der englischen Premier League. Für den plötzlichen Reichtum sorgen die neuen Besitzer des Clubs. Ein Modell für die Bundesliga?
Wenn es nach Hörgeräteakkustiker Kind (Hannover 96) geht dann ist es bald soweit. Gott bewahre
anselmi 24.11.2008
4.
Problem Nr.1: Es gibt nicht genügend fußballbegeisterte Scheichs. Problem Nr.2: Die fußballbegeisterten Scheichs dieser Welt investieren lieber in der attraktiven, spielstarken und finanziell interessanten Premier League als in der mediokren Bundesliga. ("Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen.") Problem Nr.3: Sollte sich der ein oder andere fußballbegeisterte Scheich in die Bundesliga verlaufen, garantiert dies nicht automatisch Erfolg für die betreffenden Vereine - erst recht keinen langfristigen Erfolg. Das abschreckendste Beispiel ist die Geschichte des ehemaligen FC Wimbledon und seiner norwegischen Öl-Gönner. Warum ist eigentlich Hull City kein Vorbild für die Bundesliga? Anderswo gescheiterte, oder in Ehre gealterte Kämpen mischen mit Spaß am Spiel die Erste Liga auf...?
Carsten31 24.11.2008
5.
Zitat von sysopVom Schmuddelverein zum Glitzerclub: Mit astronomischen Gehältern und neuen Stars will Manchester City an die Spitze der englischen Premier League. Für den plötzlichen Reichtum sorgen die neuen Besitzer des Clubs. Ein Modell für die Bundesliga?
Klar, wenn man auf Zirkus für Besserverdiener steht.
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