Spektakuläre Trainerentlassungen Rauswurf vor dem Abpfiff

Jürgen Klinsmanns Abgang war spektakulär - aber gar nichts im Vergleich zu diesen Trainerentlassungen. SPIEGEL ONLINE zeigt die wirklich dramatischen Rausschmisse der Fußballgeschichte: wegen Prügeln, verdächtigen Haarproben und mit dem ultimativen Kick noch während des Spiels.
Von Jan Reschke

Trainerentlassungen sind im Fußballgeschäft an der Tagesordnung. Große Namen schützen nicht. Jupp Heynckes, seit Montag Übergangscoach und Nachfolger von Jürgen Klinsmann bei Bayern München, musste einst als frisch gekürter Champions-League-Sieger Real Madrid verlassen, Otto Rehhagel wurde kurz vor dem Uefa-Cup-Finale mit Bayern München von Franz Beckenbauer abgelöst. SPIEGEL ONLINE hat die spektakulärsten Rauswürfe zusammengestellt.

Lesen Sie im zweiten Teil, warum bei Fortuna Köln ein Trainer in der Halbzeitpause entlassen wurde, und warum in Spanien ein Trainer schon vor dem Anpfiff gehen musste.

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Stanislaw Bernikow - Schlägertrupp gegen eigene Spieler

Russland ist bekannt für harte Trainer, die absolute Disziplin von ihren Spielern verlangen und schon mal ein Straftraining ansetzen. Doch was sich Stanislaw Bernikow, ehemaliger Trainer von Metallurg Lipezk, ausgedacht hatte, war dann doch des Guten zu viel. Der Drittligist verlor im Jahr 2006 zweimal in Folge, im Training kam es nach der zweiten Pleite zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen Coach Bernikow und der Mannschaft. Bernikow warf seinen Spielern vor, sie hätten sich vom Gegner kaufen lassen. Das Team wiederum unterstellte Bernikow Bestechlichkeit. Das ließ der nicht auf sich sitzen und engagierte einen professionellen Schlägertrupp, der sich um die kritischsten Spieler aus seinem Kader kümmern sollte. Während der nächsten Einheit ließ er vor den Augen der versammelten Mannschaft Spieler vortreten und bestrafen.

Dabei wurden die Spieler verprügelt, einer der Schläger soll sogar eine Pistole gezogen und auf Metallurg-Kapitän Alexej Morotschko aus kurzer Distanz ein Hartgummigeschoss abgefeuert haben. "Ich bin jetzt 34 Jahre alt und habe schon viel erlebt im Fußball", sagte Morotschko, "aber das ist schockierend." Er musste, ebenso wie der Torwart und ein Stürmer, im Krankenhaus behandelt werden. Die Vereinsführung entließ Bernikow daraufhin fristlos, die Spieler erstatteten Anzeige.

Arie van Lent - Entlassung in der 80. Minute

15 Minuten vor dem Ende fiel das Tor zum 2:1 für die Sportfreunde Lotte, die in der Regionalliga West Ende Februar dieses Jahres beim 1. FC Kleve gastierten. Kleve, das muss man dazu sagen, war schon vor der Partie auf dem letzten Tabellenplatz - fünf Punkte trennten den Verein von einem Nichtabstiegsplatz, der letzte Sieg gelang im Oktober 2008. Der damalige Trainer Arie van Lent, einst eine Stürmergröße in der Bundesliga bei Borussia Mönchengladbach (53 Tore in 146 Spielen) und Eintracht Frankfurt (16/43), stand stark in der Kritik. Dass ihn zum Zeitpunkt des 1:2 aber nur noch fünf Minuten von seinem Aus als Verantwortlicher des FC Kleve trennten, hätte er sich aber kaum träumen lassen. Doch nach dem Gegentreffer nahm ein paar Meter neben ihm die Krisenkommission des Vorstands noch auf der Tribüne seine Arbeit auf. Drei Verantwortungsträger begannen mit den Diskussionen, und es schien, als würde zumindest die Arbeit in der Führungsebene reibungslos funktionieren.

So berichtete Vorstandsmitglied Eckhard Hagen im Anschluss präzise: "Der Vorstand hat die Entscheidung gemeinsam getroffen, und zwar in der 80. Minute. In der 82. Minute haben wir dann Manager Klaus Hilpert informiert", so Hagen. Zehn Minuten betreute van Lent seine Spieler quasi ehrenamtlich.

Kleve verlor das Spiel, und van Lent wurde im Anschluss sofort von seiner Entlassung informiert. Aber was wäre wohl passiert, wenn seine Mannschaft noch gewonnen hätte? Über die Siegprämie des nicht mehr amtierenden Trainers hätten dann wohl Gerichte streiten müssen.

Toni Schumacher - Entlassung in der Halbzeitpause

Noch schneller als van Lent war Toni Schumacher im Jahr 1999 seinen Job los. Der damalige Trainer von Fortuna Köln durfte vor der Saison auf große Einkaufstour gehen und holte Akteure wie Adam Ledwon, Seyedali Musawi oder Mehdi Paschazadeh - der bis dato teuerste Kader in Fortunas Vereinsgeschichte. Doch der Erfolg blieb aus. Köln stand am vorletzten Hinrundenspieltag der Saison 1999/2000 auf einem Abstiegsplatz. Gegen Waldhof Mannheim sollte die Wende her, doch schon zur Halbzeit lag die Fortuna 0:2 zurück. Fortunas Präsident und allmächtiger Geldgeber Jean Löring tauchte wutentbrannt in der Kabine auf und sagte zu Schumacher: "Raus hier! Du hast hier nichts mehr zu sagen."

Die Partie endete 1:5, Hans Krankl übernahm die Mannschaft. Später rechtfertigte sich Löring: "Ich als Verein musste doch reagieren." Schumacher sagte später einmal: "Ich konnte Herrn Löring wenigstens zugute halten, dass er was getrunken hatte." Löring taumelte nach dem Rauswurf von Schumacher in die Pressekonferenz, bestellte sich einen Weinbrand und sagte: "Ich bin einmalig."

Der Abstieg konnte nicht verhindert werden, und auch Löring konnte dem Verein nicht mehr helfen. Es kursieren noch zahlreiche Anekdoten über Löring, der 2005 starb: So reparierte er einst eigenhändig das Flutlicht, um einen Spielabbruch zu verhindern. Einen Spielberichtsbogen soll er durchgestrichen und "gelogen" darunter geschrieben haben. Außerdem stand er, nachdem er vom DFB eine Platzsperre erhalten hatte, in einem Nikolauskostüm im Fanblock, um unerkannt zu bleiben. Die Fortuna spielt heute in der NRW-Liga.

Angel Pedraza - Rauswurf vor dem Anpfiff

Den absoluten "Schnelligkeitsrekord" in Sachen Trainerentlassungen hält wohl der Präsident des spanischen Drittligisten CD Benidorm. Im Jahr 2006, vor der Partie gegen die zweite Mannschaft des FC Barcelona, hatte der Club-Chef den Trainer Angel Pedraza aufgefordert, die Aufstellung zu ändern. Als dieser sich weigerte, wurde er augenblicklich gefeuert. Die Spieler erfuhren beim Aufwärmen vom Rauswurf ihres Trainers.

Vor dem Spiel waren Gerüchte laut geworden, nach denen der frühere Barça-Profi Pedraza an einem Erfolg des FC interessiert gewesen sein sollte. Bei einem Sieg hätte das B-Team von Barcelona noch Chancen auf den Aufstieg in die zweite Liga gehabt. Für Benidorm ging es um nichts mehr. Auf die Leistung der Spieler wirkte sich der Rauswurf offenbar positiv aus: CD Benidorm siegte 2:0, Barcelonas zweite Mannschaft blieb drittklassig.

Falko Götz - Entlassung von Journalisten erfahren

Heiße Zeiten bei 1860 München: Karl-Heinz Wildmoser senior war seit fünf Wochen nicht mehr Präsident, sein Sohn wegen der Stadion-Affäre in U-Haft. Auch sportlich lief es im Jahr 2004 nicht gut für den Traditionsverein. 1860 rangierte nach dem 28. Spieltag auf dem 14. Tabellenplatz. Im Auswärtsspiel gegen Bochum hatte es eine 0:4-Pleite gesetzt und die Kritik an Trainer Falko Götz wurde immer stärker. Vor dem Spiel gegen Hamburg hatte Vizepräsident Hans Zehetmair noch gesagt: "Wir haben ihm das Vertrauen ausgesprochen - mit der festen Erwartung, dass wir am Samstag gewinnen müssen." Ob das ein Ultimatum sei? "Ich möchte mich auf den Begriff nicht festlegen, damit es keine Schlagzeile gibt." Also hieß es "Siegen oder Fliegen" für Götz. 1860 München verlor 1:2 gegen den Hamburger SV, Kapitän Benny Lauth musste schon nach 18 Minuten verletzt den Platz verlassen. Im Anschluss an die Niederlage begann der Löwenstadl.

Zehetmair verkündete in diversen Interviews eine "einvernehmliche Trennung" von Götz. Ein Nachfolger solle noch am Sonntag bekannt gegeben werden, es gehe "nur noch um Modalitäten, auch um Geld." Problem an der Geschichte: Der Abpfiff war gerade einmal zwei Minuten her, als Zehetmair zum ersten Mal seine These von der einvernehmlichen Trennung verkündete, mit Götz hatte er noch kein Wort geredet.

Der stand zu diesem Zeitpunkt noch mit Präsident Karl Auer und Sportdirektor Dirk Dufner im Kabinentrakt und wartete auf die Pressekonferenz. Um 17.45 Uhr ging es dann endlich los. Erste Frage an Götz: "Herr Götz, Sie sind ja nicht mehr Trainer von 1860, wie haben Sie es erfahren?" Götz: "Ich weiß davon noch nix. Ich hatte gerade ein Gespräch mit Präsident Auer und Sportdirektor Dufner, da klang das anders."

Also doch nicht entlassen. Oder doch? Um 18.02 Uhr wird Auer von Premiere zur Entlassung von Götz befragt. Und bestätigt diese. Götz ist also nicht mehr im Amt.

Kurze Zeit später erschienen auch Auer und Dufner zur Pressekonferenz, Falko Götz war da schon nicht mehr im Raum. Auer verkündet, er wolle sich Gedanken machen und daraus Konsequenzen ziehen. Dufner bemängelte eine "unmögliche und inakzeptable Vorgehensweise. Da werden wir intern entsprechende Worte finden. Das gibt es in keinem Karnickel-Verein, dass der Vize vor dem Präsidenten spricht. Ich habe mich selten so geschämt wie nach diesem Spiel."

Später am Abend erklärte Auer das Ende der Zusammenarbeit mit Zehetmair. Der reichte am Sonntag per Fax in die Geschäftsstelle seinen Rücktritt ein, "um unserem Verein in schwieriger Lage nicht im Wege zu stehen".

Christoph Daum - der Mann mit dem Koks muss raus

Reichlich Medienrummel gab es auch bei der Entlassung von Christoph Daum als Trainer von Bayer Leverkusen im Jahr 2000. Daum stand als kommender Chef der Deutschen Nationalmannschaft fest, doch dann überschlugen sich die Ereignisse. Bayern Münchens Manager Uli Hoeneß hatte über Daum gesagt, dieser sei "verschnupft", eine Anspielung auf Daums möglichen Kokain-Missbrauch. Daum reichte eine Verleumdungsklage gegen Hoeneß ein und beteuerte mehrfach öffentlich seine Unschuld. Hoeneß wurde für seine Aussage stark kritisiert, aber auch Daum stand unter wachsendem öffentlichen Druck. Als Folge veranlasste er eine gerichtsmedizinische Analyse, bei der eine Probe seiner Haare auf Drogenrückstände überprüft werden sollte. Spektakulär war die Pressekonferenz, die Daum am 9. Oktober 2000 zu diesem Anlass gab: "Ich tue das, weil ich ein absolut reines Gewissen habe", sagte Daum dort über den Test. Am 20. Oktober 2000 erhielt er vom Institut für Rechtsmedizin der Universität Köln das Ergebnis - Daum wurde Kokainkonsum nachgewiesen. "Ich hatte die seit meinem letzten Kokainkonsum verstrichene Zeit ausgerechnet, sie mit dem Wachstum meiner Haare verglichen", so Daum später bei seiner Gerichtsverhandlung, "alle Infos, die ich hatte, waren, dass das risikolos wäre."

Der damalige Bayer-Manager Reiner Calmund sagte aus, der Rechtsmediziner Herbert Käferstein habe nach den Analyse-Ergebnissen von Daums Haaren die Einweisung in eine Drogenklinik empfohlen. "Die Koks-Konzentration war eine der höchsten, die er je festgestellt hatte", so Calmund.

Daum wurde als Vereinstrainer fristlos entlassen, sein ab 1. Juni 2001 laufender Vertrag als Bundestrainer der Nationalmannschaft wurde vom DFB ebenfalls aufgelöst.

Das spätere Gerichtsverfahren vor dem Landgericht Koblenz wegen Erwerb von und Anstiftung zum Handel mit Kokain gegen Daum wurde gegen Zahlung einer Geldbuße von 10.000 Euro eingestellt. Mit Bayer einigte sich Daum auf eine Abfindung, die rund zwei Millionen Mark betragen haben soll. "Die Abfindung berücksichtigt seine Verdienste in der über vierjährigen Tätigkeit", sagte Calmund.

Schon einmal musste Daum seinen Posten spektakulär aufgeben. 1992 unterlief ihm in der ersten Runde des Europapokals gegen Leeds United ein folgenschwerer Fehler: Er wechselte einen (damals nicht gestatteten) vierten Ausländer ein. Nach Protest von Leeds wurde das Spiel 3:0 statt 4:1 für Leeds gewertet. Das Hinspiel hatte der VfB 3:0 gewonnen. Es folgte ein Entscheidungsspiel auf neutralem Boden. Nach der Niederlage im fast leeren Stadion Camp Nou in Barcelona schied Stuttgart aus. Bis zur Winterpause 1993/94 konnte Daum sich noch halten. Dann trat er aber zermürbt zurück.

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