Spendeninitiative "Common Goal" Alles halb so mild

Fußballprofis entdecken ihr Gewissen. Hummels, Nagelsmann, jetzt auch Kagawa: Sie spenden ein Prozent ihres Gehalts für wohltätige Zwecke. Die Initiative wird hochgelobt - dabei gäbe es eine viel bessere Lösung.

Mats Hummels
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Jetzt ist also auch Shinji Kagawa mit dabei. Mehr und mehr Fußballprofis schließen sich der Common-Goal-Initiative an, deren Mitglieder ein Prozent ihres Gehalts für wohltätige Zwecke zur Verfügung stellen wollen. Mats Hummels ist dabei, ebenso Serge Gnabry und Dennis Aogo, mit Julian Nagelsmann auch ein erster Trainer. "Seien wir ehrlich: Das eine Prozent ist für uns alle, die wir in dieser Branche sehr gut verdienen, kein Problem", sagte Nagelsmann in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung".

Common Goal ist eine Idee von streetfootballworld, einer Nichtregierungsorganisation, die weltweit mehr als 120 Fußball-Projekte unterstützt. Der spanische Profi Juan Mata von Manchester United war im Sommer der erste prominente Unterstützer, damit so etwas wie der Schirmherr der Aktion und appelliert seither an das soziale Gewissen seiner Kollegen. Mit Erfolg. Spitzenverdiener, die "etwas zurückgeben" (Gnabry) und im besten Fall sogar "die Welt verändern" wollen (Hummels) - das klingt zunächst überragend. Ganz unproblematisch ist die Initiative aber nicht.

Das langfristige Ziel von Common Goal ist es, ein Prozent des Umsatzes der gesamten Branche für soziale Zwecke zu generieren - geschätzt etwa 25 Milliarden Euro jährlich. Doch selbst das wäre ein vergleichsweise günstiger moralischer Ablasshandel für die Fußball-Industrie.

Es gibt ein besseres Instrument: Steuern

Umverteilung ist wichtig, sie soll auch gar nicht in Frage gestellt werden. Aber es gibt eben noch ein viel besseres Instrument dafür: Steuern. Wenn Mata, Hummels und Kagawa einen Teil ihrer Gehälter für fußballbezogene Basisprojekte spenden, ist das nicht verwerflich. Soll jeder auswählen, wo und wie er helfen möchte.

Durch die Absetzbarkeit von Spenden verringert sich aber im Regelfall die individuelle Steuerlast. So landet am Ende weniger im großen Topf, aus dem die demokratisch legitimierten Regierungen das Gemeinwesen finanzieren. Auf diese Weise wird Geld aus einem Sektor mit hoher politischer Rechenschaftspflicht in einen mit geringer transferiert.

Im schlimmsten Fall zieht sich die öffentliche Hand im nächsten Schritt aus den Projekten zurück, die Common Goal unterstützt, da ja "auch so genug Geld für Bolzplätze da" ist.

Um einem möglichen Missverständnis vorzubeugen: Den Teilnehmern an Common Goal ist wenig vorzuwerfen. Sie handeln gewissenhaft, im Wortsinn sogar. Das ist bemerkens- und lobenswert, umso mehr sogar vor dem Hintergrund anderer Steuersparskandale der Fußball-Gegenwart. Wohltätigkeit aber kann und darf kein Ersatz für reale Gerechtigkeit sein. Aktionen wie Common Goal wohnt leider exakt diese Tendenz inne: Sie verdecken Ungleichheiten, statt sie ganz grundsätzlich in Frage zu stellen. Sie fokussieren die Symptome, nicht die Ursachen. Die Welt verändern wird so niemand, trotz bester Absichten.



insgesamt 13 Beiträge
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Papazaca 27.10.2017
1. Auch wenn die Kritik inhaltlich stimmt, sehe ich das anders,
denn die Spieler wollen natürlich auch was für ihr Image machen. Sie wollen ganz einfach als gute Menschen wahrgenommen werden. Das ist natürlich nicht ganz uneigennützig, denn viele Profis verdienen viel durch Werbung, sprich durch ein gutes Image. Und ob dieses Geld durch Steuern zusammen kommen würde, ist noch die Frage. Diese Denke, Steuern sind besser, stellen natürlich auch in ihrem Grundgedanken alle möglichen Privatinitiativen in Frage, von Bill Gates zu was weiß ich ... Nein, es gibt Standpunkte, die sind theoretisch richtig, in der Praxis aber falsch. Es gibt auch einen passenden Ausdruck dafür, aber wir belassen es lieber dabei, das ich eine andere Meinung habe.
milchmann99 27.10.2017
2. German Neid
Wieder mal ein typischer German Neid Artikel. Ein einfaches "Danke, prima Aktion" hätte genügt. Damit lässt sich natürlich leider kein polemischer Artikel schreiben. Seufz.
cosmiccat 27.10.2017
3. Spenden = "moralischer Ablasshandel"?
"moralischer Ablasshandel" - was für eine perfide Formulierung und ein Schlag ins Gesicht aller Menschen, die einen Teil ihres Einkommens freiwillig für soziale oder wohltätige Zwecke spenden.
HasiHase 27.10.2017
4.
Zitat von milchmann99Wieder mal ein typischer German Neid Artikel. Ein einfaches "Danke, prima Aktion" hätte genügt. Damit lässt sich natürlich leider kein polemischer Artikel schreiben. Seufz.
Wow, der zweite Kommentar und schon wird das Totschlagsargument "Neid" hervorgeholt! Nein, hier geht es nicht um Neid!!! Es geht darum, dass wenn jeder einfach seine Steuern bezahlen würde, ohne sich "arm zu rechnen", einfach schon sehr viele Probleme, die man mit Geld lösen kann, lösbar wären.
Stäffelesrutscher 27.10.2017
5.
Prinzipiell haben die Profis allerdings auch die Möglichkeit, auf die Ausstellung einer Spendenbescheinigung zu verzichten.
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