SPIEGEL-Gespräch "Es riecht noch nach Fußball"

Borussia Dortmunds Trainer Jürgen Klopp, 41, über Begeisterung, die besten Bratwürste und die Chance, im Ruhrgebiet unsterblich zu werden

SPIEGEL: Herr Klopp, werden Sie den 13. September 2008 in Ihrer Trainerkarriere in Erinnerung behalten?

Klopp: Weil da mein Co-Trainer Geburtstag hatte? Nein, ich weiß schon: Klar, da war das Derby gegen Schalke 04, das 3:3 in Dortmund, mein viertes Punktspiel erst mit Borussia. Ein großartiges Erlebnis.


SPIEGEL:
Ihre Feuertaufe im Fußball-Emotionstheater des Ruhrgebiets. Haben Sie es genossen?

Klopp: Von Genuss ist man als Trainer weit entfernt, dazu ist die Anspannung zu groß. Es ging ja schon vor Saisonbeginn los, als der Spielplan veröffentlicht wurde. Von dem Moment an wurde ich ständig auf das Ereignis angesprochen. Solch ein Highlight so früh in der Saison, und dann liegen wir erst mal 0:3 gegen den Erzrivalen zurück. Meine Frau sagt, sie sei kurz davor gewesen, die Koffer zu packen.

SPIEGEL: Warum das denn?

Klopp: Wenn man als neuer Trainer gleich mit der höchsten Derby-Niederlage in die Vereinsgeschichte eingeht, ist das ja nicht lustig. Beim Ausgleich standen unsere beiden Söhne dann auf der VIP-Tribüne auf den Ledersesseln. Und nach dem Schlusspfiff sah ich in den Gesichtern der Fans diese urwüchsige Freude. Ich kann besondere Momente abspeichern, um sie später in mir abzurufen, wenn ich das brauche. Dieser Moment gehört dazu.

SPIEGEL: Kann dieses Derby-Fieber, die Bedeutung dieses Revierduells auch bei den Spielern besondere Energien wecken?

Klopp: Wir haben vorher einen Film mit tollen Bildern von gewonnenen Derbys zusammenschneiden lassen. Die letzten fünf Minuten auf der DVD haben wir freigelassen, und ich habe der Mannschaft gesagt: Die müsst ihr mit diesem neuen Spiel füllen. Es ist aber nicht so, dass ich die Spieler einen Liter Blut trinken lasse und dann sage: Freunde, alles was blau ist, umfeuern! Aggressivität ist für mich die Bereitschaft, sich selbst weh zu tun, nicht dem Gegner.

SPIEGEL: Fußball mit Herz und Leidenschaft, heißt es, habe gerade im Ruhrgebiet Tradition. Fiel es Ihnen daher leicht, sich als einer, der seine Profifußball-Jahre bisher in Mainz verbracht hat, in Dortmund einzuleben?

Klopp: Einiges mag Legende sein, aber ich glaube, hier hatten die Spieler immer schon die Ärmel hochgekrempelt, selbst die im kurzärmeligen Trikot. Man hat sich bereits vor 50 Jahren die Schienbeine wundgeklopft. Das liegt wohl tatsächlich an der Region. Hier leben 60, 70 Prozent Arbeiter, und die erwarten, dass ihre Fußballmannschaft kämpft. Insofern passe ich wohl wirklich gut hierher. Mir gefällt auch, dass einige Dinge immer so bleiben.

SPIEGEL: Was meinen Sie damit?

Klopp: Zum Beispiel das Stadion. Wenn hier eine Multifunktionsarena mit Parkgaragen darunter und allem Schnickschnack stehen würde, das würde nicht passen. In Dortmund riecht es noch richtig nach Fußball. Es gibt hier einen Besprechungsraum, der ist eingerichtet wie ein altes Wohnzimmer. Fehlt nur noch die Fototapete.

SPIEGEL: Heute kommen die Spieler eines Proficlubs aus aller Welt. Wie fördern Sie die Identifikation der Profis mit der Region?

Klopp: Man muss sie einfordern. Und wir müssen uns mit unserem fußballerischen Angebot daran orientieren, was hier gewünscht wird. Natürlich wissen wir alle, dass es wichtigere Dinge als Fußball gibt. Aber in dem Moment, in diesen eineinhalb Stunden gibt es für die Leute im Stadion eben nichts Wichtigeres. Und ich muss den Spielern auch die Tradition vor Augen führen. Die verpflichtet im positiven Sinne. Man kann selbst Teil der Geschichte werden, man kann sich unsterblich machen.

SPIEGEL: An wen denken Sie etwa?

Klopp: An Norbert Dickel zum Beispiel, der sein Knie für Borussia geopfert hat.

SPIEGEL: Er hat trotz Knieverletzung im Pokalfinale 1989 gespielt und zwei Tore beim 4:1 gegen Werder Bremen geschossen.

Klopp: Danach war seine Karriere vorbei.

SPIEGEL: Wie sehr muss man sich den Ritualen anpassen? Sagen Sie als Zugezogener jetzt auch "Herne-West" statt Schalke?

Klopp: Es sprudelt noch nicht aus mir raus. Aber aus Respekt unseren Fans gegenüber versuche ich auch, den Namen des Erzrivalen nicht so oft in den Mund zu nehmen. Aber das ist mehr so eine Spielerei.

SPIEGEL: Wird das Reviergeplänkel manchmal zu ernst genommen?

Klopp: Solange das Spiel läuft, ist das in Ordnung, da sollte man sich darauf einlassen wie ein Schauspieler, der seine Rolle ernst nimmt. Aber wenn er sich gerade im Theater als Othello erstochen hat und nach Hause kommt, nimmt er da ja auch nicht wieder das erstbeste Küchenmesser.

SPIEGEL: Wie gut kennen Sie den NRW-Fußball? Sagt Ihnen der Begriff "Straßenbahnliga" noch etwas?

Klopp: Nein, keine Ahnung.

SPIEGEL: Das war die alte Oberliga West, die höchste Spielklasse hier vor der Bundesliga-Gründung. Zeitweise war mehr als die Hälfte der Spielstätten in ein und demselben Nahverkehrsnetz zu erreichen.

Klopp: Jeder, der Fußball mag, spürt, dass es in dieser Region brutal pulsiert. Auf der Strecke von Dortmund nach Düsseldorf hat man das Gefühl, an zwölf Bundesligastädten vorbeizufahren. In Sachen Fußball sind die Leute hier ein bisschen durch den Wind. Vorhin stand ich in Dortmund im Stau, da wurde ich durch Hupen und andere Zeichen insgesamt zehnmal gebeten, das Fenster herunterzulassen, damit man mich fotografieren konnte. Das ist mir woanders noch nie passiert.

SPIEGEL: Welche Erinnerungen haben Sie aus Ihrer Spielerzeit an die Region?

Klopp: Als ich zu Mainz 05 in den Profifußball, in die Zweite Liga wechseln durfte, war Schalke gerade in ebendiese Zweite Liga abgestiegen. Und mein erster Gedanke: Geil, ich darf im Schalker Parkstadion Rolltreppe fahren. Da gab es ja diese einzigartige Rolltreppe vom Kabinentrakt in den Innenraum. Dann kam der Tag, und ich fuhr früher wieder runter, als mir lieb war - weil ich ausgewechselt wurde und vorzeitig zum Duschen musste.

"Kaffee und Kuchen bei der Schwiegermutter oder so"


SPIEGEL:
Merkten Sie als Spieler etwas von der Begeisterungsfähigkeit der Leute im Revier?

Klopp: Nun ja, Mainz war nicht gerade der Publikumsmagnet. Als wir etwa nach Wattenscheid kamen, hatte man das Gefühl, dass viele an diesem Sonntagnachmittag etwas Besseres zu tun hatten. Kaffee und Kuchen bei der Schwiegermutter oder so. Trotzdem war gerade Wattenscheid einmalig.


SPIEGEL:
Wieso?

Klopp: Eine der besten Bratwürste bundesweit. Ich bin nämlich auch Bratwursttester, wenn ich zum Fußball gehe.

SPIEGEL: Sie wurden mit 33 Jahren, quasi über Nacht, mitten im Abstiegskampf vom Spieler zum Trainer befördert. Wie war das für Sie?

Klopp: Wie eine Explosion. Als Spieler war ich nie richtig mit mir zufrieden gewesen. Das Ballstoppen hatte nicht so funktioniert, wie ich es mir gewünscht hätte. Ich war eben limitiert. Als Trainer waren plötzlich die Limits weg. Mein erstes Spiel war in Mainz gegen Duisburg. Wir gewannen 1:0, das Tor könnte ich heute noch zeichnen: Diagonalball, Thurk verlängert mit dem Kopf, Babatz haut das Ding halbvolley ins lange Eck.

SPIEGEL: Sie gelten als Hitzkopf an der Seitenlinie. Ändert sich das mit der Zeit?

Klopp: In manchen Momenten bin ich emotional, das ist auf meiner genetischen Festplatte so angelegt. Aber ich bin schon ruhiger geworden, auch wenn man das nicht so merkt. Der Deutsche Fußball-Bund hat mich einmal mit einer so hohen Geldstrafe belegt, dass ich mich seitdem gegenüber Schiedsrichtern zurückhalte. Wobei ich auf eine Hinausstellung richtiggehend stolz bin.

SPIEGEL: Was ist da passiert?

Klopp: Da habe ich einen Schiedsrichterassistenten in Fürth gefragt: "Wie viele Fehlentscheidungen sind eigentlich erlaubt? Wenn es 15 sind, hätten Sie noch eine frei." Ich musste direkt auf die Tribüne.

SPIEGEL: Sie hätten im Sommer auch zu einem anderen Club gehen können, hatten Anfragen vom Hamburger SV, von Bayer Leverkusen. Dortmund ist ein schwieriges Pflaster, war Ihnen das klar?

Klopp: Ich habe von Reportern erfahren, dass ich der 34. Trainer im 41. Jahr bin. Die Reporter haben dann gefragt, wie lange ich wohl bleibe. Ich bin selbstbewusst. Und ich fühle mich in Dortmund perfekt aufgehoben. Hier ist alles sehr menschlich. Aber klar ist auch: Diese Begeisterungsfähigkeit hier löst natürlich auch Druck aus, der zu unvernünftigen Entscheidungen antreiben kann. Was ja in der Vergangenheit bei der Borussia ab und an passiert ist. Schließlich sind all die Schulden zu Beginn dieses Jahrzehnts nicht dadurch entstanden, dass das Geld durch einen Überfall verlorenging.

SPIEGEL: Der Verein ist in einem Arbeiterviertel entstanden. Ist Ihnen das per se schon mal sympathisch? Sie gelten doch als Linker, oder?

Klopp: Ich bin sicher niemand der Mitte, und rechts bin ich schon mal gar nicht. Da bleibt dann nicht viel.

SPIEGEL: Als Ausdruck Ihrer Gesinnung haben Sie mal Ihre Weigerung kundgetan, einer privaten Krankenversicherung beizutreten. Sind Sie noch in der gesetzlichen?

Klopp: Ich bin gerade dabei, das zu ändern. Ich möchte unsere beiden Jungs in die Privatversicherung mit reinnehmen, damit sie eine perfekte Versorgung bekommen. Es ist aber nicht leicht, den Papierkram zu erledigen. Ehrlich gesagt habe ich ohnehin jahrelang die Vorzüge einer Privatversicherung genossen, obwohl ich eine DAK-Karte hatte. Einfach weil mich in meiner Region jeder kannte.

SPIEGEL: Kein Gesinnungswandel also?

Klopp: Nein. Ich würde weiterhin eine Partei nicht deswegen wählen, weil sie meinen Steuersatz senkt. Ansonsten gibt es sicher politischere Menschen als mich.

SPIEGEL: Als Trainer duzen Sie Ihre Spieler. Warum?

Klopp: Etikette und Äußerlichkeiten spielen heute nicht mehr so eine Rolle. Einmal hat mich eine ältere Dame, als sie mich in Birkenstocksandalen sah, für einen Arzt gehalten. Die Zeiten sind vorbei. Außerdem habe ich den Spieler Neven Subotic nach Dortmund mitgebracht, der hat mich wie alle Spieler in Mainz schon geduzt. Auch Sebastian Kehl duzte mich bereits, weil wir uns mal privat kennengelernt hatten. Und da es eine Zweiklassengesellschaft im Fußball auf keinen Fall geben darf, dürfen mich in Dortmund alle gleich anreden. Sie haben aber ganz schnell gemerkt: Ich bin trotzdem nicht ihr Kumpel.

SPIEGEL: Wie haben Sie als junger Trainer die Distanz zu den Spielern hergestellt?

Klopp: In meinem ersten halben Jahr als Coach bin ich nach Siegen noch mit den Jungs feiern gegangen. Ich war noch wie ein Spieler, nur dass ich im Bus weiter vorn saß. Vom zweiten Jahr an war ich nie mehr mit den Spielern unterwegs. Das vermisse ich auch nicht. Ich habe zwar noch keinen Wackeldackel hinten im Auto stehen, aber ich bin eindeutig nicht mehr die Spielergeneration. Ich möchte nicht ihr Leben führen, aber ich habe Respekt vor den Spielern.

SPIEGEL: Wie äußert sich das?

Klopp: Ich schleppe zum Beispiel nicht irgendwelche Adler oder Meisterschalen in die Mannschaftssitzung, um jemanden heiß zu machen. So werden die Jungs verdummt. Das sind intelligente Menschen. Wer geistig auf dem Schlauch steht, kommt da oben auf dem Niveau gar nicht erst an. Eine gewisse emotionale Intelligenz zum Beispiel ist Grundvoraussetzung, um in dem Sport weit zu kommen. Sonst wird man in einer Mannschaft ganz schnell als Trottel geoutet.

SPIEGEL: Was wäre aus Ihnen geworden, wenn Sie den Sprung in den Profifußball nicht geschafft hätten?

Klopp: Ich wäre sicher beim Fernsehen gelandet. Als ich in Mainz war, einer Medienstadt, habe ich schon bei Sat.1 Praktika gemacht. Da habe ich gemerkt: Hinter der Kamera zu arbeiten ist nichts für mich. Aber ich kann reden wie ein Wasserfall, je spontaner, desto besser. Ich hätte wohl so eine Mittagssendung wie die "Oliver Geissen Show" gemacht. Das hätte ich ohne Probleme gekonnt.

SPIEGEL: Herr Klopp, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


Das Gespräch führten die Redakteure Jörg Kramer und Alfred Weinzierl.

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