Spiel-Manipulationen Bochums Justiz greift gegen Wettbetrüger durch

Es sind überraschend harte Strafen, die im vermeintlich größten Wettskandal der europäischen Geschichte verhängt wurden. Das Urteil hebt sich deutlich von den Vorgängerprozessen ab. Doch die tatsächlichen Strippenzieher blieben bislang noch unbehelligt.

Europäischer Wettskandal: "Handlungsräume für Sportmanipulation"
dapd

Europäischer Wettskandal: "Handlungsräume für Sportmanipulation"

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Die Urteilsbegründung war maßgeschneidert. 90 Minuten las Richter Carsten Schwadrat die Ergebnisse des beinahe halbjährigen Prozesses vor. 90 Minuten, ganz ohne Nachspielzeit. Denn diese beginnt im vermeintlich größten europäischen Wettskandal wohl erst nach Schlusspfiff.

Schwadrat sorgte nämlich mit seinen Urteilen für eine völlig neue Bestrafungsdimension im Bereich des Wettbetrugs. Das von Staatsanwalt Andreas Bachmann geforderte Strafmaß, das durchweg bei knapp vier Jahren lag, wurde vom Richter nur knapp unterschritten. Tuna A. wurde zu drei Jahren und acht Monaten, Stevan R. zu drei Jahren und elf Monaten verurteilt. Gegen beide lagen Beweise für einen banden- und gewerbsmäßigen Betrug vor. Nürretin G., der Wettpatron aus dem niedersächsischen Lohne, der mit Zweitligaprofis wie Thomas Cichon und Marcel Schuon in Kontakt stand, erhielt eine Haftstrafe von drei Jahren.

Mit dieser Bestrafungshärte hebt sich der dritte deutsche Wettskandal deutlich von seinen beiden Vorgängern ab. Während Ante Sapina, der szenegetaufte Navigator, der Quoten und Spielausgänge geistig verschiebt wie ein Schach-Großmeister, 2005 im Anschluss an den Prozess zur Manipulation an den Bundesligaschiedsrichtern Robert Hoyzer und Dominik Marks zu zwei Jahren und elf Monaten verurteilt wurde, wurde William Bee Wah Lim sogar noch milder bestraft. Der Malaye, der zig Millionen Wettumsatz pro Jahr mit manipulierten Spielen machte, wurde 2007 in Frankfurt zu zwei Jahren und fünf Monaten Haft verurteilt.

Strafgesetzbuch bietet Handhabe gegen Manipulation im Sport

Doch warum klappte in Bochum eine solch radikale Verurteilung und in vorherigen Prozessen nicht? "Hier wurde erstmals gezeigt, dass das deutsche Strafgesetzbuch sehr wohl Handlungsräume für Sportmanipulation aufweist", sagte der Prozessbeobachter des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und ehemalige Generalstaatsanwalt Norbert Weise SPIEGEL ONLINE.

Die Bochumer Justiz hat sich nämlich vom ursprünglichen Gedanken der Spielmanipulation beinahe vollständig gelöst. "Ob die Spieler gewillt waren oder tatsächlich Einfluss nahmen, konnte nicht geklärt werden", sagte Schwadrat. Der gesamte Prozess, der insgesamt 27 Verhandlungstage in Anspruch nahm, beschäftigte sich nur anfänglich mit tatsächlichen Manipulationen von Sportlern, Funktionären oder Schiedsrichtern.

Stattdessen schauten die Bochumer, deren Sonderabteilung "Flankengott" über ein Jahr lang ermittelte, besonders intensiv auf die Struktur und Organisation der Bande. Und erzeugte dadurch den größten Streitpunkt des gesamten Prozesses. Denn was hat ein Lohner Wettbürobesitzer, ein Angestellter in einer ostwestfälischen Tippbude, ein Profi-Zocker aus Mönchengladbach und ein süddeutscher Ex-Profifußballer tatsächlich gemein? Ist das wirklich ein Bande?

Absprache schlimmer als Betrug

"Es gab etliche Gespräche über Manipulationen und Manipulationsabsichten. Die Beschuldigten haben Aufgaben verteilt und sich untereinander abgesprochen", sagte Bachmann SPIEGEL ONLINE. Dieser Umstand wird in der Strafverfolgung weitaus eklatanter gesehen als der des Betrugs.

"Wir sollten uns intensive Gedanken darüber machen, den Tatbestand des Sportbetrugs ins Strafgesetzbuch aufzunehmen, um Urteile in derartigen Fällen zu vereinfachen", sagte Schwadrat. Ein sehr wichtiger Hinweis. Denn wie es aussieht, werden sich deutsche Gerichte in den kommenden Jahren noch viel häufiger mit dem Thema des Wett- und Spielbetrugs auseinander setzen müssen. Dies hängt insbesondere mit dem Umstand zusammen, dass nun zwar eine Möglichkeit für ein erhöhtes Strafmaß gefunden wurde, die tatsächlichen Strippenzieher der Spielmanipulation aber erneut nicht auf den Anklagebänken saßen.

"Paul aus Holland", der "Spanier", "Zigeuner-Uli", "Triade" und wie sie alle hießen, die von den im Bochumer Saal C240 sitzenden Beschuldigten in den vergangenen Monaten als Auftraggeber genannt wurden, blieben von der deutschen Justiz bislang völlig unbehelligt. Genauso wie die Sportler, die allesamt Geld annahmen, von denen aber niemand tatsächlich jemals manipuliert haben will. Der einzige bis heute geständige Aktive ist der ehemalige Schiedsrichter Hoyzer. Dieser darf seit Mittwoch wieder im Verein Fußball spielen. Der DFB hat einem Gnadengesuch statt gegeben.

Wann die jetzt Verurteilten wieder gegen einen Fußball treten können oder einen Wettschein ausfüllen dürfen, steht hingegen selbst nach der Urteilsverkündung noch nicht endgültig fest. "Wir werden auf jeden Fall Revision beim Bundesgerichtshof einlegen", sagt Reinhard Peters, Strafverteidiger von A. zu SPIEGEL ONLINE. Auch R.s Anwalt wird "höchstwahrscheinlich" Revision einlegen. "Natürlich werden wir weiterhin rechtliche Schritte einlegen. Das Urteil ist völlig überhöht. Was sollen denn die Jungs im zweiten Prozess bekommen? Das müssen ja logischerweise zweistellige Haftstrafen werden", so Peters.

Der zweite Prozess rund um den Hauptangeklagten Ante Sapina wird am 5. Mai fortgesetzt. Dort geht man von einer deutlich längeren Urteilsverkündung aus. Wie dann die Nachspielzeit aussieht, hängt ganz entscheidend von den juristischen Schritten der heute Verurteilten aus.

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