Spielabbruch auf St. Pauli Nackenschlag im Abstiegskampf

Erst der Abbruch, dann der Abstieg? Nach dem Becherwurf im Spiel gegen Schalke 04 ist der FC St. Pauli am Boden. Dem Tabellen-16. drohen empfindliche Strafen, der Kiezclub hat sich im Kampf um den Klassenerhalt selbst geschwächt.

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Hamburg - Wenn in der Vergangenheit auf eines Verlass war beim FC St. Pauli, dann auf die Fans. Selbst in Regional- und Zweitligazeiten war die Unterstützung von den Rängen meist erstklassig.

Doch jetzt könnte ausgerechnet ein Zuschauer im eigenen Stadion den Kiezclub um den Klassenerhalt gebracht haben.

Als beim Stand von 0:2 (0:1) gegen Schalke 04 in der 88. Minute ein voller Bierbecher Schiedsrichterassistent Thorsten Schiffner im Nacken traf, brach Schiedsrichter Deniz Aytekin die Partie ab. Er habe "keine andere Wahl" gehabt, als das Match vorzeitig zu beenden, sagte Aytekin später. Schiffner wurde in die Kabine gebracht und von einem Arzt behandelt. Ihm gehe es den "Umständen entsprechend gut", hatte Aytekin nach dem Spiel erklärt. Später wurde Schiffner in einem Hamburger Krankenhaus untersucht, kehrte aber noch nachts ins Hotel zurück.

Eine knappe Stunde nach Spielende wurde noch im Millerntorstadion ein Tatverdächtiger dingfest gemacht und auf einer benachbarten Polizeistation vernommen. Der Mann streitet die Tat bislang ab und wurde am Samstag wieder auf freien Fuß gesetzt. Nun werden weitere Zeugen gesucht, die den Verdacht durch ihre Aussagen erhärten können.

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St. Pauli gegen Schalke: Raúl trifft, Schiffner wird getroffen
Über die Spielwertung wird das DFB-Sportgericht entscheiden. Die Sachlage ist eindeutig: Im betreffenden Paragrafen 18 der Rechts- und Verfahrensordnung des DFB heißt es: "Trifft eine Mannschaft oder ihren Verein oder beide Vereine ein Verschulden an dem Spielabbruch, ist das Spiel dem oder den Schuldigen mit 0:2-Toren für verloren, dem Unschuldigen mit 2:0-Toren für gewonnen zu werten. Hat der Unschuldige im Zeitpunkt des Abbruchs ein günstigeres Ergebnis erzielt, so wird dieses Ergebnis gewertet."

Da es zum Zeitpunkt des Abbruchs 2:0 für Schalke stand, ist wohl davon auszugehen, dass die Partie auch mit diesem Ergebnis gewertet werden wird. Die Deutsche Fußball Liga DFL legt die Entscheidung den eigenen Statuten gemäß in DFB-Hände.

Für St. Pauli wäre die sechste Niederlage in Serie in den verbleibenden Minuten so oder so nicht mehr abzuwenden gewesen, zumal das Team nur noch mit neun Spielern auf dem Platz stand. Mit 28 Punkten aus 27 gewerteten Partien liegen die Hamburger derzeit auf Relegationsplatz 16. Doch nun droht nach dem Skandal auch noch eine Geldstrafe, ein "Geisterspiel" oder gar eine Platzsperre. Ob die DFB-Ermittlungen bereits am Wochenende beginnen oder erst am Montag aufgenommen werden, konnte DFB-Pressesprecher Ralf Köttker am Samstagmorgen noch nicht sagen. Sicher ist aber: Für St. Pauli werden die entscheidenden Wochen im Abstiegskampf besonders schwer.

St. Pauli mit schwerem Restprogramm im Abstiegskampf

Bereits direkt nach dem Spiel hatten die Clubverantwortlichen Stellung genommen. "So etwas geht gar nicht, da gibt es null Toleranz. Ich kann mich nur bei dem Linienrichter entschuldigen", sagte St. Paulis Trainer Holger Stanislawski am Freitagabend. Auch Sportchef Helmut Schulte bat um Entschuldigung, wies aber auch darauf hin, dass die St.-Pauli-Fans sonst einen guten Ruf genießen. "Für sie muss ich hier auch eine Lanze brechen. 99 Prozent von ihnen sind absolut in Ordnung, natürlich ist aber auch immer mal das eine oder andere schwarze Schaf darunter", so Schulte. Den Untersuchungen durch den DFB werde man sich stellen, fügte der Sportchef hinzu.

Auch wenn am Abend alles unter dem Eindruck des Abbruchs stand: Die 88 Minuten davor zeigten, dass es für St. Pauli extrem schwer werden wird, die Klasse zu halten. Bis auf eine kurze Phase nach der Halbzeitpause dominierten die Gäste aus Gelsenkirchen die Partie. Das Team von Trainer Stanislawski konnte sich kaum Torchancen erspielen, wirkte planlos und ungefährlich.

Zudem muss die Mannschaft im kommenden Spiel bei Bayer Leverkusen auf Fin Bartels (Rote Karte/78. Minute) und Jan-Philipp Kalla (Gelb-Rote-Karte/68.) verzichten, die des Feldes verwiesen wurden. Soll der Klassenerhalt gelingen, müssen im Saisonendspurt noch einige Punkte her. Doch das Restprogramm der Hamburger hat es in sich: Nach dem Duell mit dem Tabellenzweiten Leverkusen muss das Team noch nach Wolfsburg, Kaiserslautern und Mainz, außerdem stehen Heimspiele gegen Werder Bremen und Bayern München an.

Für die Partie gegen Schalke hatte sich Trainer Stanislawski extra eine Jacke mit dem Slogan "Ein Verein, Eine Mannschaft, Ein Ziel = 1. Bundesliga" bedrucken lassen. Seit dem Freitagabend ist das Ziel nun noch weiter in die Ferne gerückt.

FC St. Pauli - Schalke 04 (beim Stand von 0:2 in der 88. Minute abgebrochen)
0:1 Raúl (26.)
0:2 Draxler (66.)
St. Pauli: Pliquett - Bartels, Thorandt, Gunesch, Kalla - Boll (77. Bruns), Lehmann - Kruse, Takyi (82. Eger), Hennings (63. Naki) - Asamoah
Schalke: Neuer - Uchida, Höwedes, Metzelder, Sarpei - Kluge (75. Matip), Papadopoulos - Farfan, Baumjohann (46. Draxler) - Gavranovic (7. Edu), Raúl
Schiedsrichter: Aytekin
Zuschauer: 24.487 (ausverkauft)
Rote Karte: Bartels (St. Pauli, 78.) grobes Foulspiel
Gelb-Rote Karte: Kalla (St. Pauli, 68.) wiederholtes Foulspiel
Gelbe Karten: Thorandt (7) - Draxler, Papadopoulos (2)

Mit Material von sid und dpa

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Seite 1
Kurt2, 02.04.2011
1. #1
Zitat von sysopErst der Abbruch, dann der Abstieg? Nach dem Becherwurf im Spiel*gegen Schalke 04*ist der FC St. Pauli am Boden. Dem Tabellen-16. drohen empfindliche Strafen, der Kiezclub hat sich im*Kampf um den Klassenerhalt selbst geschwächt. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,754642,00.html
Immer öfter wird bei St. Pauli der Anspruch von der Wirklichkeit eingeholt. Nach dem peinlichen Auftritt der "Fans" im Derby gegen den HSV ist es nun der Becherwurf. Er kommt den St. Paulianern gerade recht, um wieder einmal anderen die Schuld zuzuschieben, diesmal am unvermeidlichen Abstieg.
frau_flora 02.04.2011
2. Titeldum, titeldei
Also ich finde, es würde ausreichen, das Spiel wie vorgesehen zu werten, nachdem es nun schonmal abgebrochen wurde. Höchstens noch ne mäßige Geldstrafe dazu. Was sollen die Vereine denn machen? Keine Getränke mehr im Stadion verkaufen? Neben jeden Zuschauer einen Ordner stellen?Solche Einzelfälle wird man nie verhindern können, es sei denn, man spielt in leeren Stadien.
arborea 02.04.2011
3. Trottel
Zitat von sysopErst der Abbruch, dann der Abstieg? Nach dem Becherwurf im Spiel*gegen Schalke 04*ist der FC St. Pauli am Boden. Dem Tabellen-16. drohen empfindliche Strafen, der Kiezclub hat sich im*Kampf um den Klassenerhalt selbst geschwächt. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,754642,00.html
Nicht der FC St. Pauli hat sich im Kampf um den Abstieg selber geschwächt, sondern ein gehirnamputierter Trottel hat dem Verein die Suppe eingebrockt.
janeinistrichtig 02.04.2011
4. Menno Pauli!
Man kann ja gegen Schalke zuhause verlieren, aber auch noch mit gelb-roter und roter Karte? Und dann auch noch mit Spielabbruch nach einer "Tätlichkeit" aus den Zuschauerrängen? Der Bierbecher kam bestimmt aus dem "braunen Block". Ich befürchte es geht gen 2. Liga. Jetzt fehlt nur noch, dass Gladbach auch absteigt.
Mocs, 02.04.2011
5. Horst Schimanski mag Currywurst
Zitat von Kurt2Immer öfter wird bei St. Pauli der Anspruch von der Wirklichkeit eingeholt. Nach dem peinlichen Auftritt der "Fans" im Derby gegen den HSV ist es nun der Becherwurf. Er kommt den St. Paulianern gerade recht, um wieder einmal anderen die Schuld zuzuschieben, diesmal am unvermeidlichen Abstieg.
Lieber erhobenen Hauptes absteigen, als mit irgendwelchen Fascho-/Hool-Fans oben bleiben ! ¡Es mejor morir de pie que vivir toda una vida de rodillas! btw : Schon mal über einen Wechsel zu Hansa Rostock nachgedacht ? Die sind noch faschodurchseuchter als der HSV (unglaublich, aber wahr)
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