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30. September 2010, 14:07 Uhr

Spielervermittler-Prüfung

Lizenz zum Schröpfen

Von Steffen Schneider

Sie können Millionen scheffeln, weil andere arbeiten: Berater von Fußballprofis haben ein mieses Image - und oft eine ebenso schlechte Ausbildung. Der Test für eine Vermittlerlizenz ist abstrus. SPIEGEL ONLINE gibt Einblicke in die Prüfung, die schon bald abgeschafft werden könnte.

Was waren das für Zeiten, als Weltstars noch ohne raffgierige Berater ihre Verträge aushandelten. Dass auch diese Deals für die Spieler durchaus lukrativ sein konnten, beweist das Beispiel von Radmilo Mihajlovic. Der Bayern-Stürmer verhandelte 1991 mit Schalkes Sonnenkönig Günter Eichberg. "Ich gehe jetzt raus", sagte dieser. "Wenn ich wiederkomme, haben Sie bitte eine Summe in diesen Vertrag eingesetzt." Mihajlovic fackelte nicht lang und setzte "500.000 Mark Garantiegehalt, 1,6 Millionen Handgeld, mietfreies Haus mit Einrichtung, Mercedes" in die freie Fläche. Eichberg winkte den Vertrag durch.

Doch diese Zeiten sind längst vorbei, kaum ein Top-Star verhandelt heutzutage noch selbst. Dafür gibt es ja die Spielerberater. Dass es immer mehr werden, können selbst die mächtigen Fußballverbände nicht verhindern. Für die nächste Generation der Spielerberater sind mittlerweile sogar die Tagungsräume des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zu klein geworden. Für die Prüfung der angehenden Spielervermittler musste der Verband in das Congress Center am Frankfurter Messegelände umziehen.

145 Männer und sechs Frauen stellen sich dort an diesem Donnerstag den Fragen von Fifa und DFB - zum Leidwesen vieler Bundesliga-Manager.

45 Millionen Euro kassierten die Berater nach Angaben der "Zeit" allein in der Bundesliga-Saison 2006/07. Zum Vergleich: Für diese Summe hat der FC Bayern Arjen Robben und Franck Ribéry verpflichtet. Mittlerweile gibt es in Deutschland 320 lizenzierte Spielervermittler - und schätzungsweise mehr als 600 Berater, die sich der Prüfung entziehen.

Lizenz als Versuch, Ordnung ins Chaos zu bringen

"Selbst gegenüber der VdV geben sich Personen als Spielerberater aus, die weder eine Spielervermittler-Lizenz noch eine Zulassung als Rechtsanwalt besitzen", sagt Ulf Baranowsky, Geschäftsführer der Vereinigung der Vertragsfußballspieler, der deutschen Spielergewerkschaft. Rechtsanwälte und Familienangehörige dürfen Spieler auch ohne DFB-Prüfung vermitteln. Was aber nicht für Autohändler, IT-Berater, Studenten oder Ex-Profis gilt, die allerdings ebenfalls auf üppige Provisionen hoffen.

Die Lizenzierung ist ein verzweifelter Versuch, Ordnung ins Chaos zu bringen. Dieses Vorhaben ist allerdings von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Denn lizenzlose Berater erledigen die offiziellen Teile eines Transfers pro forma mit ihrem Anwalt - die entscheidenden Verhandlungen haben sie bis dahin allerdings nicht selten ohne juristischen Beistand geführt. "Ohne Lizenz bin ich unabhängiger vom DFB", sagt ein erfolgreicher Berater aus Düsseldorf, der nicht namentlich genannt werden will. In der Tat stehen lizenzlose Berater wie er in keiner Rechtsbeziehung zum Verband, der allenfalls mit Sanktionen gegen Spieler und Vereine antworten kann.

Der Sinn der Prüfung wird nicht nur dadurch ad absurdum geführt: Verhandlungsgeschick und vor allem die sorgfältige Karriereplanung junger Spieler sind das Handwerk erfolgreicher und vor allem seriöser Berater. Doch darum geht es in den zweimal jährlich stattfindenden Prüfungen nicht. Stattdessen werden trockene Bestimmungen aus Fifa-, DFB- und DFL-Statuten abgefragt. "Viele Fragen sind sicherlich nützlich, bilden jedoch nur einen kleinen Abschnitt der Tätigkeit eines Spielerberaters ab. Aspekte wie Vermögensplanung werden beispielsweise nicht thematisiert", sagt Michael Ebert.

"Die Prüfung ist nicht unbedingt geeignet"

Dem "kicker"-Redakteur ist im April gelungen, was eigentlich unerwünscht ist: die Prüfung aus nächster Nähe zu beobachten. Dafür legte er dem DFB das gewünschte polizeiliche Führungszeugnis sowie zwei Passbilder vor, zahlte 250 Euro Teilnahmegebühr - und bestritt die 90-minütige Prüfung. "Es erweckt den Anschein, als habe es Methode, bis zu 85 Prozent der Teilnehmer durchfallen zu lassen", lautet das Urteil des Reporters. Gregor Reiter von der Deutschen Fußballspieler-Vermittler Vereinigung (DFVV) wird deutlicher: "Der Inhalt müsste praxisrelevanter sein. Die Prüfung ist nicht unbedingt geeignet, das abzufragen, was ein Spielervermittler wirklich können muss."

Mit der offiziellen Lizenz ausgestattet werden am Donnerstag ohnehin nur die wenigsten der 151 Teilnehmer: Satte 75 Prozent beträgt die durchschnittliche Durchfallquote der vergangenen zehn Jahre, sagt DFB-Direktor Helmut Sandrock. Der Grund: Mehr als tausend Seiten trockenen Lernstoff haben die Teilnehmer im Vorfeld zu bewältigen. Zwar gibt der DFB die jeweiligen Schwerpunkte bekannt, die in den vergangenen Jahren gestellten Fragen sind öffentlich - aber eigentlich nicht einsehbar. SPIEGEL ONLINE liegen allerdings einige der Testfragen vor (siehe Kasten oben).

Zudem erfuhr SPIEGEL ONLINE aus Fifa-Kreisen, dass schon ab 2012 Lizenz und Prüfung wegfallen könnten. "Diskussionsprozesse über Anpassungen des Vermittlerreglements werden bei der Fifa seit Jahren geführt. Uns liegen derzeit aber keine Erkenntnisse über einen neuen Sachstand vor", sagt DFB-Direktor Sandrock.

Gregor Reiter geht dagegen fest davon aus, dass sich zumindest der Weltverband ab 2012 aus der Lizenzierung verabschiedet. "Der falsche Schritt in die falsche Richtung" sei dies, mahnt der DFVV-Geschäftsführer. In einer mit DFB und DFL verfassten Stellungnahme hat sich die Vereinigung gegenüber der Fifa bereits gegen die Öffnung eines Marktes ausgesprochen, der ohnehin schon offener ist, als er sein sollte.

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