Hoffenheim gegen Leverkusen Empörung über das Phantomtor von Sinsheim

Dieses Spiel wird den deutschen Fußball noch eine Weile beschäftigen: Stefan Kießling erzielte beim 2:1 von Leverkusen gegen Hoffenheim ein Tor, das keines war. Das Wichtigste zum Spitzenspiel im Spielfilm.

Phantomtorschütze Kießling: Irregulärer Treffer beim Sieg gegen Hoffenheim
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Phantomtorschütze Kießling: Irregulärer Treffer beim Sieg gegen Hoffenheim

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Die Ausgangslage: Bayern gegen Dortmund, Dortmund gegen Bayern - das ist das Duell, um das sich die laufende Saison dreht. 99,99 Prozent der Fachleute sind sich sicher, dass der Meister zwischen diesen beiden Teams ermittelt wird. Doch die Spitzengruppe der Liga beinhaltet noch einen dritten Club: Bayer Leverkusen. Mit seinem Sieg bei der TSG Hoffenheim könnte die Mannschaft von Trainer Sami Hyypiä die Tabellenführung übernehmen, zumindest für ein paar Stunden.

Das Ergebnis: Bayer gewann 2:1 (1:0) und hat tatsächlich die Tabellenspitze erklommen. Diese beiden Erkenntnisse waren nach dem Spiel aber nebensächlich. Das Thema des Abends war Stefan Kießlings Treffer zum 2:0 in der 70. Minute. Denn dieses Tor war keines. Der Kopfball des Leverkusener Angreifers hatte das Ziel knapp verfehlt. Weil der Ball durch ein Loch im Netz von hinten ins Tor rutschte, entschied Schiedsrichter Felix Brych auf Treffer. Fast 20 Jahre nach Thomas Helmers Phantomtor im Spiel des FC Bayern gegen Nürnberg am 23. April 1994 gelang nun auch Kießling dieses fragwürdige Kunststück.

Die erste Halbzeit: Hoffenheim war wild entschlossen, Bayers Plan zur Übernahme der Tabellenführung zu durchkreuzen. Die Gastgeber hatten durch den Freistoß von Sejad Salihovic (10. Minute) und den von Kevin Volland in Szene gesetzten Anthony Modeste (20.) ordentliche Chancen zur Führung. Doch es waren die Leverkusener, denen das 1:0 gelang. Sydney Sam traf in der 26. Minute per Flachschuss von der Strafraumkante. Hoffenheims Abwehrspieler hielten respektvoll Abstand.

Die zweite Halbzeit: Die Leverkusener verwalteten ihren Vorsprung routiniert, deshalb kippte das Spielniveau von "ganz ordentlich" zu "ziemlich dröge". Durch Kießlings Phantomtor wurde die Partie zur Farce. Hoffenheim gelang in der 88. Minute noch der Anschlusstreffer durch Sven Schipplock.

Skandal des Spiels: Des Spiels? Ach was. Skandal des Jahres! Des Jahrzehnts vielleicht sogar. Nach einer Ecke von Gonzalo Castro köpfte Kießling den Ball in der 70. Minute knapp am Hoffenheimer Tor vorbei. Der Angreifer drehte sich weg und fasste sich mit beiden Händen an den Kopf aus Entsetzen über die ausgelassene Gelegenheit. Doch Schiedsrichter Brych entschied auf Tor. Auch nach kurzer Rücksprache mit Kießling hielt der Spielleiter an seiner Entscheidung fest.

Kießlings Phantomtor: Ball rutscht von hinten durchs Netz
Getty Images

Kießlings Phantomtor: Ball rutscht von hinten durchs Netz

Nicht-Jubel des Spiels: Kießling sah ziemlich verdutzt aus, als Brych seine fatale Entscheidung traf. Seine Leverkusener Mitspieler waren ebenfalls irritiert. Nur zögerlich näherten sie sich dem, nun ja, Torschützen, umarmten ihn höchstens zaghaft. Kießling lächelte, verkniff sich aber jegliche Jubelgesten. Er wusste ja, dass hier etwas mit seltsamen Dingen zuging.

Protest des Spiels: Die TSG Hoffenheim will sich mit der Niederlage durch Kießlings irregulären Treffer nicht abfinden. Ob der Verein Protest einlegen werde, wurde Sportchef Alexander Rosen nach dem Schlusspfiff gefragt. Die knappe Antwort: "Ja!" Trainer Markus Gisdol sagte: "Es wäre ja ein Witz, wenn das Spiel nicht wiederholt werden würde." Nach Thomas Helmers Phantomtor im Jahr 1994 wurde ein Wiederholungsspiel zwischen Bayern und Nürnberg angesetzt, die Münchner gewannen 5:0.

Guter Rat des Spiels: Leverkusens Sportchef Rudi Völler erteilte den Gastgebern nach Schlusspfiff einen guten Rat: "Sie haben so viel Geld für ihr neues Stadion ausgegeben. Jetzt müssen sie sich noch ordentliche Netze besorgen."

Tragische Figur des Spiels: Schiedsrichter Brych lag nicht nur beim 2:0 falsch. Schon davor war ihm ein gravierender Fehler zu Ungunsten der TSG Hoffenheim unterlaufen. In der 36. Minute brachte Andreas Beck eine Flanke von rechts in den Strafraum, Firmino legte den Ball mit dem Kopf zurück auf Kevin Volland - der traf zum 1:1. Dachte er jedenfalls. Doch Brych versagte dem Tor die Anerkennung, weil sich Firmino im Abseits befunden haben soll. Eine Fehlentscheidung. In der 82. Minute wies er Hoffenheim nach Roberto Hilberts Foul an Firmino einen Elfmeter zu. Dabei hatte der Zweikampf außerhalb des Strafraums stattgefunden. Auch hier lag Brych falsch.

Schiedsrichter Brych: Nicht nur bei Kießlings 2:0 falsch gelegen
Getty Images

Schiedsrichter Brych: Nicht nur bei Kießlings 2:0 falsch gelegen

Pingpong-Einlage des Spiels: Elfmeter also. Firmino lief an, Leverkusens Torhüter Bernd Leno parierte. Dann sprang der Ball in Bruchteilen einer Sekunde zweimal gegen den Pfosten. Nur mit Not überstand Bayer die Szene unbeschadet. Eine letzte Kuriosität in dem an Kuriositäten reichen Spiel.

Erkenntnis des Spiels: Menschen irren. Nach dem Phantomtor von Sinsheim wird die Diskussion um technische Hilfsmittel für Schiedsrichter wieder aufleben. Ein Blick auf die Zeitlupe hätte Brych genügt, um seinen Fehler zu erkennen. Um zu sehen, dass Kießlings Kopfball durch ein Loch im Netz im Tor gelandet war. Doch eine Zeitlupe hat er auf dem Platz nicht zur Verfügung.



insgesamt 123 Beiträge
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wll 19.10.2013
1. Kein Thema
Da bleibt eigentlich nur eine Sperre wegen grob unsportlichen Verhaltens gegen Kießling nebst Wiederholung der Partie. Und der Schiedsrichter sollte gründlichst durchleuchtet werden - das riecht ja geradezu nach Manipulation. Würde mich nicht wundern, wenn in den einschlägigen Wettzentren in Südostasien wieder einmal üppig Kasse gemacht worden wäre...
tylerdurdenvolland 19.10.2013
2. Wie ist das möglich?
Zitat von sysopGetty ImagesDieses Spiel wird den deutschen Fußball noch eine Weile beschäftigen: Stefan Kießling erzielte beim 2:1 von Leverkusen gegen Hoffenheim ein Tor, das keines war. Das Wichtigste zum Spitzenspiel im Schnelldurchlauf. http://www.spiegel.de/sport/fussball/spielfilm-das-wichtigste-zum-spiel-zwischen-hoffenheim-und-bayer-a-928734.html
Da wird ein Herr mit dem profesionellen Beruf Torrichter dafür bezahlt sich ein Bundesliga Spiel vom best-möglichen Stehplatz aus anzuschauen. Vor dem Anpfiff kontrolliert er das Tornetz ZUSAMMEN mit dem Schiri und beide Fachleute, mit ihrem Stundenlohn von weit über 1000 Euro, sehen ein Loch nicht, grösser wie ein Fussball???
frank_78 19.10.2013
3. Einfach nur lächerlich
was da heute in Sinsheim ablief. Ich als Fan von Bayer Leverkusen plädiere aus rein sportlicher Sicht auf eine Spiel-Wiederholung. Alles andere hätte ein extrem faden Beigeschmack. Lieber (möglicherweise) "sauber" verlieren als so ein "dreckigen" Sieg, obwohl die Schuld ja in diesem Fall nicht bei Bayer zu suchen ist, sondern bei einem völlig überforderten und unfähigen Schiedsrichter Brych und seinen Assistenten! Es bleibt zu hoffen, das der DFB so klug ist, und so einen unfähigen Schiedsrichter (inklusive Assistenten) aus dem Verkehr zieht! Die Kritik von Herrn Völler kann ich mich nur anschließen. Wenn die Tornetze in Ordnung gewesen wären, wäre es auch nicht zu einem Phantom-Tor kommen können. Und das liegt in der Verantwortung der TSG 1899 Hoffenheim!
pg18 19.10.2013
4. schon lange überfällig
ein Videobeweis wie er schon in vielen anderen Sportarten angewendet wird ist im Fußball überfällig. ..ich frage mich war man sich dagegen sperrt
movfaltin 19.10.2013
5. Strafe für Hoffenheim
Nachdem in den DFB-Regularien wohl geregelt ist, dass ein Tornetz bei Bundesligaspielen keine Riesenlöcher aufweisen darf, ist Hoffenheim mit einer Geldstrafe zu belegen, aus Gründen sportlicher Fairness ist das Spiel dennoch zu wiederholen (vgl. Helmer-Tor). Den gastegebenden Verein auf sportliche Weise zu benachteiligen, hielte ich für völlig verfehlt, zumal beim besten Willen keine Absicht und kein Wille zur Manipulation des Ergebnisses zu unterstellen ist. Die beteiligten Spielleiter und Seitenrichter sollten vor ihren nächsten hochklassigen Spielen oder gar Turnieren erst längerzeitige neutrale Leistungsüberprüfungsmaßnahmen (Assessment) durchlaufen.
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