Spitzenreiter Wolfsburg Hoffen auf das scheue Glück

Neun Siege in Folge - doch der VfL Wolfsburg will nicht vom Meistertitel reden. Und dafür gibt es trotz eines rekordverdächtigen Spielmachers gute Gründe. Die Saison sah schon viele gestürzte Spitzenreiter - und ein Leistungsabfall des Tabellenführers ist erkennbar.

Von , Mönchengladbach


Eigentlich ist Verschwiegenheit ein Stilmittel der Not. Bayern Münchens Manager Uli Hoeneß zieht sich stets wortlos zurück, wenn sein Club besonders böse unter die Räder gekommen ist, und die Fußballer von Schalke 04 schweigen schon mal mehrere Wochen, wenn es rumort und kriselt. Beim VfL Wolfsburg haben sie sich nun Wortlosigkeit für den Erfolgsfall verordnet. Zumindest, wenn es um die Frage nach der Zukunft geht.

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DDP

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"Was am Ende sein könnte, darüber reden wir nicht", sagte Spielmacher Zvjezdan Misimovic, nach dem 2:1-Sieg des Tabellenführers bei Borussia Mönchengladbach. "Wir denken nur von Spiel zu Spiel", erwiderte Torhüter Diego Benaglio auf die Frage nach seinen Ambitionen im Titelrennen, und Siegtorschütze Sascha Riether sagte zu den Perspektiven nur: "Es lauert noch viel Arbeit auf uns."

Dabei hat sich der VfL Wolfsburg mit dem glanzlosen Sieg gegen Borussia Mönchengladbach endgültig zum aussichtsreichsten Meisterschaftskandidaten veredelt. Schließlich heißt es im Fundus der ewigen Fußballweisheiten, dass nicht derjenige Meister wird, der die spektakulären Spitzenspiele gewinnt, sondern der, der die Alltagsarbeit am erfolgreichsten erledigt. Das ist den Wolfsburgern eine Woche nach der 5:1-Gala gegen Bayern München bestens gelungen.

Mönchengladbach befand sich öfter in Ballbesitz, gewann mehr Zweikämpfe, brachte mehr Pässe zum Mitspieler - mehr Tore schoss Wolfsburg. "Das war kein schönes Spiel", sagte Christian Gentner, "dass wir trotzdem gewonnen haben, spricht für die Mannschaft."

Noch nicht einmal zu einer Korrektur der Saisonziele wollten die Wolfsburger sich nach ihrem neunten Sieg in Folge überreden lassen. Dabei scheint die Teilnahme am Uefa-Cup angesichts des kommoden Zehn-Punkte-Vorsprungs auf den Sechstplazierten, die TSG Hoffenheim, kaum noch gefährdet. "Ah, schönes Thema", sagte Trainer Felix Magath, als er darauf angesprochen wurde, "aber wir können uns erinnern, dass auch andere Mannschaften da oben standen, und wir sehen, wie schnell es dann gehen kann." Magath meint wohl Hertha BSC Berlin und den Hamburger SV, wo zwei Millionenstädte sich Meisterschaftsträumen hingaben, um dann schnell wieder abzustürzen.

Die Wolfsburger haben das muntere Bäumchen-Wechsel-Dich an der Tabellenspitze beobachtet und ihre Schlüsse gezogen. "Wir müssen höllisch aufpassen, sonst verlässt uns irgendwann das Glück", meinte Misimovic. Erste Anzeichen eines Leistungsabfalls waren ja schon in Gladbach erkennbar. In vielen Phasen fehlten Tempo und Spielfluss, der Brasilianer Grafite konnte nicht an die Glanzleistungen der Vorwochen anknüpfen, Sturmpartner Edin Dzeko erzielte zwar das 1:0 (20.), blieb ansonsten aber blass, und auch Misimovics Werk erinnerte eher an Arbeit als an Kunst.

Die Aura eines echten Spitzenteams strahlten die Wolfsburger erst nach Dantes Treffer zum 1:1 (79.) aus. Plötzlich wirkten sie körperlich überlegen, waren wacher und verdienten sich so Riethers späten Siegtreffer (85.). Die in dieser Saison offenbar so unglaublich komplizierte Aufgabe, an der Tabellenspitze zu bleiben, ist vorerst bewältigt.

Und Misimovic ist auf dem Weg, einen Rekord für die Ewigkeit aufzustellen. Er legte Dzekos Treffer auf, es war seine 17. Torvorlage in dieser Saison. Damit stellte er den gemeinsamen Rekord von Uwe Bein, Andreas Herzog und Dariusz Wosz ein, wobei auch eine Statistik kursiert, nach der Herzog einmal 20 Treffer innerhalb eines Spieljahres vorbereitete. "Dann gehe ich eben die 20 an", sagte Misimovic fast etwas gelangweilt. Auch wenn er nicht darüber spricht, in Wahrheit verfolgt er andere Ziele.

Mit erheblich ernsteren Problemen muss sich derweil Borussia Mönchengladbach auseinandersetzen. "Nach den Siegen gegen Hannover, Hamburg und in Köln, dachten wir, dass wir in dieser Saison vielleicht noch richtig da unten rauskommen", sagte Trainer Hans Meyer. Doch weil der Aufsteiger zuletzt aus drei Spielen nur einen Punkt holte und der VfL Bochum zu enteilen scheint, "gehören wir jetzt zu den vier Übrigen, die um den Relegationsplatz und um Platz 15 rangeln".

Es drückt Meyer, dass die deutliche Leistungssteigerung gegenüber der ersten Saisonhälfte sich zu selten in Ergebnissen niederschlägt. "Es gab 2009 mit unserem Auftritt in Bremen nur ein Spiel, wo ich sage, das war absolute Asche", so Meyer, "auch heute haben wir gefällig gespielt und trotzdem verloren." Die Gladbacher befinden sich auf der Suche nach jenem scheuen Glück, das die Männer vom VfL Wolfsburg mit ihrer Schweigetaktik so gerne noch ein paar Wochen in Niedersachsen halten wollen. Am besten bis zum 23. Mai, denn an diesem Tag endet die Bundesliga-Saison.



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