Historischer St.-Pauli-Sieg gegen den HSV 59 Jahre, und jetzt das

Es gibt Derbys, und dann gibt es diese besondere Rivalität zwischen dem HSV und dem Stadtrivalen St. Pauli. Nun gewann der Underdog erstmals seit 59 Jahren daheim gegen den Favoriten. Wie das gelang, zeigt vor allem eine Szene.

Jubelnde St.-Pauli-Spieler
Martin Rose/Getty Images

Jubelnde St.-Pauli-Spieler

Aus dem Millerntorstadion berichtet


Tosender Jubel. Mit anderen Worten ist die Reaktion auf den Tribünen des Millerntorstadions in der 77. Minute des Hamburger Stadtderbys nicht zu beschreiben. Dabei war gar kein Treffer gefallen, es gab nicht einmal eine Torchance. Stattdessen hatte St. Paulis Mats Möller-Daehli einfach mit einem langen Sprint den HSV-Innenverteidiger Gideon Jung unter Druck gesetzt.

Die Szene hatte nichts mit dem Ausgang des Spiels zu tun. Möller-Daehli gewann nicht einmal den Ball, Jung befreite sich spielend aus dem wilden Ein-Mann-Pressing. Und doch steht der Moment stellvertretend für zwei Dinge: für die gesteigerte Intensität, die sich St. Pauli in den vergangenen Wochen erarbeitet hat und die mitverantwortlich war für den historischen 2:0 (1:0)-Heimsieg im Derby. Und für den extremen Stellenwert, den das Spiel bei den Fans einnimmt. Ein erfolgloser Sprint, der ein Stadion in Ekstase versetzt - das ist auch am Millerntor außergewöhnlich.

"Die haben alles bejubelt, was wir gemacht haben", sagte Marvin Knoll, der entscheidenden Anteil am 2:0 hatte. Nach einem schnell ausgeführten Freistoß von Möller-Daehli spielte er Rick van Drongelen mit der Hacke an, der HSV-Verteidiger lenkte den Ball ins eigene Tor. Zuvor hatte Dimitrios Diamantakos die Gastgeber mit einem Kopfball in Führung gebracht.

Letzter Derby-Heimsieg in der Oberliga

Gerade nach den Toren, in der Schlussphase und nach dem Abpfiff präsentierte sich das Stadion wie im Rausch. Kurz vor Schluss rollten die Anhänger auf der Südtribüne ein Banner mit der Aufschrift "Hamburg ist braun-weiß" aus. Die Spieler trugen es später noch über den Rasen. "Derbysieger! Derbysieger!" und "Die Nummer eins in Hamburg sind wir", schallte es durchs Stadion. Auch Pyrotechnik wurde massiv gezündet, wie schon beim letzten Derby am Millerntor auf beiden Seiten. Aus dem HSV-Block flogen sogar Raketen aufs Spielfeld. Es dürften erneut harte Geldstrafen folgen.

Für St. Pauli jedenfalls war der Sieg wie eine Befreiung, das war im Stadion zu spüren. Immerhin hatte der Verein zuletzt 1960 ein Heimspiel gegen den HSV gewonnen, damals noch in der Oberliga, als es die Bundesliga noch gar nicht gab. Zudem konnte der Klub einen Sieg gut gebrauchen: Es war erst der zweite im sechsten Saisonspiel, St.- Pauli kletterte auf Platz zehn. Der HSV fiel auf Rang zwei hinter Stuttgart zurück.

Und so rannte Möller-Daehli nach dem Abpfiff wild gestikulierend auf die Haupttribüne zu, küsste das Vereinsemblem auf seinem Trikot. Dann fiel er Jos Luhukay in die Arme, der Trainer hob seinen Spieler in die Luft. Auch er gab sich später euphorisch, ganz anders als noch vor gut sieben Wochen. Damals kritisierte er noch vor dem ersten Spieltag die allzu freundschaftliche Mentalität seines Klubs: "Alle sind viel zu nett zueinander."

Umstrittene Entscheidung gegen den HSV

"Wir haben versucht, eine Mentalitätsveränderung innerhalb der Mannschaft zu bekommen und eine noch höhere Professionalität", sagte Luhukay nach dem Derbysieg zu seiner damaligen Unzufriedenheit. Jetzt erzählte der Trainer, dass sich die Mannschaft seitdem enorm entwickelt habe.

Man müsse sich "nicht mehr zu viele Sorgen über die körperliche Belastung von zu vielen Spielern" machen, sagte Luhukay. Gegen den HSV seien es nur zwei Spieler gewesen, die ausgewechselt werden wollten. "Gegen Kiel waren es fünf, sechs." Ein Problem sei auch gewesen, dass die Mannschaft erst spät zusammengestellt worden sei. Gegen den HSV gaben Rechtsverteidiger Sebastian Ohlsson und der eingewechselte Youba Diarra ihr Debüt, Innenverteidiger Leo Östigard stand erstmals von Beginn an auf dem Platz.

Das veränderte Team hatte den HSV vor allem in der ersten halben Stunde im Griff. Danach aber, vor allem in der zweiten Hälfte, vergaben die Gäste etliche Chancen. Und der HSV hatte Pech: Der vermeintliche Ausgleich von Lukas Hinterseer kurz vor der Pause zählte nicht, weil der Ball zuvor im Toraus gewesen sein soll. Auf den Fernsehbildern ist das nicht klar zu erkennen. HSV-Trainer Dieter Hecking sagte dazu: "Der Fehler liegt darin, dass auf der wichtigsten Linie des Stadions keine Kamera ist." Ein Grund für die Niederlage sei das trotzdem nicht, St. Pauli habe verdient gewonnen.

Herzlicher Empfang für Jatta

Die Gastgeber schafften damit die Revanche für das 0:4-Debakel im März. Dabei hätte St. Pauli letztlich sogar ein ähnlich hohes Ergebnis gelingen können, aber dafür spielte das Team seine Konter in der Schlussphase zu schlecht aus.

Für die Stimmung beim HSV bedeutet es aber auch so einen empfindlichen Rückschlag, die erste Niederlage der Saison ausgerechnet am Millerntor kassiert zu haben. Es war doch gerade erst eine kaum gekannte Ruhe im Volkspark eingekehrt. Da ging auch der warme Empfang für Bakery Jatta am Millerntor unter - mit "Welcome"-Banner und vereinzeltem Applaus von St-Pauli-Anhängern bei seiner Auswechslung. Der Angreifer aus Gambia hat eine hitzige Debatte über eine angebliche Identitätsfälschung hinter sich und dabei auch Unterstützung vom FC St. Pauli erfahren.

Jetzt aber müssen er und sein Team sich vorerst die "Derbysieger"-Schmähungen des Stadtrivalen gefallen lassen. "Ein beschissener Tag", fiel deshalb das eindeutige Fazit von Sonny Kittel aus. Und Jos Luhukay hat nun fünf Monate Zeit, dafür zu sorgen, dass sich im Rückspiel nicht zwei, sondern kein Spieler auswechseln lassen will.

FC St. Pauli - Hamburger SV 2:0 (1:0)
1:0 Diamantakos (18.)
2:0 van Drongelen (62., Eigentor)
St. Pauli: Himmelmann - Ohlsson (80. Kalla), Östigard, Lawrence, Buballa - Becker, Knoll (84. Diarra) - Miyaichi, Möller Daehli, Conteh (62. Penney) - Diamantakos Hamburg: Heuer Fernandes - Vagnoman, Jung, van Drongelen, Leibold - Fein - Kinsombi (80. Dudziak), Kittel - Narey (46. Hunt), Hinterseer, Jatta (66. Harnik)
Schiedsrichter: Sven Jablonski
Gelbe Karten: Diamantakos, Ohlsson - Leibold, Jung
Zuschauer: 29.226 (ausverkauft)



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
MadamimadaM 17.09.2019
1.
Da wird sich der Ewald Lienen aber freuen.
kopi4 17.09.2019
2.
Richtig, Luhukay kann jetzt fünf Monate daran arbeiten das sich im Rückspiel keiner mehr auswechseln lassen will. Hecking im Gegenzug hat acht Monate Zeit dafür zu sorgen das es in der Saison 2021 wieder Werder Bremen heißt wenn man vom Derby spricht. Sowohl Luhukay wie Hecking dürften erfolgreich sein.
alles_auf7 17.09.2019
3. Die gute Tat
Nachdem St.Pauli den HSV in der Causa Jatta so vorbildlich unterstützt hat, durfte sich der HSV nun revanchieren und die Kiezler von den unteren Tabellenplätzen wegführen. So etwas ist Freundschaft! Well done, boys!?
marjukka1 17.09.2019
4.
Zitat von MadamimadaMDa wird sich der Ewald Lienen aber freuen.
Auch Kommisar Thiel in Münster wird vor Freude dopsen
Schartin Mulz 17.09.2019
5. Ok,
aber in 59 Jahren war das aber auch erst das 10. Liga-Heimspiel von St.Pauli gegen den HSV. Es waren also mal gerade 9 Heimspiele, di e St.Pauli gegen den Lokalrivalen nicht gewonnen hat,
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