St. Pauli gegen Bayern Tausche Krankenakte gegen Eintrittskarte

Ein abgerissener Finger, Bestechungsversuche mit WM-Karten und eine Anfrage aus Australien: St. Paulis Ticketchef Torsten Vierkant erlebte vor dem Pokal-Halbfinale gegen die Bayern abenteuerliche Geschichten. SPIEGEL ONLINE beschreibt die Versuche der Fans, an Karten zu kommen.

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"Pokalfinale, Pokalfinale", singen St. Paulis Spieler Benjamin Adrion und Marcel Eger auf einer neuen Fan-CD. Auch wenn es bislang nur das Halbfinale ist, sollte sich St. Paulis Kartencenter-Chef Torsten Vierkant über den größten Triumph in der Vereingeschichte eigentlich freuen. "Ich bin froh, wenn das Spiel vorbei ist", sagt Vierkant, während er den Telefonhörer abnimmt. "Nein, nichts zu machen, wir sind restlos ausverkauft." Kaum ist der Anruf beendet, klingelt auch schon sein Handy. "So geht das jetzt seit zweieinhalb Monaten", sagt Vierkant und schüttelt fast verzweifelt den Kopf.

Dabei zeigt er auf einen der zahlreichen Papierstapel auf seinem Schreibtisch. Dort liegen noch die Reste von 50.000 Bestellbriefen, die für das Halbfinale im DFB-Pokal gegen den FC Bayern beim FC St. Pauli eingingen. Die meisten Anfragen haben Vierkant und seine Mitarbeiter, die in einem umgerüsteten Baucontainer direkt am Stadion arbeiten, absagen müssen. Das Millerntor bietet lediglich 19.400 Besuchern Platz.

An den 28. Januar erinnert sich Vierkant mit Schrecken zurück. Weltfußballerin Birgit Prinz hatte im Aktuellen Sportstudio das vermeintliche Traumlos Bayern München gezogen. "Noch in derselben Nacht gingen 827 Anfragen per E-Mail ein", so Vierkant. Die Fans des Regionalligisten, die sich gerne als die etwas anderen Anhänger schmücken, bewiesen auch bei der Jagd auf die begehrten Tickets besondere Kreativität. "Ein Fan schrieb, dass er sich vor zehn Jahren einen Finger bei einem Heimspiel am Millerntor abgerissen hätte und ihm deshalb eine Karte zustünde", so Vierkant. "Zwei Jahre später habe er einen schweren Chlorgasunfall gehabt." Auch wenn dem Herrn der Tickets das persönliche Schicksal seiner Kunden manchmal Nahe geht, ging auch dieser Fan leer aus.

Denn das Präsidium, das aus sportlichen Gründen auf einen Umzug in die benachbarte AOL-Arena verzichtete, rationierte die Tickets nach strengen Gesichtspunkten. Die knapp 12.000 Dauerkartenbesitzer hatten ein Vorkaufsrecht, 2600 Tickets gingen an den FC Bayern, 1500 Karten konnten die Sponsoren des Clubs erwerben - eine Investition in die Zukunft hieß es von Seiten des Clubs.

Die verbleibenden Tickets wurden unter den Mitgliedern verlost. Der Rest der Anhänger muss das Spiel am Fernseher verfolgen. Etwas mehr Glück hatte Annika aus Hamburg-Rahlstedt. Die Neunjährige bewarb sich mit einer selbst gemalten Eintrittskarte um einen Platz beim Spiel des Jahres. Eine Mitarbeiterin des Kartencenters verzichtete auf ihr Vorkaufsrecht, so dass Annika am Mittwoch ab 20.30 Uhr (Liveticker SPIEGEL ONLINE) ihre St. Paulianer anfeuern kann.

Blühender Schwarzhandel

Mit dabei sein wird auch ein am Knie operierter Anhänger aus der Nordkurve. Der Fan bat den Verein darum, sein Stehplatzticket aufgrund seiner Verletzung in einen Sitzplatz umzuwandeln. "Der Mann hat seine komplette Krankenakte eingereicht, ich wusste gar nicht, dass man im Krankenhaus so viele Bescheinigungen bekommt", sagt Vierkant, der einigen Versuchungen widerstehen musste.

"Mir wurden im Gegenzug für Bayern-Karten jede Menge WM-Tickets angeboten, sogar das Finale hätte ich mir angucken können", so Vierkant. Auch alte Freunde erinnerten sich plötzlich an den gebürtigen Güstrower zurück. "Mit einem habe ich vor zehn Jahren eine Umschulung bei der Deutschen Bahn absolviert", sagt Vierkant, der 2001 seinen Beamtenjob als Fahrdienstleiter bei der Bahn aufgab und in das sechs Quadratmeter große Büro auf dem Heiligengeistfeld zog. Auch der alte Weggefährte ging leer aus.

Die weiteste Anfrage erreichte das Kartencenter aus Australien, die längste Anreise wird ein Edel-Fan aus Dubai absolvieren, der sich für 1910 Euro eine lebenslange Dauerkarte sicherte, obwohl er Tausende Kilometer von Hamburg entfernt lebt. Ähnlich hohe Preise wurden bei eBay für die Karten aufgerufen. Am Montag bot ein Verkäufer vier ermäßigte Karten für die Nordkurve für 1240 Euro zum Sofortkauf an. Der reguläre Preis für ein solches Ticket betrug sieben Euro. "Zum Glück ist keiner auf das Angebot eingegangen", sagt Vierkant.


Obwohl das Präsidium ankündigte, im Vorfeld dieses Spiels gegen den Schwarzhandel vorzugehen, blühte der illegale Markt. Selbst als der Inhaber einer Sitzplatzdauerkarte seinen Platz zu einem stark erhöhten Preis bei eBay anbot, griff der Club nicht ein. Dabei konnte man den Verkäufer anhand seiner Platznummer identifizieren. "Dazu möchte ich nicht viel mehr sagen, als dass ich anders gehandelt hätte", so Vierkant.

Sollte der FC St. Pauli nach Burghausen, Bochum, Berlin und Bremen heute auch noch die Bayern aus dem Pokal werfen, bleibt Vierkant eine weitere Nervenschlacht erspart. Der FC St. Pauli hat vorsorglich alle Karteninhaber dazu aufgefordert, ihr Ticket im Fall eines Sieges zu behalten. Es gilt als Option für eine Finalkarte in Berlin, für das jedem Verein 20.400 Tickets zustehen. Vierkant indes traut dem Frieden auch in diesem Fall nicht: "Ich bin jetzt schon auf die Geschichten gespannt, wo der eine oder andere Fan seine Karte verloren hat", scherzt Vierkant, ehe er sich dem nächsten Anrufer widmet.



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