St. Pauli in Kuba Neue Freunde, altes Leiden

Als erster westlicher Fußballclub weilte der FC St. Pauli zur Saisonvorbereitung in Kuba. Das 14-tägige Trainingslager auf dem sozialistischen Eiland sollte nicht nur der physischen Stärkung dienen. Doch reicht die ideologische Stärkung aus, um dem Drittliga-Dasein bald entfliehen zu können?


Sozialistischer Bruderkampf: Der kubanische Nationalspieler Gil (Mitte) im Duell mit den St.-Paulianern Miletic (r.) und Lechner
REUTERS

Sozialistischer Bruderkampf: Der kubanische Nationalspieler Gil (Mitte) im Duell mit den St.-Paulianern Miletic (r.) und Lechner

Für St. Paulis Präsident Cornelius "Corny" Littmann hatte der von Sponsoren finanzierte Trip in die klimasichere Karibik mehr als nur einen sportlichen Aspekt. "Wir sind stolz, hier zu sein", sagte er. Die Mission seines Clubs sei auch ein Stück Entwicklungshilfe in Sachen Fußball. Die bräuchten die Hamburger Jungs selbst eigentlich viel dringender. Denn die Ansprüche der Fans sind nach wie vor hoch, die Leistung der Mannschaft indes ist das längst nicht immer. Zu oft gerät am Millerntor die Spielkultur in die Defensive, zu gerne sähen es die Fans, wenn ihre Lieblinge öfter wenigstens über den Kampf zum Spiel fänden - und zum Erfolg.

Die Geduld der Anhänger jedenfalls war zum Schluss der Hinserie bisweilen arg strapaziert. Und Unentschieden gegen Konkurrenten aus der Regionalliga Nord wie dem Chemnitzer FC (0:0) oder Wuppertal (1:1) werden selbst von dem als genügsam bekannten und oft mit sich selbst zufriedenen Publikum schon lange nicht mehr wie Siege gefeiert.

Nun also von Fidel Castro lernen - siegen lernen? "Wir haben beide gewonnen", verkündete der oberste kubanische Sportfunktionär, Minister Humberto Rodríguez González, leutselig und meinte damit nicht etwa die beiden, sportlich etwas dürftigen 1:1-Unentschieden des FC St. Pauli gegen den kubanischen Vizemeister Villa Clara und eine kubanische U23-Auswahl. Er sprach vielmehr von "neuen Freunden" und einem "Zeichen für gute Freundschaft". Und hofft auf "noch tiefere Kontakte, nicht nur im Sport".

Commandante Castro: Unterstützung von ganz oben
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Commandante Castro: Unterstützung von ganz oben

Die freundschaftlichen Anwandlungen fielen, welch glücklicher Zufall, ausgerechnet zusammen mit dem von Havanna amtlich verkündeten Ende der diplomatischen "Cocktailkrise" gegenüber der EU. Diese könnten eine gemäßigte Öffnung der sozialistischen Republik, die einem FC-Kicker noch immer "wie die DDR, nur wärmer" anmutet, womöglich befördern.

Beim deutschen Botschafter jedenfalls war Kubas Prominenz aus Politik, Sport und Kultur lange nicht mehr so zahlreich vertreten wie auf dem Empfang zu Ehren der Hamburger Gäste. Als ein Indiz für eine "klimatische Auflockerung" möchten manche westliche Diplomaten die Entwicklung der vergangenen Tage denn auch gern verstehen. "Sport ist immer ein gutes Medium, die Entwicklung zu guten Beziehungen zu unterstützen", sagt ein hoher EU-Vertreter.

Daran möchten die Offiziellen des Clubs von der Elbe gerne noch ein wenig weiter mitwirken. Im ersten Schritt soll die neue Freundschaft St. Paulis Cheftrainer Andreas Bergmann nach Kuba zurückbringen. Diesen Sommer will der ausgebildete Fußballlehrer zwei Wochen lang kubanische Übungsleiter auf dem Niveau der Trainer-B-Lizenz ausbilden - mit Abschlusszertifikat. Ein Austausch von Schülermannschaften ist angedacht und ein Gastspielaufenthalt eines talentierten Abwehrspielers aus der Nationalelf - Vertragsperspektive inklusive. "Alles ist möglich", hofft Littmann. "Wir reden darüber, das Projekt fortzusetzen", bestätigt Minister González.

Blick voraus: Heimweh nach St. Pauli
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Blick voraus: Heimweh nach St. Pauli

Und sportlich? "Die Mannschaft hat hart gearbeitet und gut mitgezogen", diktiert Trainer Bergmann in reinstem Fußballerdeutsch in den Block, auch wenn der Sport neben offiziellen Aufwartungen und Besuchen bisweilen zu Nebensache geriet. Auch die Testspiele ließen an seiner These manchen Zweifel zu. Am Samstag folgte bei einem offiziellen Vergleich gegen die kubanische Nationalelf noch eine ernüchternde 1:3-Niederlage.

Die flinken und ballgewandten Cubanos, in der offiziellen Fifa-Weltrangliste auf Platz 72 geführt, waren den Hamburgen technisch und spielerisch deutlich überlegen. Den mitgereisten knapp 100 Fans blieb meist nur Galgenhumor: "Wenn Mitleid zum Kult wird." So war es wohl eher der Höflichkeit oder der Unkenntnis der Gastgeber zuzuschreiben, dass diese den Regionalliga-Siebten, den nach der Hinrunde zehn Punkte von einem Aufstiegsplatz trennen, konsequent als "Vertreter des deutschen Fußballs" feierten, der "auf Weltniveau" liege.

"Wir wollen aufsteigen". Daraus machten St. Paulis Spieler und Offizielle auch auf Kuba nie einen Hehl. "Harte Arbeit", entgegneten die Offiziellen im Sportministerium, als würden sie den Spielplan Woche für Woche studieren. "Wir sind auch sehr klein", so Sportminister González, "aber auch manchmal sehr groß." Dazu macht er mit beiden Händen eine ziemlich unzweideutig zweideutige Handbewegung. Der Kuba-Aufenthalt hat den Kultstatus der Kiezkicker in der Heimat zunächst einmal gefestigt. Nun müssen Taten auf dem Platz folgen. Bislang war der größte sportliche Erfolg des Trainingslagers in der Karibik wohl eher die 0:3-Auftaktpleite des ungeliebten Lokarivalen Hamburger SV beim FC Bayern München.



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