St.-Pauli-Profi Lehmann Bewährung auf dem Kiez

Er hat Talent, Spielwitz und Erfahrung. Dennoch wartet der hochgelobte Matthias Lehmann noch immer auf den großen Durchbruch. Nun ist der 26-Jährige beim FC St. Pauli gelandet. Hier soll es nach vielen Rückschlägen wieder besser laufen. Der Anfang war vielversprechend.

Von Florian Pfitzner


Das Lob könnte kaum größer sein. "Er ist ein überragender Fußballer", sagte St. Paulis Trainer Holger Stanislawski über seinen neuen Mann. Der heißt Matthias Lehmann, und ist so etwas wie ein Star am Millerntor. Schließlich hat der 26-Jährige schon in der Bundesliga gespielt und auch für die deutsche U21-Nationalmannschaft.

St.-Pauli-Profi Lehmann: "Ich will zurück in die Bundesliga"
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St.-Pauli-Profi Lehmann: "Ich will zurück in die Bundesliga"

Zum Auftakt der neuen Zweitliga-Saison war der Rahmen weniger mondän. Ein Heimspiel gegen Ahlen. Gut 22.000 Zuschauer waren dennoch gekommen. Die meisten nicht, um die Rot-Weißen zu sehen. Es ging darum, zu überprüfen, ob die eigene Elf tatsächlich zu Höherem im Stande ist. Nach Platz acht in der vergangenen Saison soll es weiter Richtung Spitze gehen.

Die Partie war dann leider weniger aufschlussreich als erhofft. 2:1 gewann der FC St. Pauli, ein Treffer in den Nachspielzeit brachte den Erfolg. Lehmann immerhin zeigte sich, war an beiden Toren beteiligt. Das 1:0 hatte er selbst erzielt, den Siegtreffer mit vorbereitet. Lehmann blieb dennoch zurückhaltend und beließ es bei einer kollektiven Bewertung: "In der Offensive sind wir unberechenbar."

Zwar nicht unberechenbar, aber unstet verlief Lehmanns Karriere. "Von seinem Talent her hätte man bisher mehr erwarten können", sagt einer seiner früheren Trainer und verweist auf Marcel Schäfer. Der spielte wie Lehmann einst bei 1860 München, wurde jüngst mit Wolfsburg Deutscher Meister und durfte schon zwei Mal in der A-Nationalmannschaft ran. Lehmann hängt in der zweiten Liga fest.

Der FC St. Pauli ist seine letzte Chance, es den Kritikern zu zeigen. Lehmann muss beweisen, konstant auf hohem Niveau spielen zu können. Bei Alemannia Aachen hatten sie am Ende keine Verwendung mehr für den 1,77 Meter großen Kicker. Nach drei Jahren war Schluss, der Vertrag wurde nicht verlängert. Sie ließen ihn ohne Ablöse ziehen.

"Wir brauchen jemanden, der öfter in die Spitze geht und mehr Löcher reißt", lautete die Absage an Lehmann. "Mir haben sie etwas anderes gesagt." Was, das mag er nicht genau sagen. Lehmann fasst es so zusammen: "Es gab Meinungsverschiedenheiten." Er fühlt sich noch immer von den Aachenern ungerecht behandelt: "Wie mit mir in der Endphase der vergangenen Spielzeit umgegangen wurde, war nicht fair."

Beim FC St. Pauli setzen sie große Hoffnungen in Lehmann. "Matze ist ein klasse Typ, Fußballer durch und durch", urteilt Coach Stanislawski, der von seinem Team einen spielerisch anspruchsvolleren Fußball erwartet. Lehmann sei in der Lage, auf dem Platz, aber auch außerhalb Verantwortung zu übernehmen. "Er bringt uns in beiderlei Hinsicht einen Schritt voran", konstatiert Stanislawski.

St. Paulis Spieler mit der Rückennummer 20 müssen diese Worte bekannt vorkommen. Mit gerade einmal 22 Jahren war Lehmann zum Kapitän der Münchner "Löwen" ernannt worden, der jüngste in der Clubgeschichte. Er sollte 1860 führen, dem Team Halt geben. Das war viel verlangt von einem jungen Spieler. Trainer Reiner Maurer spricht im Rückblick auch von einer "taktischen" Maßnahme: "Wir wollten Matthias unsere Wertschätzung zeigen und ihn langfristig an den Verein binden." Es war leider die falsche Taktik.

"Die Verantwortung kam zu früh", sagt Lehmann heute. Der Club spielte immer schlechter, sackte in der Tabelle ab. Der Trainer musste gehen. Auch Lehmann spielte wenig überzeugend. Er hatte sich im August 2005 während eines U21-Länderspiels in Polen schwer verletzt. Nach einem Ellbogencheck steckten ihm vier Zähne im Gaumen.

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Anschließend sei er tatsächlich gehemmt in die Zweikämpfe gegangen, bestätigt Lehmann. "Ist doch klar, wenn der Kiefer mit Draht gerichtet werden muss", so der gebürtige Ulmer, der sich auf den Unterarm in Lateinisch "Ich glaube an Gott und Familie" und auf die Wade ein Kirchenkreuz tätowieren ließ. Damals habe er die "schlechten Seiten des Berufs" kennen gelernt.

Dazu gehörten auch die über die Münchner Boulevardmedien lancierten Vorwürfe, Lehmann sei in den Bars der Stadt aktiver und zielstrebiger als auf dem Platz. "Ich soll fünf Mal in der Woche in der Disco gefeiert haben", erinnert sich Lehmann an die Gerüchte. "Absolut übertrieben."

Man solle doch lieber seine Seite sehen und Verständnis haben: Es sei einfach nicht schön, öffentlich an den Pranger gestellt zu werden. Er wünsche sich wieder mehr positive Schlagzeilen, sagt Lehmann. "Dazu möchte ich meinen Beitrag leisten. Und ich will zurück in die Bundesliga, am liebsten so schnell wie möglich."



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