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St. Pauli und Dortmund spielen für Flüchtlinge Ein Zeichen, immerhin

Beim Testspiel zwischen St. Pauli und Dortmund stand nicht das Ergebnis im Mittelpunkt - sondern der Rahmen des Spiels: Mehr als 1000 Flüchtlinge hatte der Zweitligist eingeladen, St. Paulis Trainer Ewald Lienen fand klare Worte gegen Rechtsextreme.

Das Spiel, mit dem der FC St. Pauli ein Zeichen setzen will, fängt erst in eindreiviertel Stunden an, doch schon um 16.45 Uhr am Dienstagnachmittag ließ sich erahnen, dass der Plan aufgehen könnte. Der Plan, Flüchtlingen zu zeigen, dass sie willkommen sind. Im Millerntor-Stadion, in Hamburg, in Deutschland. Der Plan, ihnen einen schönen Abend beim Fußball zu machen. Einen Abend, an dem sie sich keine Sorgen machen müssen, an dem sie einfach Fußballfans sein können.

Eine Gruppe von rund 100 Flüchtlingen biegt auf den Platz vor der Südtribüne. "St. Pauli! St. Pauli! St. Pauli!", rufen sie und mischen sich unter die Leute, die schon weit vor Anpfiff des Testspiels gegen Borussia Dortmund am Stadion angekommen sind. Christian Prüß steht am Rand der Szenerie und ist begeistert. Davon, dass es keine Berührungsängste gibt zwischen diesen Menschen. "Das ist cool", sagt er.

Prüß, ein kräftiger Typ im blauweißen Karohemd, arbeitet beim FC St. Pauli. "Sozialmarketing" steht auf seiner Visitenkarte. Er hat maßgeblich dazu beigetragen, dass der Verein das Spiel gegen Dortmund unter das Motto "Refugees welcome" gestellt und mehr als 1000 Flüchtlinge eingeladen hat, die in Hamburg untergebracht sind, und die nun in Grüppchen am Stadion eintreffen. "Wir wollen ein humanes, ein solidarisches Signal an Leute senden, die eine ganz schwere Zeit hinter sich haben", sagt Prüß. Das ist der Rahmen des Spiels.

In diesen Tagen wird bei St. Pauli die Theorie zur Praxis

Es wundert nicht, dass gerade der FC St. Pauli dieses Signal sendet. Der Verein begreift sich bekanntermaßen als politische Institution. "Kein Fußball den Faschisten", steht in großen Buchstaben auf der Gegengerade des Millerntor-Stadions. Nicht nur an diesem Tag, sondern immer. In den Halbzeitpausen läuft seit dieser Saison ein Lied mit dem Namen "Antifa Hooligans". Kein deutscher Profiklub positioniert sich bei diesem Thema so klar wie der FC St. Pauli.

Derzeit wird die Theorie zur Praxis: Eine Stadtteilversammlung zur Situation der Flüchtlinge in den benachbarten Messehallen fand in einem Saal des Millerntor-Stadions statt. Ein Teil der Mannschaft war vor ein paar Tagen zu Besuch in den Messehallen, wo mehr als 1000 Flüchtlinge untergebracht sind, hatte Spielzeug mitgebracht.

Das Spiel gegen die ohne eine Vielzahl ihrer Nationalspieler angereisten Dortmunder wird 1:2 verloren gehen aus Sicht des FC St. Pauli, aber das ist nicht entscheidend an diesem Abend. Entscheidend sind die kleinen Szenen im Umfeld der Partie.

Beim Einlauf der Mannschaften, wie gewohnt zu den Klängen von "Hells Bells", werden die Spieler von Flüchtlingskindern begleitet. Als die Kinder wieder in Richtung Spielertunnel laufen, gibt es donnernden Applaus von den Rängen, die mit fast 27.000 Zuschauern erstaunlich gut gefüllt sind für ein Fußballspiel ohne fußballerische Bedeutung.

"Say it loud, say it clear - Refugees are welcome here"

Er habe Gänsehaut bekommen beim Anblick der Kinder, wird Dortmunds Abwehrspieler Neven Subotic später sagen: "Ihr Lächeln war bezaubernd. Wir können uns nicht vorstellen, was diese Menschen durchgemacht haben." Auf den Rängen sind viele Spruchbänder zu sehen. "No Border - No Nation" steht auf einem Banner. "Say it loud, say it clear - Refugees are welcome here" auf einem anderen.

Die mehr als 1000 Flüchtlinge sind im ganzen Stadion verteilt, auf der Haupttribüne und der Gegengerade, auf der Nordkurve und der Südkurve. Wie auf den Stadionvorplatz sollten sie sich auch im Stadion mit dem Stammpublikum mischen, anstatt das Spiel in einer eigenen Sektion zu schauen, abgeschottet von Rest der Zuschauer. "Wir wollten keinen Vorführblock", sagt Marketing-Mann Prüß. Keine Gettoisierung auf den Rängen, sozusagen, sondern Integration. Der Verein hätte deutlich mehr Tickets an Flüchtlinge verschenken können, so viele Anfragen hat es gegeben, doch das Kontingent war irgendwann aufgebraucht.

Nach dem Abpfiff drehen die Mannschaften eine gemeinsame Ehrenrunde, dabei tragen sie Plakate, die noch einmal die Botschaft des Abends ergeben. "Refugees", steht auf dem Banner des FC St. Pauli. "Welcome", auf dem der Dortmunder.

Ein Signal, ein Zeichen, das stimme schon, sagt in den Katakomben des Millerntor-Stadions Dortmunds Trainer Thomas Tuchel über das Spiel und die Begleiterscheinungen: "Es war ein Anfang, den Flüchtlingen zu zeigen, dass sie willkommen sind. Aber das wird nicht reichen." Symbole allein helfen niemanden, Taten helfen. Das meint Tuchel.

So sieht das auch St. Paulis Trainer Ewald Lienen, der nach dem Spiel noch länger in der Interviewzone steht und mit dem Elan eines Parteivorsitzenden darüber spricht, dass es nicht genug sei, ein Banner hochzuhalten oder für Flüchtlinge zu spenden. "Es ist die Aufgabe von uns allen, diese Leute willkommen zu heißen, ihnen zu helfen und sie vor dem Pöbel zu schützen", sagt Lienen. Den Pöbel, damit meint er Fremdenfeinde, Rechtsextreme. "Die würde ich am liebsten mit den Schleppern dahin schicken, wo die Flüchtlinge herkommen."

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