St. Pauli vor Pokalhalbfinale Buletten, Bier und Bayern

Heute Abend ist es endlich soweit: der FC Bayern München gastiert im Pokal-Halbfinale am Millerntor. Beim FC St. Pauli sehnen alle Fans dieses Spiel herbei. Ob ihr Verein gewinnt oder nicht - gefeiert wird auf alle Fälle. Eine Kiez-Visite vor dem großen Spiel.

Von Karl Doeleke


Die letzte Pokalsensation ist Schnee von gestern. Vor drei Monaten, im tiefsten Winter, schlitterten die Bundesligastars von Werder Bremen über den Rasen des Millerntors und rutschten im Viertelfinale aus. Das soll den Bayern aus München im Halbfinale nicht passieren, sie haben deshalb extra auf dem schlechtesten Platz trainiert, den Trainer Felix Magath in München finden konnte. So geht jedenfalls die Legende, hier, beim FC St. Pauli, und Geschäftsführer Michael Meeske erzählt sie mit diebischer Freude beim Feierabendbier im Clubheim. Draußen regnet es in Strömen, der Platz ist in üblem Zustand. Wie vor drei Monaten.



Die äußeren Bedingungen lassen beim Hamburger Regionalligisten wieder auf eine Sensation hoffen in dieser Pokalsaison, nach all den Teams mit "B", die hier schon gestolpert sind. Burghausen, Bochum, Berlin, Bremen. Und mit jedem unerwarteten Erfolg kamen ein paar lustige Anekdoten dazu. Wie die von Hertha-Manager Dieter Hoeneß, dem im Viertelfinale langsam die Gesichtszüge entglitten. Die Berliner lagen 2:0 in Führung und verschenkten den Sieg doch noch. "Der sah gar nicht mehr glücklich aus", sagt Dagmar, die im Clubheim Astra zapft und Buletten brät. Sie lacht, hinter ihr Totenkopf-Fahne und schwarze Gitarre. Klar, dass das dem Bruder Uli von den Bayern auch so gehen soll.

Zuletzt wurde nicht mehr viel gelacht beim FC St. Pauli, der Aufstieg ist verspielt, das drückt auf die Stimmung. Die Rückkehr in die zweite Liga gilt hier mehr, es ist das Tagesgeschäft. Der Rest: Prestige-Erfolge, oder, wie man die Feste gegen die Bundesligateams hier nennt: "Spiele des Jahres". Das Achtelfinale gegen Hertha und das Viertelfinale gegen Bremen waren auch solche Spiele, das Duell mit den Bayern ist "das dritte Spiel des Jahres", sagt Inga. Die junge Frau trägt wasserstoffblonde Haare, dazu Piercings in Lippe, Nase und Augenbrauen. Sie ist Stürmerin in der ersten Damenmannschaft.

"Das wird riesig"

Die Ausgangsposition ist in diesen "Spielen des Jahres" dabei immer die gleiche: "Entweder kriegen wir richtig einen gebraten, oder wir gewinnen – gefeiert wird sowieso", sagt Kay, Ingas Trainer. So etwas Großes wie gegen den Rekordmeister aus München hat der Verein aber noch nicht erlebt. "Das wird riesig!", sinniert Ultra-Fan Peter, der im "Jolly Roger" steht, der nach der Totenkopfflagge benannten Fan-Kneipe. Vom Band läuft Ska-Punk und auf den Bildschirmen flimmert die Aufzeichnung vom Schnee-Spiel gegen Werder Bremen. Seit Jahren habe er nicht mehr über so einen sportlichen Erfolg nachgedacht. "Zwei Schritte vorm Europapokal, denkt man manchmal", sagt Peter. An der Wand hängen Schals von Celtic Glasgow und Athletic Club Bilbao. "Geredet wird darüber aber nur hinter vorgehaltener Hand."

Der erste Schritt muss nun ausgerechnet gegen Bayern gemacht werden, den Club, mit dem St. Pauli etwas Besonderes verbindet seit dem legendären 2:1-Sieg des damaligen Tabellenletzten gegen die Münchner Millionäre. Seitdem ist St. Pauli selbsternannter "Weltpokalsiegerbesieger". Ein Jahr später retten ausgerechnet die Bayern den notorisch klammen Kiezclub mit einem Benefizspiel vor dem Ruin. Bayern-Manager Uli Hoeneß ersteigerte für 1500 Euro ein "Retter"-T-Shirt, wurde dafür am Millerntor frenetisch gefeiert. "Wir werden Hoeneß auch dieses mal aufs Freundlichste empfangen", sagt Peter, der St.-Pauli-Ultra. "Aber es bleibt natürlich Satire", betont er. Soweit geht die Liebe doch nicht.

Dass St. Pauli gegen die Bayern am Abend tatsächlich gewinnen könnte, glaubt so wirklich aber keiner. Die Tipps gehen trotzdem alle in Richtung "3:2 in der 120. Minute", sagt Barkeeper Stefan. "Dann fahren wir nach Berlin und verlieren gegen Frankfurt." Guter Witz, finden alle am Tresen, denn es würde zu ihrem Verein passen, der außer seiner Fan-Kultur noch nichts Außergewöhnliches geleistet hat. Aber egal, im Hintergrund läuft das Schnee-Spiel gegen Bremen, und die große Party und das nächste T-Shirt kommen bestimmt.



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