St. Paulis Ankunft in Hamburg Mit den Kiezkickern auf Klassenfahrt

Der FC St. Pauli ist seit Sonntag zurück in der Bundesliga und seit dem frühen Morgen auch in Hamburg. Beim Empfang ging es familiär zu. Während Torjäger Marius Ebbers einen Feiermarathon ankündigte, beklagte Manager Helmut Schulte erste Verluste aus höchsten Vereinskreisen.

dpa

Von und Timo König


Montagmorgen, kurz nach 7 Uhr. Der Hamburger Flughafen ist gespenstisch leer, die riesigen Parkhäuser nahezu verwaist. Über dem Tower hängt eine dichte Nebelschicht, dazu regnet es in Strömen. "Suppe" nennen die Hamburger dieses Wetter. Die ankommenden Reisenden schauen gleichgültig, gelangweilt und vom Regen genervt aus. Ein anderes Bild beim Abflug-Terminal: Die Menschen hier freuen sich auf ihren Urlaub und auf besseres Wetter.

Zwischen den Reisenden hat sich eine Gruppe vornehmlich in braun und weiß gekleideter Menschen versammelt. Sie stehen am Terminal Tango und hoffen nicht nur auf bessere Zeiten, sie sind überzeugt davon, dass sie live beim Beginn einer neuen Ära dabei sind. Denn ihr Verein, der FC St. Pauli, ist zu diesem Zeitpunkt seit rund zwölf Stunden erstklassig. Die Bier-Versorgung auf dem Kiez, von wo einige der St.-Pauli-Anhänger offenbar den Weg zum Flughafen gerade so eben noch gefunden haben, war es ganz offensichtlich auch.

"Nie mehr, zweite Liga, nie mehr, nie mehr, nie mehr", grölen einige Anhänger. Andere haben sich bis zur angekündigten Ankunftszeit ihrer Helden um 8.40 Uhr feste Nahrung verordnet und spülen die Bistro-Brötchen standesgemäß mit Bier herunter. Nach einer großen Feier sieht es noch nicht aus. Lediglich 50 Fans haben sich mittlerweile am Gate versammelt. Etwa ebenso viele Sicherheitskräfte stehen bereit. Hat sich da etwa jemand vom Flughafenmanagement an die Szenen vom Aufstieg des FC St. Pauli 1988 erinnert?

Damals war der Club zum zweiten Mal in der Vereinsgeschichte ins Oberhaus aufgestiegen. Der frühere Mittelfeldspieler Dirk Zander erzielte beim Auswärtsspiel in Ulm den entscheidenden Treffer. Nach der Ankunft der Hamburger empfingen Tausende Fans das Team von Trainer Helmut Schulte am Flughafen. Einige stürmten das Rollfeld, andere enterten das Dach eines der Shuttle-Busse. "Nach dem überwältigenden Empfang am Flughafen sind wir mit dem Bus in die Stadt gefahren. einer von den Fans saß oben auf dem Dach und wollte partout nicht runter. Da habe ich zu ihm gesagt: 'Entweder du kommst jetzt rein oder du gehst runter. Innerhalb von zehn Sekunden war der dann im Bus", hatte sich Schulte jüngst in einem "Deutschlandradio"-Beitrag erinnert.

Blues am Terminal Tango

Doch rund 22 Jahre später ist alles anders: Schulte ist nicht mehr Trainer sondern Sportdirektor, die Stimmung ist ausgelassen aber nicht überschwänglich. Lediglich die Promillefestigkeit der Profigenerationen scheint über die Jahrzehnte unverändert geblieben zu sein. Als der Flieger endlich gelandet ist, drücken sich die mittlerweile rund 200 Fans in einer Traube um die Eingänge des Busses, der die St. Pauli-Spieler nach einer durchzechten Nacht behutsam an ihre finale Destination bringt.

Deniz Naki ist mit Torjäger Marius Ebbers einer der ersten, die den Bus verlassen. Versteckt hinter dunklen Sonnenbrillen tasten sich die Spieler aus dem Gefährt. Auf den ersten Blick sieht alles nach Blues am Terminal Tango aus. Doch der Eindruck täuscht: Die Profis sind zwar müde, aber dennoch gierig nach Jubel. Nach achtjähriger Erstliga-Abstinenz möchte die Mannschaft die Rückkehr in die Bundesliga am liebsten nonstop feiern. Schließlich steht am 15. Mai auch noch das 100-jährige Jubiläum des Vereins an. "Wir werden jetzt 14 Wochen lang feiern", kündigt Ebbers vollmundig an.

Ein wenig im Hintergrund stehen die Spielerfrauen, mit einem selbstgemalten Banner, auf dem "Eure Mädels" steht. Nach dem kurzen Bad in der Menge wollen einige der Kicker nur noch Knuddeln. Ein paar sehen selbst dazu schon zu erschöpft aus. Die Feierlichkeiten fordern aber auch in anderen Vereinsteilen ihren Tribut. "Wir haben einen Verlust zu beklagen: unseren Geschäftsführer", sagt Sportchef Schulte und fügt schmunzelnd hinzu: "Der war nicht transportfähig."

Die Spieler haben sich zum Abschluss noch einmal aus den Armen ihrer Frauen befreien können und widmen sich erneut den Fans. Bilder werden geschossen, Kinder wie Pokale in die Luft gehalten. Glückliche Eltern applaudieren. Langsam vertreibt der Regen die ersten Anhänger. Sie sind trotz des Schietwetters zufrieden: "Das hat sich wirklich gelohnt" und "Ach ist das schön gewesen", sagen zwei von ihnen.

Der Trainer des FC St. Pauli, Holger Stanislawski, bringt es auf den Punkt: "Es ist doch wunderschön, dass wir uns mit solchen Clubs wie Bayern München, Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen messen dürfen. Und es wird wieder zwei Derbys in Hamburg geben. Das wird einer Weltstadt wie Hamburg gut tun". Das Team des FC St. Pauli zieht sich langsam zurück, es ist 9.30 Uhr - und noch genug Zeit zum Feiern.

Mit Material von sid und dpa

insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
Der Salzige 03.05.2010
1. Willkommen
Willkommen im Oberhaus - ich "freue" mich schon auf die Derbys zwischen HSV und Pauli, der Weg zum Stadion liegt quasi direkt vor meiner Haustür. Könnte durchaus unterhaltsam werden. Ein bisschen Kritik: "... der die St. Pauli-Spieler nach einer durchzechten Nacht behutsam an ihre finale Destination bringt." Werden dem Zwiebelfisch-Sick die grausamen Anglizismen nun schon von innerhalb des Verlagshauses geliefert?
DefTom 03.05.2010
2. Retter
Ich wußte immer: meine Retter-T-Shirts werden sich auszahlen!
mooringman, 03.05.2010
3. St. Pauli
Herzlichen Glückwunsch FC St. Pauli.Als HSV Fan gönne ich es St. Pauli und freue ich mich auf die beiden Lokalderbys. Mit hoffentlich 6 Punkten für den HSV,dafür darf Bayern dann gerne am Millerntor verlieren......
Karabiner, 03.05.2010
4. Retter - Oberretter - Hauptretter
Zitat von DefTomIch wußte immer: meine Retter-T-Shirts werden sich auszahlen!
Aber natürlich! Genau so ähnlich denkt man auch an der Säbener Straße...!
number12, 03.05.2010
5. Halbgebildet nützt auch nicht viel
Zitat von Der SalzigeWillkommen im Oberhaus - ich "freue" mich schon auf die Derbys zwischen HSV und Pauli, der Weg zum Stadion liegt quasi direkt vor meiner Haustür. Könnte durchaus unterhaltsam werden. Ein bisschen Kritik: "... der die St. Pauli-Spieler nach einer durchzechten Nacht behutsam an ihre finale Destination bringt." Werden dem Zwiebelfisch-Sick die grausamen Anglizismen nun schon von innerhalb des Verlagshauses geliefert?
finale [lateinisch finalis] = endgültig Destination [lateinisch] = Bestimmung, Endzweck ugs. auch als synonym für "Zuhause" benutzt Sympathisieren Sie mit dem HSV? So bildungsmäßig könnte das hinkommen ;-)
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