St. Paulis Niederlagenserie Frust im Freudenhaus

Dreimal gut mitgespielt, dreimal trotzdem keinen Punkt geholt: Beim FC St. Pauli läuft momentan fast alles schief. Der Aufsteiger hat seine Euphorie verloren, ehemalige Leistungsträger stehen neben sich - und in den kommenden Wochen warten schwierige Aufgaben auf den Kiezclub.
St. Pauli-Spieler Bartels, Oczipka: "Träumen kann böse enden"

St. Pauli-Spieler Bartels, Oczipka: "Träumen kann böse enden"

Foto: Christof Koepsel/ Bongarts/Getty Images

Deniz Naki konnte es kaum fassen. Es war die 40. Minute in der Arena auf Schalke, die Gastgeber führten zu diesem Zeitpunkt 1:0 gegen den FC St. Pauli. Dessen defensiver Mittelfeldspieler Fabian Boll schaufelte den Ball etwas unbeholfen in den Strafraum der Schalker zu Max Kruse, der zu Naki verlängerte. Der U21-Nationalspieler stand völlig frei vor Schalkes Torhüter Manuel Neuer. Naki ließ den Ball kurz abtropfen, senste dann mit seinem linken Außenrist am Spielgerät vorbei und sackte frustriert zusammen..

Diese Szene war nicht nur symptomatisch für die 0:3-Niederlage der Hamburger in Gelsenkirchen, sondern gleich für die vergangenen drei Partien. Diese liefen stets nach dem Motto: Gut gespielt, aber trotzdem keine Punkte geholt. Die Hamburger setzten ihre Mission als Aufbaugegner, die sie am dritten Spieltag in Köln beim 0:1 begonnen hatten, am 9. Spieltag beim 0:2 in Stuttgart fort. Beim damaligen Tabellenschlusslicht machte St. Pauli das Spiel und Stuttgart die Tore.

So sah es auch am vergangenen Wochenende am Millerntor gegen Eintracht Frankfurt aus. Zuhause holten die Hamburger bislang in fünf Spielen lediglich vier Punkte. Die erste Halbzeit gehörte klar den Hausherren, kurz vor der Halbzeit verwandelte Frankfurt einen fragwürdigen Elfmeter. Als dann auch noch Gerald Asamoah wegen zweier Unbeherrschtheiten vom Platz flog, war die fünfte Saisonniederlage (1:3) besiegelt.

Mittelmaß im Mittelfeld

Am Freitag erwies sich der Club dann als dankbarer Aufbaugegner des bis dato Tabellenvorletzten Schalke. Der Aufsteiger, der so schwungvoll in die Saison gestartet war, steckt in einer Krise. Da passt es nur zu gut ins Bild, dass ausgerechnet Naki die beste Möglichkeit auf den Ausgleich vergab. Der ehemalige Leverkusener spielte eine überragende Zweitliga-Saison, kommt aber wie einige Stützen der Mannschaft in der ersten Liga einfach noch nicht zu recht.

Das gilt nahezu für die gesamte Offensivabteilung. Die soll eigentlich vom kreativen Sechser Matthias Lehmann mit Zuspielen versorgt werden. Doch der 27-Jährige, der in der vergangenen Saison acht Tore erzielte und sechs vorbereitete, spielt seit Wochen glücklos. In der vergangenen Saison freuten sich die Fans zum ersten Mal seit Jahren über Standardsituationen, weil in Lehmann endlich wieder ein technisch versierter Spieler in braun-weiß gegen den ruhenden Ball trat. Mittlerweile machen sich die Anhänger, wenn Lehmann sich denn Ball zurechtlegt, Sorgen um ein Kontertor oder ihr hinter der Tribüne geparktes Auto. Lehmanns Leistungsabfall bei Standardsituationen liegt sicher nicht an der höheren Spielklasse.

Auch die offensiven Mittelfeldspieler konnten bislang nur selten überzeugen. Fin Bartels frisst auf der Außenbahn zwar fleißig Kilometer, lässt aber vor dem Tor jeglichen Killerinstinkt vermissen. Für seinen Gegenüber Max Kruse gilt das Gleiche, zudem bringen beide nur zu selten gefährliche Flanken in den gegnerischen Strafraum. So muss Marius Ebbers, der meist die einzige Spitze verkörpern soll, lange Laufwege gehen, um sich die Bälle selbst aus dem Mittelfeld zu holen.

Stanislawski verschärft den Ton

Einer der wenigen Lichtblicke in den vergangenen Wochen war Gerald Asamoah. Der Publikumsliebling ist immer anspielbar, hält oder verteilt die Bälle je nach Spielsituation sehr abgeklärt und stand schon zweimal nach Standardsituationen goldrichtig. Doch ein Asamoah reicht in so einer Situation einfach nicht. Zumal talentierte Alternativen wie Naki oder Rouwen Hennings derzeit in Formkrisen stecken.

Für Holger Stanislawski sind auch die drei jüngsten Niederlagen kein Grund zur Panik. "Wenn wir unsere hundertprozentigen Chancen nicht verwerten, kannst du kein Spiel gewinnen. Dann hast du es auch nicht verdient", sagte der St. Pauli-Trainer nach der Niederlage auf Schalke. Ein ähnliches Fazit hatte er bereits nach der Pleite in Stuttgart gezogen.

Stanislawski hatte auf Schalke alles versucht, um seinem Team endlich wieder ein Erfolgserlebnis zu verschaffen. So stellte er das System von einer Spitze auf ein 4-4-2 um und Ebbers Denis Naki zur Seite. Der 23-Jährige hätte der Held des Abends werden können, er wurde wieder mal zur tragischen Figur. Zumal der FC Schalke an diesem Abend sicher kein übermächtiger Gegner war.

Genau solchen scheint der FC St. Pauli in den kommenden Wochen geradezu inflationär zu begegnen. Am kommenden Spieltag kommt Bayer Leverkusen ans Millerntor, acht Tage später empfängt der FC den VfL Wolfsburg. Dann geht es am 15. Spieltag nach Bremen. Noch haben die Hamburger ein Polster auf die Abstiegsränge, doch das kann sich schnell ändern.

Damit St. Pauli nicht zum dauerhaften Aufbaugegner wird, hat Stanislawski klare Vorgaben für die kommenden Wochen gemacht. Freie Tage sind vorerst gestrichen, der Coach erwartet von seinen Spielern höchste Konzentration. "Wir müssen unbedingt aus unsere Fehlern lernen. Denn wenn man in der Bundesliga träumt, kann das böse enden", warnt er. Fragt sich, wann dieser Appell bei all seinen Spieler ankommt.

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