Stadionsicherheit Phantomstreit um die billigen Plätze

Polizei kontra Bundesligisten kontra Fans - kämpfen in der Diskussion um die Sicherheit in Deutschlands Fußballstadien alle gegen alle? Im Gespräch mit den Betroffenen wird klar: Die Streitparteien sind sich näher, als sie denken.
Fanproteste in Dortmund: Die Bundesligastadien sind sicher

Fanproteste in Dortmund: Die Bundesligastadien sind sicher

Foto: Lars Baron/ Bongarts/Getty Images

Ein Hintergrundgespräch in einem Polizeirevier, irgendwo in der Bundesrepublik. Hier sitzen die Praktiker. Jene, die an jedem Wochenende dafür sorgen sollen, dass ein Fußballspiel "störungsfrei" über die Bühne geht. Ihre Aufgabe: Trennung der Fangruppen am Bahnhof, aufpassen, dass durchreisende Züge mit Clubanhängern der Lokalrivalen den hiesigen Bahnhof nicht zum Randale-Zwischenstopp nutzen.

Fast immer gelingt das, sagen sie. An Spieltagen der Heimmannschaften sei sowieso seit längerem nichts mehr passiert. Früher war alles besser? Im Fußball garantiert nicht, sagt der Einsatzleiter. In den achtziger und neunziger Jahren sei es gefährlich gewesen in den Stadien. Heute nicht mehr.

Wie passt das zusammen? Seit Wochen liefern sich Clubs, Polizei, Politik und Fans eine emotionale Debatte über ein Sicherheitskonzept in den Stadien.

In den Bundesliga-Arenen blieb es am Wochenende zum dritten Mal nach dem Anpfiff während der ersten zwölf Minuten und zwölf Sekunden still. Vor den Spielen zogen Tausende Fußball-Anhänger in Protestmärschen durch sieben Städte. Die Innenminister von Bund und Ländern hatten die Vereine zuvor mit Nachdruck aufgefordert, das Konzept zu verabschieden und umgehend umzusetzen. Sie hatten am Freitag einen Forderungskatalog vorgelegt, in dem es unter anderem um eine Verschärfung der Videoüberwachung und der Einlasskontrollen geht.

Warum tobt seit Wochen die Sicherheitsdebatte? Der Beamte zuckt mit den Schultern: "In irgendeinem Bundesland ist halt immer Wahlkampf." Der Beamte hat das Papier "Sicheres Stadionerlebnis " ausgedruckt vor sich liegen. "Wir als Polizei", sagt er und zeigt auf den dünnen Stoß Papier, "haben manchmal den Eindruck, dass es einfach darum geht, vollgeschriebenes Papier zu präsentieren". So falsch ist der Eindruck derzeit nicht, wenngleich einzelne Punkte wie die Schulung der Ordnerdienste oder festgeschriebene Dialoge mit den Fans durchaus vernünftig sind.

Skeptische Bundesliga-Manager

Ein anderer Ort, ein ähnliches Gespräch. Diesmal mit einem Bundesliga-Manager. Was er von dem Papier halte? "Tut nicht weh", sagt er. "Wir bräuchten aber die Debatte nicht. Unser Stadion ist jedenfalls sicher."

Außenstehende mag diese Aussage wundern, noch verwunderter sind sie wahrscheinlich, wenn sie erfahren, dass fast alle Bundesliga-Manager so sprechen. Sie sind genervt vom Dauer-Pyro-Feuer ihrer Ultraszenen. Sie befürchten, dass es nicht mehr lange dauert, bis die Zündelei zu schweren Verletzungen führt. Aber Gewalt? Körperverletzung? Prügeleien? Nein, das sei kein Thema.

Etwas anderes wäre auch nicht glaubwürdig. Selbst wenn man die teilweise grotesk überhöhten Zahlen der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) als Grundlage nimmt, kommt man zu dem Ergebnis, dass sich pro Spieltag der ersten und zweiten Liga 1,6 Menschen verletzen. 1,6 Verletzte bei 19 Großveranstaltungen. Das ist eine so geringe Ziffer, dass man die aktuelle Sicherheitsdebatte erst recht nicht mehr begreift.

Natürlich sind nicht alle Fans Unschuldslämmer, bei manchen Spielen suchen Hunderte auf den Anreisewegen die Konfrontation mit gegnerischen Anhängern. Und auch im Stadion passiert nicht deshalb so wenig, weil sich hier nur Pazifisten versammeln, sondern weil Ordner und Polizei mit ausgefeilter Sicherheitstechnologie arbeiten, so dass Gewalttäter keine Chance haben, unerkannt zu bleiben. Die Rede ist von sündhaft teuren Kameras, die Bilder liefern, die an jeden Menschen im Stadion extrem nah heranzoomen können.

Stadien sind sicher. Und alle, die ein Stadion schon mal von innen gesehen haben, wissen das: Fans, Polizei, Funktionäre und Fußballverbände. Doch sie werden getrieben von einer Allianz aus wahlkämpfenden Innenpolitikern und ein paar Boulevardmedien. Wer diese Berichte liest, kann glauben, dass Stadien lebensgefährliche Orte sind, an denen enthemmte Fußballschläger mit hochgerüsteten Polizeieinheiten Bürgerkrieg spielen.

Weder die Vereine noch die DFL wollen die Stehplätze abschaffen

Die ZIS veröffentlicht neben den zweifelhaften Verletztenstatistiken seit Monaten fragwürdige Zahlen zu Stadionverboten und vermeintlichen Straftaten, über die hohe Polizeifunktionäre in den Bundesligastädten nur den Kopf schütteln.

Zahlen übrigens, die - sofern sie die vermeintlichen Überschneidungen mit der rechten Szene betreffen - zwar einigen Medienvertretern vorliegen, nicht aber den Vereinen oder der Polizei, also den Instanzen, die vor Ort das vermeintliche Problem lösen müssten. Auch die DFL, so vernünftig sie zuweilen hinter verschlossenen Türen argumentiert, macht sich die Agenda populistischer Politiker zu eigen - Überschrift des Papiers ist: "Sicheres Stadionerlebnis".

Weder die Vereine noch die DFL, die in den vergangenen drei Spieltagen mit Transparenten angegangen wurden, wollen die Stehplätze abschaffen. Aber mancher Politiker würde genau das lieber heute als morgen beschließen, wenn er sich dadurch Vorteile beim Stimmenfang erhofft. Diese Forderung ist ähnlich absurd wie die gesamte Debatte. Seit Jahren gab es keine gravierenden Vorfälle mehr auf den Stehplätzen in Bundesliga-Stadien.

So verfestigt sich der Eindruck, dass hier eine Debatte geführt wird, um eine Debatte zu führen. Dabei sind sich die Streitparteien in vielen Punkten näher als sie denken.