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Stanislawski und Hoffenheim Zwischen Rotlicht und Retorte

In der Bundesliga bahnt sich der nächste spektakuläre Trainerwechsel an: Nach der Trennung von Marco Pezzaiuoli sucht 1899 Hoffenheim für die kommende Saison einen neuen Übungsleiter - und hat diesen wohl in Hamburg beim FC St. Pauli gefunden.

Wenn demnächst ein paar Säcke Kaffee in der Geschäftsstelle von 1899 Hoffenheim angeliefert werden, dürfte Klarheit herrschen: Holger Stanislawski wird neuer Coach im Kraichgau. Darauf deutet momentan zumindest alles hin. Seit Tagen wird heftig darüber spekuliert, dass Stanislawski ("Ich bin kaffeesüchtig") in der kommenden Saison zu 1899 wechselt. Nachdem Hoffenheim jetzt die Trennung von Trainer Marco Pezzaiuoli bekanntgab, bestehen kaum noch Zweifel an dem Deal.

Noch sei nichts entschieden, heißt es seitens des FC St. Pauli, man wolle die Gerüchte nicht kommentieren. Offenbar wird am Millerntor mal wieder auf den alten Leitsatz vertraut: "Die Hoffnung stirbt zuletzt." So sehr das für den Abstiegskampf der Hamburger noch gelten mag: Den Kampf um Stanislawski scheint der Club bereits verloren zu haben. "Ich weiß, was ich in der kommenden Saison mache. Wenn es etwas mitzuteilen gibt, werde ich es tun", so Stanislawski vielsagend.

Die Angst am Millerntor vor einem Abgang des St.-Pauli-Urgesteins ist gewaltig. Dabei sind die Hamburger zu einem Gutteil selber schuld daran. Eigentlich besitzt der ehemalige Abwehrspieler, der seit 18 Jahren in unterschiedlichsten Funktionen im Club tätig ist, noch einen Vertrag bis 2012. Doch der Kontrakt enthält eine Ausstiegsklausel, wonach der 41-Jährige für rund 250.000 Euro Ablöse den Verein bereits nach dieser Spielzeit wechseln kann. Doch das ist nicht der einzige mögliche Grund für einen Abschied. Zuletzt wird das Verhältnis zwischen Stanislawski und Manager Helmut Schulte als stark unterkühlt bezeichnet.

Immer wieder Rückschläge

Zudem soll der Trainer von einigen Widrigkeiten genervt gewesen sein. Zum Beispiel, dass der Platz am Millerntor nach dem strengen Winter in der Rückrunde nahezu unbespielbar war. Die Profis sollen deswegen zunächst einen Maulkorb erhalten haben. Erst als sich Kapitän Gerald Asamoah an die Öffentlichkeit wagte, wurde am Millerntor ein neuer Rasen verlegt.

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FC St. Pauli: Eine Saison zum Weglaufen

Foto: Rolf Vennenbernd/ dpa

Auch wenn Stanislawski das Wort "Improvisation" im Zusammenhang mit dem FC St. Pauli nur allzugut kennt, so ist der doch zu sehr in seinem Hang zur Perfektion gefangen, als dass er sich so etwas auf Dauer gefallen lassen würde. Hinzu kommt, dass die Mannschaft sein Vertrauen nicht nur gerechtfertigt, sondern auch teilweise schwer enttäuscht hat. Mehrfach schlugen einzelne Spieler wie Charles Takyi, Carlos Zambrano oder Asamoah über die Stränge.

Und bei aller Vereinstreue: Stanislawski kennt seinen Marktwert. Erst vor kurzem hatte er sich einen Berater zugelegt. Nicht irgendeinen, sondern Marc Kosicke, der auch DFB-Teammanager Oliver Bierhoff und Dortmunds Trainer Jürgen Klopp betreut.

"Es gibt nur ein Papa Hopp"

Bei Hoffenheim wird Stanislawski sein Gehalt deutlich steigern können. Das Geld ist gut investiert: Stanislawski ist nicht erst seit seinem Abschluss des Fußballlehrer-Lehrgangs in Köln mit Bestnote heiß begehrt. Der gebürtige Hamburger führte den FC St. Pauli mit bescheidenen Mitteln binnen drei Jahren von der Regionalliga in die Bundesliga. In der zweiten Liga begeisterte sein junges Team durch das schnelle Umschalten von Abwehr auf Angriff. Zudem gilt der ehrgeizige Coach als großer Motivator, der ganz nebenbei noch ein Händchen für Talente hat.

All diese Eigenschaften können sie in Hoffenheim derzeit bestens gebrauchen. Nach dem Abgang von Trainer Ralf Rangnick zum Jahreswechsel ging es sportlich nur noch bergab für den Verein, der einst so große Ziele hatte und nach einer fulminanten Debütsaison sogar schon vom Europapokal träumte. Die nahende Verpflichtung Stanislawskis zeigt, dass der Club einen neuen Kurs ansteuert. Alles sieht danach aus, als würde 1899 sich künftig wieder mehr als der Ausbildungsclub definieren, als den Investor Dietmar Hopp seinen Verein vor Monaten ausgerufen hat. "Stanislawski ist ein Favorit. Ob er kommt, kann ich aber nicht sagen", sagte Hopp dem "Mannheimer Morgen".

Mit der Verpflichtung Stanislawskis würde jedenfalls ein gewaltiger Imagetransfer einhergehen. Bislang galt der Club als Retorte, durch Eisenschädel Stanislawski bekäme er zumindest ein bisschen Rotlicht ab. Auch wenn der Wechsel vom Kiez in den Kraichgau für St.-Pauli-Fans schwer nachzuvollziehen sein dürfte. Die Konstellation, dass ein Club maßgeblich von einem Mäzen abhängig ist, kennt Stanislawski auch bestens. Zu seiner Spielerzeit beim FC St. Pauli hieß dieser Heinz Weisener. "Ein Papa Heinz, es gibt nur ein Papa Heinz", haben die Spieler gerne in bierseliger Runde gesungen, wenn der Architekt mal wieder finanzielle Schieflagen ausgeglichen hatte.

Stanislawskis "Papa Heinz" von einst dürfte künftig "Papa Hopp" heißen.

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