Starke DFB-Elf Die Entdeckung der Schnelligkeit

Es bleibt dabei, das deutsche Nationalteam kann gegen große Fußball-Nationen nicht gewinnen. Beim Remis gegen Olympiasieger Argentinien war die DFB-Elf am Sieg aber so dicht dran wie schon lange nicht mehr. Das Spieltempo der Klinsmann-Schützlinge war im Vergleich zur verkorksten Europameisterschaft atemberaubend.
Von Till Schwertfeger

Düsseldorf - Während sich José Pekerman auf der Pressekonferenz in der "Multifunktionsarena Düsseldorf" einer bemerkenswert ausführlichen Spielanalyse widmete, erlebte er am eigenen Leib, was seinen Schützlingen beim 2:2 gegen Deutschland auf dem Rasen widerfahren war. Zunächst hatte er es auf dem Podium nur mit Thomas Hitzlsperger zu tun, doch wenig später schon gruppierten sich auch Patrick Owomoyela, Christian Wörns und Kevin Kuranyi um den hageren Nationalcoach der Argentinier, der passenderweise gerade erläuterte, dass das beeindruckende Pressing der DFB-Akteure die komplette Spielplanung seiner Elf zunichte gemacht habe, vor allem in der ersten Halbzeit.

Eine einzige Torchance erspielte sich die derzeit angeblich beste Nationalmannschaft der Welt in den ersten 45 Minuten, die der deutsche Torhüter Jens Lehmann gegen Javier Pedro Saviola vom AS Monaco aber vereitelte (20.). Der 1:1-Ausgleichstreffer war einer Fehlentscheidung des italienischen Schiedsrichters Stefano Farina geschuldet, der nach einem Zweikampf zwischen Paul Freier und Argentiniens Kapitän Juan Pablo Sorin zu Unrecht Foulelfmeter gab. Der bis dahin auf Linksaußen verschollene Torjäger Hernán Crespo verwandelte den Strafstoß zwar sicher (40.). Aber die deutsche Elf, die durch einen von Torsten Frings getretenen Foulelfmeter (28.) verdient in Führung gegangen war, ließ sich in ihrer aggressiven Spielweise davon nicht irritieren, sondern schaffte unmittelbar vor dem Pausenpfiff durch Kuranyi das 2:1. "Zu dominant" seien die Gastgeber gewesen, zollte Pekerman seinen Respekt.

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Länderspiel: Akrobaten und Sitzfußballer

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Dass der neue Trainer des Olympiasiegers, der die Tabelle in der Südamerika-Qualifikation für die WM 2006 vor Brasilien anführt, das Freundschaftsspiel in Deutschland sehr ernst nahm, war dem Bogen mit der Mannschaftsaufstellung zu entnehmen. Mit Ausnahme von Torhüter Roberto Abbondanzieri (Boca Juniors) nominierte Pekerman ausschließlich in Europa spielende Profis, weil diese - anders als in Südamerika - mit ihren Vereinen bereits mitten in der Saison und damit im Zenit ihrer Leistungsfähigkeit stehen. Der 21-jährige Superstar Carlos Tevez (Corinthians Sao Paulo) allerdings, gerade zum zweiten Mal in Folge zu Südamerikas Fußballer des Jahres gewählt, fehlte wegen einer Verletzung.

Doch auch Deutschland musste mit Michael Ballack (Grippe) auf seinen besten Spieler verzichten. Außerdem kam Miroslav Klose, erfolgreichster deutscher Bundesliga-Torjäger, nach seiner im Abschlusstraining erlittenen Halsverletzung nicht zum Einsatz. Über weite Strecken der Partie aber konnte die DFB-Elf diese Ausfälle sehr gut kompensieren. Auch nach dem Seitenwechsel beherzigten alle Spieler die Vorgabe von Bundestrainer Jürgen Klinsmann zu agieren und nicht nur zu reagieren. Gegen die nun stärker werdenden Argentinier nahm das Spiel eine Geschwindigkeit an, die atemberaubend für alle war, die die deutschen Partien bei der Europameisterschaft verfolgt hatten.

"Das Tempo war extrem hoch", bestätigte Ersatzkapitän Wörns. Auch der Manndecker von Borussia Dortmund, letzter Feldspieler im deutschen Team der ganz alten Garde, verzichtete in seinem 63. Länderspiel auf Quer- und Rückpässe, sondern trieb den Ball stets umgehend nach vorn. Besonders Bernd Schneider und Bastian Schweinsteiger bereitete die Entdeckung der Schnelligkeit sichtlich Spaß. Die beiden besten Techniker im Trikot mit dem Bundesadler überboten sich gegenseitig an Einsatzbereitschaft. Als sie Mitte der zweiten Hälfte in kurzen Zeitabständen mehrfach den Ball an Javier Zanetti verloren und zurück eroberten, hatte das was von Hase und Igel. Innenverteidiger Per Mertesacker (73.) wäre nach toller Vorarbeit Schneiders fast das 3:1 gelungen. "Das wäre der Todesstoß für die Argentinier gewesen", sagte Wörns hinterher.

Den an Übermut grenzenden Spielwitz seiner Schützlinge unterband ausgerechnet der sonst immer auf Angriff gehende Bundestrainer. Für Schweinsteiger wechselte er eine Viertelstunde vor dem Ende Christian Schulz ein. "Statt des Spiel zu beruhigen, haben wir Volldampf gemacht", monierte Klinsmann, "dabei sind zu viele Abspielfehler passiert. Wir mussten den Bällen hinterher rennen. Das hat Kräfte verschlissen, und wir haben noch mehr Fehler gemacht." Der Bremer Schulz fand in seinem dritten Länderspiel zur konditionell abbauenden DFB-Elf allerdings keine Bindung. Mit einem schnell ausgeführten Freistoß düpierten die Argentinier kurz darauf die deutsche Deckung, und Crespo gelang mit einem wunderbaren Heber das 2:2 (81.). "Da haben wir ein kleines Lehrgeld bezahlt", kommentierte Klinsmann leicht verärgert den späten Ausgleichstreffer, der den ersten Sieg Deutschlands gegen eine große Fußball-Nation seit Oktober 2000 (1:0 in England) verhinderte.

Die nächste Gelegenheit bekommt das deutsche Auswahlteam am 21. Juni, wenn es in der dritten Vorrundenpartie des Konföderationen-Pokals erneut gegen Argentinien spielt. Vielleicht kann eine stimmungsvolle Kulisse im Nürnberger Frankenstadion den DFB-Kickern auch in der Schlussviertelstunde noch Beine machen. In Düsseldorf war auf den Zuschauerrängen unter dem verschlossenen Arena-Dach leider 90 Minuten lang tote Hose. Vielleicht sollte man künftig auf die Austragung von Länderspielen im Rheinland verzichten. Zumindest am Aschermittwoch.


Deutschland - Argentinien 2:2 (2:1)
1:0 Frings (28., Foulelfmeter)
1:1 Crespo (40., Foulelfmeter)
2:1 Kuranyi (45.)
2:2 Crespo (81.)
Deutschland: Lehmann (FC Arsenal/35 Jahre/22 Länderspiele) - Owomoyela (Arminia Bielefeld/25/4), Mertesacker (Hannover 96/20/5), Wörns (Borussia Dortmund/32/64), Hitzlsperger (Aston Villa/22/3) - Frings (Bayern München/28/36), Ernst (Werder Bremen/25/14), Schweinsteiger (Bayern München/20/11 - 74. Schulz/Werder Bremen/21/3) - Schneider (Bayer Leverkusen/31/46) - Asamoah (FC Schalke 04/26/26 - 29. Freier/Bayer Leverkusen/20/11), Kuranyi (VfB Stuttgart/22/21)
Argentinien: Abbondanzieri (Boca Juniors/32/12) - Zanetti (Inter Mailand/31/93), Burdisso (Inter Mailand/23/5), Milito (Real Saragossa/24/8 - 46. M. Rodriguez/Espanyol Barcelona/24/5), Heinze (Manchester United/26/19) - Scaloni (Deportivo La Coruna/26/4 - 46. Cambiasso/Inter Mailand/24/11), Duscher (Deportivo La Coruna/25/1 - 77. Galetti/Real Saragossa/24/6), Sorin (FC Villarreal/28/53) - Riquelme (FC Villarreal/26/17) - Saviola (AS Monaco/23/21), Crespo (AC Mailand/29/47)
Schiedsrichter: Farina (Italien)
Zuschauer: 52.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Frings / Heinze, Galetti

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