Start der Weltmeisterschaft Afrika feiert im Fußballrausch

Noch wenige Stunden, dann wird der Traum eines ganzen Kontinents wahr: Die Welt ist zu Gast bei der ersten Fußball-WM in Afrika. 32 Mannschaften kämpfen um den Titel. Die Chancen des Gastgebers Südafrika sind eher gering - doch das Team hat eine Geheimwaffe.

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Sie haben jahrelang gewartet, und jetzt endlich, endlich ist es soweit: An diesem Freitag startet die erste Fußball-Weltmeisterschaft in Afrika. Menschen in allen Ländern des Kontinents erwarten fieberhaft das Spektakel, das viel mehr ist als nur ein Sportturnier. Viele Afrikaner begreifen dieses Ereignis als Anerkennung der Weltgemeinschaft: Auch ihr könnt das neben den Olympischen Spielen wichtigste Sportereignis organisieren, auch ihr seid Teil der globalen Fußballfamilie.

Vor allem Gastgeber Südafrika ist im Fußballfieber. Beispiel gefällig? Bitteschön: Mehr als 150.000 Menschen tanzen und trommeln, sie feiern ihre Nationalmannschaft "Bafana Bafana", die auf einem Bus durch Johannesburg fährt. Schüchtern winken die Spieler zurück, sie filmen die Massen mit ihren Handys. Ein Triumphzug wie für einen Weltmeister - schon zwei Tage vor dem Eröffnungsspiel gegen Mexiko an diesem Freitag (16 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).

32 Teams kämpfen am Kap um die wichtigste Trophäe des Fußballs, noch nie zuvor hat es eine afrikanische Mannschaft ins Halbfinale einer WM geschafft. Nun ist die Hoffnung groß, vielleicht zu groß. Denn sportlich sind die Afrikaner nur Außenseiter - das gilt vor allem für den Gastgeber.

Deshalb wird der wichtigste Trumpf im Eröffnungsspiel nicht auf dem Feld stehen. Er wird keine Pässe spielen, keine Tore schießen, keine Gegenspieler stoppen. Und er wird nicht an der Seitenlinie Kommandos rufen. Der größte Trumpf der südafrikanischen Nationalelf, ihre Geheimwaffe, ist eine Tröte, mit der die Fans im Stadion 90 Minuten lang Krach machen werden: die Vuvuzela.

Deren Lautstärke von über 120 Dezibel wird wahlweise mit einem Düsenjet oder einer Kettensäge verglichen. "Wir spielen mit 90.000 Vuvuzelas gegen Mexiko", sagt Ersatztorwart Moneeb Josephs vor dem Eröffnungsspiel. "Ich bin gespannt, wie unser Gegner damit umgeht."

Symbol der Begeisterung

Die Vuvuzela ist mehr als eine Tröte. Sie ist ein Symbol geworden für den Heimvorteil, für die Fußball-Begeisterung im Land und für die Hoffnung, die Euphorie möge die Mannschaft möglichst weit durch das Turnier tragen. Denn ansonsten - das befürchten auch die treuesten Anhänger - hat die Auswahl nur geringe Chancen.

Nie zuvor ist ein WM-Gastgeber in der Vorrunde ausgeschieden. Südafrika droht, der Erste zu sein. In der Gruppe A trifft das Team auf Mexiko, Uruguay und Frankreich. "Eine Monsterauslosung" sei das, kommentierte die Tageszeitung "Cape Argus", eine "Ziehung aus der Hölle". Dennoch nannte Präsident Jacob Zuma den Titel als Ziel: "Wir werden dem Pokal nicht erlauben, das Land wieder zu verlassen."

Eine überzogene Vorgabe. Südafrika gehört vom Können seiner Einzelspieler zu den schwächsten Mannschaften im Turnier. Nur Mittelfeldmann Steven Pienaar vom englischen Premier-League-Club FC Everton hat bislang seine internationale Klasse unter Beweis gestellt. Dennoch: Dass Überraschungen möglich sind, dass die Stimmung im Land einen WM-Gastgeber beflügeln kann, hat schon Südkorea mit dem Halbfinal-Einzug 2002 bewiesen.

"Das ganze Land steht hinter euch"

Die Zuversicht in Südafrika wächst seit Monaten - und das ist Trainer Carlos Alberto Parreira zu verdanken. 2008 hatte er das Team verlassen, seine Frau war schwer erkrankt. Unter Nachfolger Joel Santana rutschte die Mannschaft in die Krise, so dass Parreira im November 2009 zurückkehrte. Seitdem geht es aufwärts für "Bafana Bafana", was so viel heißt wie: "die Jungs". Zwölf Spiele hintereinander haben sie nicht verloren, zuletzt siegten sie 1:0 gegen Dänemark. Nur das Toreschießen vergessen die spielfreudigen Jungs noch ab und zu. "Wir sind bereit, die WM kann beginnen", sagt Parreira.

Er hat es geschafft, das Vertrauen der Fans zurückzugewinnen - trotz umstrittener Entscheidungen wie der Ausbootung des populärsten Stürmers Benni McCarthy. "Das ganze Land steht hinter euch", sagte Präsident Zuma bei einem Trainingsbesuch am Mittwoch in Johannesburg.

Doch die Mannschaft muss nicht allein den sportlichen Erwartungen standhalten. Es geht um viel mehr: Sie soll das Land einen, Schwarze und Weiße zusammenführen. So wie es dem Rugby-Nationalteam 1995 gelungen ist. Bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land gewannen die "Springboks" mit ihrem einzigen schwarzen Spieler Chester Williams den Titel - ein Jahr nach dem offiziellen Ende der Apartheid und der Wahl Nelson Mandelas zum Präsidenten. Auf den Tribünen feierten Weiße und Schwarze gemeinsam. Zum ersten Mal war die Rassentrennung wirklich überwunden.

15 Jahre später muss der Sport erneut die Grenzen aufbrechen: Rugby gilt nach wie vor als Sport der Weißen. Und Fußball als das Spiel der Schwarzen. Matthew Booth, ein hünenhafter 1,98 Meter großer Verteidiger, ist der einzige weiße Profi in der "Bafana Bafana". Er ist mit einer schwarzen Frau verheiratet und soll zur Symbolfigur werden, wie Rugby-Spieler Williams 1995. Doch Booth warnt: "Ein vierwöchiges Sportereignis kann die Probleme des Landes nicht alle beheben."

Die Vuvuzelas dröhnten und brummten

Ohnehin macht nur eine erfolgreiche WM ein Märchen wie 1995 möglich. Sollte Südafrika in der Vorrunde scheitern, wäre die neue Einheit des Landes vermutlich schon ab dem Achtelfinale Geschichte. Im besten Fall würden die Fans die anderen afrikanischen Teams unterstützen - das hofft zumindest der Fußball-Weltverband Fifa. Die erste Weltmeisterschaft in Afrika ohne ein afrikanisches Team zumindest im Viertelfinale wäre eine große Enttäuschung.

Der ganze Kontinent fiebert mit seinen Superstars, die längst bei europäischen Topteams unter Vertrag stehen. Die Nationalmannschaften hatten bislang deutlich weniger Erfolg. Auch bei dieser WM stehen die Chancen nicht wirklich gut (siehe Kasten).

Afrikanische Teams bei der WM 2010
Neben Gastgeber Südafrika haben sich fünf afrikanische Mannschaften für die WM qualifiziert. Sie wollen schaffen, was bislang keinem Team vom schwarzen Kontinent gelang: den Einzug ins Halbfinale. SPIEGEL ONLINE zeigt, wer die besten Chancen hat.
Algerien - die Wüstenfüchse
Algerien hat sich in einem dramatischen Entscheidungsspiel gegen Afrika-Cup-Sieger Ägypten (1:0) für die WM qualifiziert. In der Gruppe C trifft das Team auf England, Slowenien sowie die USA - und ist dabei Außenseiter. Als nordafrikanisches Land kann Algerien nicht auf eine so leidenschaftliche Unterstützung hoffen wie die anderen afrikanischen Teams. Viel hängt von der Form des Wolfsburger Mittelfeldspielers Karim Ziani ab. Im Achtelfinale könnte Algerien auf Deutschland treffen - und eine alte Rechnung begleichen. Bei der WM 1982 in Spanien schieden die "Fennecs" (Wüstenfüchse) wegen des Nichtangriffspakts zwischen Deutschland und Österreich in der Vorrunde aus. Die Partie, die Deutschland 1:0 gewann, ging als "Schande von Gijon" in die Fußball-Geschichte ein.
Elfenbeinküste - die Elefanten
Die Elfenbeinküste hat das größte Potential aller afrikanischen Teams - bislang konnte sie dies jedoch zu selten abrufen. Beim Afrika-Cup im Januar scheiterte die Mannschaft schon im Viertelfinale. Der Ellbogenbruch von Superstar Didier Drogba ist ein großer Rückschlag. Zudem treffen die Ivorer in der schwersten Gruppe auf Brasilien, Portgual und Nordkorea. Sven-Göran Eriksson trainiert die Mannschaft erst seit Ende März und hatte kaum Zeit, Team und Taktik maßgeblich zu beeinflussen. Sollten die "Elefanten" trotzdem weiterkommen, wartet im Achtelfinale möglicherweise Top-Favorit Spanien. Keine guten Aussichten.
Ghana - die Black Stars
Die "Black Stars" treffen in der Gruppe D auf Deutschland, Australien und Serbien. Das Achtelfinale scheint möglich - obwohl mit Top-Star Michael Essien die zentrale Figur im Mittelfeld ausfällt. Das Team von Trainer Milovan Rajevac (Serbien) überzeugt mit einer guten Organisation. Beim Afrika-Cup verlor Ghana erst im Finale gegen Ägypten (0:1). In Südafrika ist vor allem das Spiel gegen Deutschland brisant: Es war Ghanas Kevin-Prince Boateng, der Michael Ballack mit einem Foul schwer verletzte.
Kamerun - die Löwen
Nach der Verletzung Didier Drogbas könnte Samuel Eto'o zum großen afrikanischen Superstar der WM werden. In der Gruppe E trifft Kamerun auf die Niederlande, Dänemark und Japan. Die "unbezähmbaren Löwen" gelten als Geheimtipp, doch nach dem Aus im Viertelfinale des Afrika-Cups herrscht Verunsicherung. Nur wenn der umstrittene Trainer Paul le Guen die Defensive stabilisiert und Eto'o in Top-Form ist, kann Kamerun das Achtelfinale erreichen. Dann stünden auch die Chancen gegen die möglichen Gegner Italien oder Slowakei nicht schlecht.
Nigeria - die Super Eagles
Auch Nigeria musste einen Rückschlag verkraften: John Obi Mikel vom FC Chelsea, der wichtigste Mann des Teams, fällt wegen einer Knie-Operation für die WM aus. Zudem hat Trainer Lars Lagerbäck (Schweden) die Mannschaft nach der Entlassung von Amodu Shaibu erst im Februar übernommen. Die "Super Eagles" sind sehr athletisch und ballsicher, doch insgesamt eher schlecht organisiert. Die Verteidigung ist im Vergleich zum Angriff schwach. Beim Afrika-Cup schied das Team im Halbfinale 0:1 gegen Ghana aus. In Gruppe B könnte es gegen Argentinien, Südkorea und Griechenland zu Platz zwei reichen. Und auch im Achtelfinale stünden die Chancen nicht schlecht: Hier könnte das Team unter anderem auf Frankreich oder Südafrika treffen.
Das große Ziel Südafrikas muss das Achtelfinale sein. "Danach ist der Himmel die Grenze", sagt Parreira. Er versucht, seine Mannschaft so gut wie möglich abzuschirmen. Zuletzt war dies jedoch unmöglich - wie der Triumphzug vom Mittwoch auf Wunsch der Verbandsfunktionäre zeigte. Die Vuvuzelas dröhnten und brummten.

Ob die Mexikaner angesichts dieser Atmosphäre unruhig werden? Gut möglich. "Zehntausende Vuvuzelas werden die normalerweise unerschütterlichen Mexikaner zu Pudding machen", erwartet die "Times". Parreira würde das gefallen. "Laut muss es sein, so laut wie nur möglich", forderte er für das Eröffnungspiel. Diesen Wunsch werden ihm die 90.000 Zuschauer im Soccer-City-Stadion zu Johannesburg erfüllen.

Mit Material von dpa und sid

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JustinSullivan 02.06.2010
1. ich tippe auf...
Gruppensieg in der Vorrunde, Sieg gegen die USA im Achtelfinale, dann im Viertelfinale raus gegen Argentinien. Ich schätze Deutschland stärker als England ein, aber schwächer als Argentinien. Witzig wäre also, wenn Deutschland den Argentiniern ausweichen würde, indem sie Gruppenzweiter würden, dann im Achtelfinale die Engländer raushauen und im Viertelfinale auf nen schwaches Frankreich treffen würden. Hätte, wenn und aber... Hauptsache, es wird ein tolles Turnier.
Kourosh 02.06.2010
2.
Ich halte recht viel von dieser jungen Truppe vor allem auf das Mittelfeld bin ich sehr gespannt. Am Ende werden sie wohl gegen die erste abgezockte Truppe rausfliegen auf die sie treffen. Vorraussichtlich wohl so Viertelfinale. Ist aber egal denn das könnte ne echte Gewinnertruppe in 2, 4 und 6 Jahren werden. Freue mich auf feinen Fussball!
deepocean 02.06.2010
3.
Zitat von sysopDer WM-Kader von Bundestrainer Jogi Löw ist komplett. Welche Chancen hat die Mannschaft bei der WM?
einfache frage einfache antwort: Gruppensieg AF: USA VF: Argentinien (und dann wird es wirklich ernst) HF: Spanien (jetzt wird es noch ernster) und es darf gehofft werden;-) etwas weniger einfache antwort, solche fragen machen aus meiner sicht erst sinn nach dem ersten oder zweiten spieltag in der gruppe... jetzt ist es wirklich nur kaffeesatzleserei.... egal was geschieht... DAUMEN DRÜCKEN ist angesagt :-)
pablo morales 02.06.2010
4. Wm
Zitat von KouroshIch halte recht viel von dieser jungen Truppe vor allem auf das Mittelfeld bin ich sehr gespannt. Am Ende werden sie wohl gegen die erste abgezockte Truppe rausfliegen auf die sie treffen. Vorraussichtlich wohl so Viertelfinale. Ist aber egal denn das könnte ne echte Gewinnertruppe in 2, 4 und 6 Jahren werden. Freue mich auf feinen Fussball!
^ Das hat man vor vier Jahren nach der WM 2006 auch schon gesagt, und heute sind sie um einiges schlechter als 2006.
JustinSullivan 02.06.2010
5.
" 'Uns ist die Entscheidung nicht leicht gefallen. Andreas hat in den drei Wochen sehr engagiert gearbeitet und gut trainiert. Er hat aber eine durchwachsene Saison gespielt und war einige Male verletzt.' Dann frag ich mich jetzt aufrichtig, aus welchem Grund Klose, Podolski und Gomez mit dabei sind..." Ganz klar deswegen: Klose, Podolski und Gomez haben eine durchwachsene Saison gespielt und waren einige Male verletzt. Aber sie haben in den drei Wochen sehr engagiert gearbeitet und gut trainiert. ;)
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