Gewalt im Fußball Polizei-Zahlen zur Abschreckung

Es sind Zahlen, die alarmieren sollen: Nach einer neuen Polizei-Studie scheinen deutsche Stadien gefährliche Risikoorte zu sein. Doch das Zahlenwerk offenbart viele Fehler. Eine seriöse Auseinandersetzung mit Gewalt im Fußball findet damit immer noch nicht statt.
Dortmund-Fans beim Schalke-Derby: Kämpfe mit der Polizei

Dortmund-Fans beim Schalke-Derby: Kämpfe mit der Polizei

Foto: Lars Baron/ Bongarts/Getty Images

Ralf Jäger ist ein eloquenter Redner. Der Innenminister von Nordrhein-Westfalen nutzt derzeit seine Chance, um öffentlichkeitswirksam die neuste Statistik der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZiS) zu bewerten. Der 51-Jährige lässt dabei keinen Zweifel daran, dass die Gewaltsituation in Deutschlands Stadien mittlerweile ein horrendes Maß erreicht habe.

Doch ist das wirklich so? Befindet sich der deutsche Fußball in einer Gewaltspirale? 7298 Verhaftungen, 8143 Strafverfahren, 1142 verletzte Personen dokumentierte die ZiS-Studie im vergangenen Jahr. Alles Negativrekorde, alles schlimme Werte. Die blanken Zahlen  lassen tatsächlich Schlimmes vermuten.

SPIEGEL ONLINE wollte mit Jäger, der die Ergebnisse der Studie im "Focus" ein "Alarmsignal" genannt hatte, über das Zustandekommen der ZiS-Zahlen sprechen. Am Montag noch willigte der Innenminister zu einem Gespräch ein. Doch nachdem er erfahren hatte, dass dabei auch das Messinstrument der ZiS hinterfragt werden sollte, ließ Jäger sich von seinem Sprecher entschuldigen: Er habe eine "Grippe". Am frühen Nachmittag bezog er in einem Interview mit dem Fernsehsender Sky allerdings Stellung zu den Zahlen.

Bedauerlich, dass einer der in der Sache am lautesten schimpfenden Politiker die kritische Debatte über dieses Zahlenkonstrukt offenbar nicht führen möchte. Ein Konstrukt, über dessen Entstehung nach Ansicht von Benjamin Hirsch, Mitglied der AG Fananwälte, "jeder Empiriker die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde".

Keine Vergleichbarkeit der Statistiken

Denn nur durch den Vergleich der aktuellen Statistik mit denen der Vorjahre kommt die ZiS zu derart erschreckenden Ergebnissen. "Die vorherigen Jahresberichte beinhalten aber völlig andere empirische Grundwerte. Ein signifikanter Anstieg der Verletzten oder Gewalttäter lässt sich so nicht feststellen", sagt Fananwalt Hirsch. Von SPIEGEL ONLINE in einem Fragenkatalog mit dieser Problematik konfrontiert, verweist die ZiS allerdings darauf, dass "die erfassten Kennzahlen sowie Erhebungsstandards seit 1992 festgeschrieben sind und eine Vergleichbarkeit gewährleisten".

Ob die Messinstrumente der Informationsstelle aber die geforderten empirischen Standards erfüllen, um eine aussagekräftige Statistik ableiten zu können? So führt zum Beispiel der erhebliche Anstieg von Polizeieinsätzen in der vergangenen Saison unweigerlich zu einer höheren Verbrechensaufklärung. Auch der gestiegene Zuschauerdurchschnitt zieht ein größeres Verletzungsrisiko nach sich. Der seit einem Jahr von der Polizei besonders ausgerichtete Fokus auf Pyrotechnik (über die Hälfte aller eingeleiteten Strafverfahren wurde durch den Einsatz von Feuerwehrksutensilien ausgelöst) verschärft die Zahlen noch weiter.

Doch bricht man die Ergebnisse auf relativierte Prozentzahlen herunter, ist ihnen die Schärfe schnell genommen: Der Teil der vorläufig fest- oder in Gewahrsam genommenen Fans liegt bei 0,039 Prozent und ist damit im Vergleich zum Vorjahr (0,035 Prozent) trotz des gleichzeitig gestiegenen Zuschauerdurchschnitts nur geringfügig höher. Ähnliches gilt für die Zahl der eingeleiteten Strafverfahren (von 0,031 auf 0,043 Prozent) und der Verletzten: Pro Spieltag gab es durchschnittlich weniger als 1,6 Verletzte. Wodurch oder von wem sie verletzt wurden, lässt die ZiS allerdings offen. Es ist nicht auszuschließen, dass viele (darunter auch 393 von der ZiS als "Unbeteiligte" klassifiziert) Opfer von polizeilich eingesetztem Pfefferspray wurden.

DFL ist nicht erfreut über Inhalt und Zeitpunkt der Veröffentlichung

"Die Polizei neigt dazu, die Zahlen zu dramatisieren", sagt Hirsch. Damit mag der Fananwalt angesichts der genaueren Analyse der Ergebnisse Recht haben. Fest steht aber auch, dass es im Fußball eine gestiegene Zahl an Gewalttätern gibt. Dass die Gewaltausschreitungen der vergangenen Monate auch eine erhöhte Anziehungskraft auf Gruppen aus dem rechten Sektor und dem Hooliganbereich ausüben, ist ein besorgniserregender Fakt.

Vielleicht ist dies aber zugleich auch die größte Leistung der ZiS-Statisitk: Sie zeigt auf, dass die bisherigen Einsatz- und Sanktionsmöglichkeiten der Polizei wenig effektiv waren. Von 15.400 aufgeführten Stadionverbotsprüffällen haben am Ende lediglich 1035 zu Stadionverboten geführt. Wie viele davon dann juristisch bestätigt wurden, kann die ZiS-Statistik allerdings nicht klären. Klar ist aber, dass etliche der freizügig vergebenen Strafen ohne Konsequenzen versanden.

Die lauten Rufe der Politik nach noch restriktiveren Polizeieinsätzen und Sanktionsmöglichkeiten scheinen deshalb wenig sinnvoll. Wichtiger ist die Frage, wie es die Polizei künftig schaffen kann, gezielt und ausschließlich gewaltbereite und -tätige Personen aus dem Fußball zu verbannen, ohne dabei für Kollateralschäden im gesamten Fansektor zu sorgen.

Am 12. Dezember 2012 wird die Deutsche Fußball Liga (DFL) endgültig über ihr Sicherheitspapier tagen. Wie SPIEGEL ONLINE aus DFL-Kreisen erfuhr, sind führende Köpfe des Ligaverbands sauer über den Zeitpunkt und die Inhalte der ZiS-Statistik. Der Verband ließ offiziell deshalb verlauten, "dass bei der Suche nach Lösungen weder Dramatisierungen noch Verharmlosungen helfen. Wir brauchen eine Versachlichung der Diskussion".

Vielleicht nimmt auch Ralf Jäger sich diese Forderung zu Herzen.

Hier geht es zum Fragenkatalog, den SPIEGEL ONLINE an die ZiS gestellt hat.

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