Paderborns neuer Trainer Die Boris-Beckerisierung des Stefan Effenberg

Unschöne Schlagzeilen über sein Privatleben, und seine Seriosität als Fußballexperte stand zuletzt auch auf dem Spiel: So sah es aus bei Stefan Effenberg. Jetzt geht er als Trainer zum SC Paderborn - eine große Chance.
Ex-Nationalspieler Effenberg: Vom TV-Experten zum Trainer

Ex-Nationalspieler Effenberg: Vom TV-Experten zum Trainer

Foto: Lars Baron/ Bongarts/Getty Images

Gleich zu Beginn der offiziellen Verlautbarung des SC Paderborn taucht das magische Wort auf, das Stefan Effenberg wohl überzeugt hat, vom glamourösen München in die westfälischen Provinz zu ziehen.

Der vom Abstieg bedrohte Zweitligist sei in der jüngsten Vergangenheit ein "Karriere-Sprungbrett" für mittlerweile hoch angesehene Fußball-Lehrer wie André Breitenreiter (Schalke) oder Roger Schmidt ( Bayer Leverkusen) gewesen, heißt es auf der Internetseite des Klubs. Die Liaison zwischen dem ehemaligen Weltklassespieler und dem kleinen Verein, der sich im Vorjahr in die Bundesliga verirrt hatte, ist also von vornherein als Experiment von kurzer Dauer angelegt.

Effenberg soll kein langfristig angelegtes Erfolgsprojekt entwickeln, in Paderborn geht es erst mal einfach darum, Spieler mitzureißen und eine kriselnde Mannschaft zu emotionalisieren. Ob Effenberg, dieser einstmals so wunderbare Fußballer, dessen Herangehensweise immer eher von Starrsinn und Hartnäckigkeit gekennzeichnet war als von Kompromissbereitschaft und Empathie, wirklich ein guter Trainer ist, muss sich nämlich erst noch zeigen.

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"In der aktuellen Situation nach dem Bundesliga-Abstieg, einem großen Umbruch im Team und der Trennung von Markus Gellhaus scheint es uns sinnvoller, einen Coach mit Führungskompetenz und einer Karriere als hochklassiger Spieler zu verpflichten", begründet Präsident Wilfried Finke seine Entscheidung.

Für Effenberg geht es aber noch um viel mehr. Er kann beweisen, dass er nicht nur ein Mann mit Gewinnermentalität, sondern auch ein guter Pädagoge, ein kenntnisreicher Fachmann, ein kluger Stratege und ein feinsinniger Kommunikator - eben ein moderner Trainer - ist. Und nicht zuletzt wird er diese zweite Liga natürlich als schillernder Exot an der Seitenlinie bereichern, so wie er als aktiver Spieler seine Klubs bereicherte und so wie er auch seinen Ausbildungsjahrgang an der Hennes-Weisweiler-Akademie bereicherte.

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Effenbergs Lehrgangskollegen: Der lange Weg zum Bundesliga-Trainer

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Dort soll sich Effenberg kurzerhand selbst zum Klassensprecher bestimmt haben, in einem Jahrgang, dem auch die ehemaligen Nationalspieler Mehmet Scholl und Christian Wörns angehörten. Akademie-Leiter Frank Wormuth sprach von "der schnellsten Wahl aller Zeiten", und während der Ausbildung hat Effenberg der Legende nach mit seiner brillanten Intuition geglänzt und dem Stoff aus den Büchern misstraut. Im Zweifel hat er eher an die Erfahrungen aus seiner eigenen Profikarriere geglaubt als den Theorien und Erkenntnissen der Wissenschaft.

Diesem Image als Alte-Schule-Trainer, der die guten alten Zeiten beschwört und nur wenig vom theoretischen Schnickschnack des heutigen Traineralltags hält, hat Effenberg dann zumindest ein wenig entgegengewirkt, als er beim Bezahlsender Sky während der Liveübertragungen oftmals kluge Hintergrundinformationen lieferte. In der Rolle des TV-Analytikers profilierte er sich als aufmerksamer Beobachter, wobei auch sein Job beim Fernsehen zuletzt keine gute Entwicklung genommen hatte.

Das Format "Effes Bundesliga Check", in dem der 47-Jährige vor der neuen Saison alle Klubs vorstellte, war lustige Unterhaltung. Es wurden Klischees bedient und Phrasen gedroschen, Effenberg befand sich auf dem besten Weg, seine fachliche Seriosität endgültig aufs Spiel zu setzen. Und die Schlagzeilen aus dem Privatleben, Trennung, Führerscheinentzug und so weiter, verstärkten diese Dynamik.

Auf den Spuren Boris Beckers

Insofern ist der Schritt auf das Karriere-Sprungbrett eine sehr große Chance. "Für den Einstieg in dieses Metier ist Paderborn eine Top-Adresse", sagt Effenberg in Anspielung auf seine Vorgänger. Und ein solches Sprungbrett braucht er auch, denn bisher hat er noch kein allzu großes Interesse geweckt, wenn irgendwo ein Posten vakant war. Lediglich die Verantwortlichen beim FC Schalke 04 sollen im Frühjahr 2013 einmal ernsthaft darüber nachgedacht haben, den ehemaligen Mittelfeldspieler als Cheftrainer einzustellen, wobei der Klub damals derart verwirrt umhertaumelte, dass diese Avancen für Effenberg nicht besonders schmeichelhaft waren.

Irgendwie erinnert Effenbergs Werdegang stark an die vergangenen Jahre des ehemaligen Tennisstars Boris Becker, der mehr und mehr zu einem nach Aufmerksamkeit gierenden TV-und Boulevardzeitungs-Clown geworden war, und dann plötzlich die Chance bekam als Trainer von Novak Djokovic zu arbeiten. Und wenn Effenberg seinen neuen Job auch nur annähernd so gut hinbekommt wie Becker, dann werden beide Seiten profitieren.

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Effenbergs Karriere: Gladbach, Bayern, Stinkefinger

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