Baumgarts Kritik am Videobeweis Die Fünf-Minuten-»Frechheit«, die keine war

»Langsam wird's lächerlich.« Paderborns Trainer Baumgart ist Anhänger des Videobeweises – und fühlt sich beim Pokal-Aus in Dortmund trotzdem massiv benachteiligt. Dabei ist die Regel eindeutig.
Paderborns Trainer Steffen Baumgart: »Respekt bedeutet auch, sich den Scheiß anzugucken«

Paderborns Trainer Steffen Baumgart: »Respekt bedeutet auch, sich den Scheiß anzugucken«

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Guido Kirchner / dpa

Es war spät geworden in Dortmund. Paderborns Trainer Steffen Baumgart grüßte mit einem »Guten Morgen« in die digitale Medienrunde. Das lag an der Verlängerung, an deren Ende der BVB mit einem 3:2-Sieg ins Viertelfinale des DFB-Pokals eingezogen war, aber auch an der VAR-Entscheidung zum Siegtreffer von Erling Haaland. Es hatte fast fünf Minuten gedauert, ehe Schiedsrichter Tobias Stieler auf den Anstoßpunkt zeigte und das Tor anerkannte. Und genau das hatte Baumgart echauffiert.

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Der 49-Jährige hatte seinem Ärger schon auf dem Platz freien Lauf gelassen, wie es zu einem Menschen passt, der seine Mannschaft mehr als 120 Minuten lang bei sieben Grad und Dauerregen im kurzärmeligen Shirt coachte: »Das ist eine Frechheit«, schimpfte er am Mikrofon der ARD, als der Kalender noch Dienstag anzeigte: »Langsam wird’s lächerlich.«

Worum ging es Baumgart, der grundsätzlich anmerkte, ein Anhänger des Videobeweises zu sein?

In der Verlängerung spielte Dortmunds Ersatzkapitän Thomas Delaney einen langen Pass auf Haaland, der dabei minimal im Abseits stand. Der Norweger lief allein auf Paderborns Torhüter Leopold Zingerle zu und schob ein. Allerdings hatte Schiedsrichter Stieler eine Ballberührung von Paderborns Svante Ingelsson wahrgenommen, die laut der Abseitsregel eine völlig andere Bewertung der Szene nötig machte.

Bei der ungewöhnlich langen Überprüfung durch den Videoassistenten Matthias Jöllenbeck ging es somit nicht um die Frage, ob eine Abseitsposition vorlag, sondern darum, ob Ingelsson den Ball bei seiner versuchten Klärung berührt hatte oder nicht. Die entscheidende Passage im Regelwerk («Deliberate Play») lautet: »Ein Spieler verschafft sich keinen Vorteil aus einer Abseitsstellung, wenn er den Ball von einem gegnerischen Spieler erhält, der den Ball absichtlich spielt.« Es muss somit eine Berührung des Verteidigers vorliegen und diese muss absichtlich ausgeführt werden – der Spieler darf nicht angeschossen werden. Eine Berührung Ingelssons – wenn, dann war sie minimal – konnten auch die TV-Bilder nicht eindeutig belegen, Absicht lag in jedem Fall vor.

Baumgart: »Ich bin keine Aktiengesellschaft«

Für Baumgart ging es jedoch weniger um die Regel. Er forderte von Stieler einen Gang in die Review-Area. »Wir stehen da und frieren uns sieben Minuten lang den Arsch ab«, redete sich Baumgart in Rage. »Respekt bedeutet auch, sich den Scheiß anzugucken und nicht den Kleinen wieder in den Arsch zu treten. Das geht für uns um zwei Millionen«, schimpfte Baumgart, um dann gegen die an der Börse notierte Borussia Dortmund GmbH & Co. Kommanditgesellschaft auf Aktien zu schießen: »Ich bin keine Aktiengesellschaft, wir kämpfen um jede müde Mark.«

Tatsächlich findet sich im Handelsregister kein Eintrag über eine Steffen Baumgart AG, und dass er die Herrenmannschaft der SC Paderborn 07 GmbH & Co. KGaA trainiert, also eine Kommanditgesellschaft auf Aktien, sei ignoriert. Die Umsätze der beiden Unternehmen sind allerdings extrem unterschiedlich.

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Baumgart war mit dem Vorsatz in die digitale Medienrunde gegangen, ein bisschen abzukühlen. Aber das misslang: »Darf ich das arrogant nennen? Oder wie darf ich das nennen? Uns allen hat er den Abend versaut«, sagte er in Richtung von Schiedsrichter Stieler, der noch in der Nacht vom DFB via Twitter entlastet wurde. Da die »Wahrnehmung« – die sowohl Sehen als auch Hören einschließt – des Schiedsrichters durch den Videoassistenten nicht eindeutig zu widerlegen gewesen sei, habe die Entscheidung Bestand haben müssen. Für Stieler bestand deshalb auch kein Anlass, sich die Szene erneut anzuschauen: Es lag keine klare Fehlentscheidung vor.

Paderborn dank VAR-Entscheidung in der Verlängerung

Dass die Paderborner überhaupt in die Verlängerung kamen, lag an einer ersten Videobeweisentscheidung. Der BVB führte nach 16 Minuten durch Treffer von Emre Can und Sancho 2:0. Das sollte einem Achtelfinalisten der Champions League reichen, um gegen einen Tabellenneunten der zweiten Liga nach 90 Minuten Feierabend machen zu können.

Doch die Dortmunder wollten das Ergebnis verwalten, gerieten nach dem Anschlusstreffer von Julian Justvan (79. Minute) in Bedrängnis und erlebten ein Wechselbad der Gefühle. Haaland traf in der Nachspielzeit zum vermeintlichen 3:1. Weil Felix Passlack Sekunden zuvor Sebastian Schonlau im eigenen Strafraum gefoult hatte, lotste VAR Jöllenbeck Schiedsrichter Stieler an die Seitenlinie. Sie entschieden gemeinsam auf Elfmeter, den Prince Owusu in der 97. Minute verwandelte.

Kritiker des Videobeweises sehen sich wegen Stielers zweiter Entscheidung trotzdem bestätigt: Die Umsetzung dauere häufig zu lang, es gäbe keine einheitliche Linie, es würden nicht nur klare Fehlentscheidungen korrigiert. Dabei taugt die Szene nicht für eine Generalkritik. Weder Baumgart noch ARD-Reporter Tom Bartels hatten den entscheidenden Teil der Abseitsregel thematisiert. Es war schlicht eine Seltenheit.

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