Rauswurf von Steffi Jones Zu großer Druck

Der DFB trennt sich von Steffi Jones. Denn die Bundestrainerin hat die Erfolge von Vorgängerin Silvia Neid nicht fortsetzen können. Die Ursachen für den Niedergang aber liegen tiefer.
Steffi Jones

Steffi Jones

Foto: Carmen Jaspersen/ dpa

Die Szene mit Lena Goeßling sagt einiges aus. Goeßling ist verdiente Nationalspielerin, sie ist Europameisterin und Olympiasiegerin. Vor der Partie gegen Frankreich in der Vorwoche stand sie vor ihrem 100. Länderspiel, das ist für jede Nationalspielerin etwas Besonderes.

Die Bundestrainerin Steffi Jones wechselte Goeßling, die sie im Vorjahr schon einmal demonstrativ nicht für ein Länderspiel nominiert hatte, in dieser Partie in der 90. Minute ein. Die Wolfsburgerin stand eine Minute auf dem Platz, dann kam der Abpfiff. Trauriger kann so ein Jubiläum nicht laufen.

Nun wird das 101. Länderspiel von Goeßling ohne Steffi Jones stattfinden. Der DFB hat sich mit sofortiger Wirkung von seiner Bundestrainerin getrennt. Bei diesem Verband heißt das schon etwas. Beim DFB wird man als Trainer normalerweise nicht entlassen, manchmal werden Verträge nicht verlängert. Aber im Fall von Jones fühlte sich DFB-Boss Reinhard Grindel alarmiert und zum Handeln gezwungen.

Grindel hatte schon im Vorjahr Druck gemacht

Grindel hatte schon nach dem überraschend frühen EM-Aus im Vorjahr den Druck auf Jones erhöht, hatte ein Länderspiel gegen Frankreich im November zum Charaktertest hochstilisiert. Das Team gewann das Spiel 4:0. Es war vielleicht die beste Vorstellung, die es unter Jones gegeben hatte. Danach schien wieder alles gut zu sein, doch der Frieden hielt nur vier Monate.

Das deutsche Frauenteam ist durch Erfolge verwöhnt, Vorgängerin Silvia Neid hat es zur Weltmeisterschaft geführt, zu europäischen Titeln und zum Olympiasieg. Sportliche Durststrecken wie jetzt unter Jones ist man nicht gewohnt. Es passt nicht ins Bild, dass es plötzlich bessere Teams in Europa gibt, etwa England oder Frankreich.

Silvia Neid feiert den Olympiasieg 2016

Silvia Neid feiert den Olympiasieg 2016

Foto: Soeren Stache/ dpa

Jones hat das Team direkt nach dem Olympia-Triumph von Rio de Janeiro 2016 übernommen. Es ist von Anfang an klar gewesen, dass dies ein schweres Erbe werden würde. Eine bessere Bilanz als Neid kann man kaum vorlegen.

Allerdings war die Erfolgstrainerin bei den Trainerkollegen aus der Liga, bei Medien und auch einzelnen Spielerinnen durchaus angeeckt. Aber ihre Art war, gemessen an den Resultaten, augenscheinlich die richtige, um eine Mannschaft in ein großes Turnier zu bringen.

Jones versuchte einen anderen Stil

Jones hat einen anderen Stil probiert, transparenter, offener, aber dadurch auch weniger stringent und konsequent als ihre Vorgängerin. Goeßling wurde nach der EM von ihr zunächst aussortiert, die Spielerin reagierte darauf mit beißender Kritik. Daraufhin nahm Jones ihre Nichtnominierung zurück und berief die Defensivspezialistin ins Aufgebot für den "She-Believes-Cup" vor knapp einer Woche in den USA - dort wo Goeßling ihren unwürdig kurzen Jubiläumsauftritt gegen die Französinnen bekam.

Nachdem die Mannschaft bei der Europameisterschaft schon im Viertelfinale gegen Außenseiter Dänemark gescheitert war, war Jones deutlich angezählt. Die Lockerheit wirkte danach aufgesetzt, taktisch fiel ihr nur noch wenig ein. Für viele Beobachter war das durchaus überraschend, ist Steffi Jones doch seit Jahrzehnten mit den Strukturen des Teams, mit dem Frauenfußball und dem DFB verbunden gewesen. Eigentlich hätte man gedacht, es gebe keine, die sich besser mit der Nationalmannschaft auskennt als die 111-malige Nationalspielerin, die ehemalige Verbandsdirektorin für Frauen- und Mädchenfußball beim DFB, die OK-Chefin der Heim-WM 2011.

Doch Jones konnte diese Erwartung nicht erfüllen.

Ihr allerdings allein die Schuld für den sportlichen Misserfolg zu geben, wäre zu einfach. Dem deutschen Frauenfußball fehlen mittlerweile die Persönlichkeiten. Die Zeiten von Weltfußballerin Birgit Prinz sind längst vorbei, aber auch etliche andere Spielerinnen, die die Ära Neid geprägt haben, sind abgetreten, zuletzt Teamkapitän Melanie Behringer und Torjägerin Anja Mittag. Die Qualität des Teams hat nachgelassen, andere Nationen haben aufgeholt. Das deutsche Frauenteam ist bei Turnieren von Natur aus kein Top-Favorit mehr. Das dürfte selbst der DFB-Lieblings-Interimstrainer Horst Hrubesch bald merken.

Horst Hrubesch mit Leonardo Bittencourt

Horst Hrubesch mit Leonardo Bittencourt

Foto: Bongarts/Getty Images

Hrubesch kann wahrscheinlich vom Ü70-Team bis zur Windel-Auswahl jede Mannschaft trainieren, die man sich vorstellen kann. Aber dass dem DFB nichts Besseres einfällt, als den 66-Jährigen zum Coach zu ernennen, zeigt, wie ernst es um den deutschen Frauenfußball bestellt ist.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.