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Fall Hoeneß Titeljagd hat Vorrang

Uli Hoeneß hat seinen Rücktritt als Bayern-Aufsichtsratschef angeboten, doch die Kontrolleure lehnten ab. Zunächst konzentriert sich der Rekordmeister voll und ganz auf Champions League und DFB-Pokal. Unruhe und Personalquerelen kämen da zur Unzeit.
Von Christoph Leischwitz

Die erste Überraschung war die Örtlichkeit. Die Aufsichtsratssitzung fand am Montagnachmittag in der Fußball-Arena im Münchner Stadtteil Fröttmaning statt: Normalerweise kommen die wirtschaftlichen Entscheider des FC Bayern zu ihren turnusmäßigen Treffen gerne in einem der angesehenen Hotels in der Innenstadt zusammen. Die Verlegung sollte offenbar signalisieren: Ruhe bitte, keine unnötige Aufmerksamkeit! Was natürlich nur bedingt gelang: Die Fotografen waren lange vor den eintreffenden Limousinen da. Uli Hoeneß zum Beispiel wurde telefonierend auf dem Rücksitz eines schwarzen Audi fotografiert. Wie im Live-Ticker eines Bundesliga-Spiels wurde dann etwa vermeldet, dass Aufsichtsratsmitglied Edmund Stoiber um kurz vor 16 Uhr eintraf.

Die zweite und noch viel größere Überraschung war dann aber das Ergebnis des Treffens: Uli Hoeneß bleibt Aufsichtsratsvorsitzender des FC Bayern - auf ausdrücklichen Wunsch der Kontrolleure. Hoeneß selbst hatte nämlich angeboten, dieses Amt ruhen zu lassen.

Weil der 61-Jährige als Präsident des FC Bayern automatisch im Aufsichtsrat sitzt, bedeutet diese Entscheidung zumindest indirekt, dass Hoeneß auch Präsident bleibt - entlassen werden kann er nur von den Mitgliedern des Vereins. Höchstwahrscheinlich wäre er als Präsident zurückgetreten, wenn ihm der Aufsichtsrat kein Vertrauen gezeigt hätte. Er selbst hatte solch einen Rücktritt vergangene Woche in einem Interview mit der "Zeit" als Möglichkeit angedeutet, allerdings nicht vor dem Champions-League-Finale Ende Mai.

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Verein der Konzernbosse: Bayern Münchens Aufsichtsrat

Foto: Alexander Hassenstein/ Bongarts/Getty Images

Gegen Hoeneß läuft derzeit ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft München II wegen Steuerhinterziehung. Ihm droht sogar eine Gefängnisstrafe. Der Bayern-Präsident hatte im Januar eine Selbstanzeige im Zusammenhang mit einem Schweizer Konto erstattet. Er soll bereits 3,2 Millionen Euro Steuern nachgezahlt haben.

Erst am Wochenende war der Druck auf ihn durch die Politik gestiegen: Hoeneß habe "mehr als großen Mist" gebaut, hatte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble der "Bild am Sonntag" gesagt. "Steuerhinterziehung ist ein strafwürdiges Unrecht", so der CDU-Mann weiter.

In den vergangenen Tagen hatte es entsprechend viele Spekulationen über mögliche Wechsel im Fahrwasser der Causa Hoeneß gegeben. Franz Beckenbauer oder gar Edmund Stoiber wurden schon als Interims-Nachfolger gehandelt. Der Fall, hieß es, könnte den Aufsichtsräten zu heiß werden, was wiederum die Bitte um Rücktritt nahegelegt hätte. Nun verhielt es sich, zumindest offiziell, genau umgekehrt: Hoeneß bot einen Teilrückzug an - und der Aufsichtsrat, dem unter anderem die Vorstandschefs von Audi (Rupert Stadler) und Adidas (Herbert Hainer) angehören, lehnte ab.

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Uli Hoeneß: Ein Leben für den FC Bayern

Foto: GLYN KIRK/ AFP

Dass sich Hoeneß während der Sitzung für sein Verhalten entschuldigte und damit die Herzen der Anwesenden erweichte, darf als unwahrscheinlich gelten. Vielmehr handele man "im Interesse des FC Bayern", hieß es in der ersten Pressemitteilung des Vereins. Der Club wolle sich in naher Zukunft "voll und ganz" auf das Erreichen der "weiteren sportlichen Ziele" konzentrieren: Am 25. Mai findet in London das Champions-League-Finale gegen Borussia Dortmund statt, am 1. Juni folgt das DFB-Pokalfinale in Berlin gegen den VfB Stuttgart.

Es erscheint auf den ersten Blick verständlich, den Fokus auf das Sportliche zu richten. Allerdings suggeriert diese Formulierung auch: Wenn der FC Bayern aus allen Wettbewerben ausgeschieden wäre, hätte man womöglich anders gehandelt.

Aufgabe eines Aufsichtsrats ist es, die wirtschaftlichen Geschicke des Vereins zu kontrollieren. Und offenbar hat man diesbezüglich nichts zu beanstanden. Was der Aufsichtsrat also eigentlich meint mit seinem Beschluss: Die Probleme der Privatperson Hoeneß belasten den Verein nicht in dem Maße, dass Hoeneß als Repräsentant des FC Bayern abtreten müsste. Zumindest im Moment noch nicht. Denn eine Einschränkung gibt es in der Erklärung auch: Man werde außerplanmäßige Sitzungen einberufen, sobald es neue Erkenntnisse gebe.

Aufsichtsratssitzungen, nicht nur beim FC Bayern, können lange dauern. Gerade über Probleme mit besonderer Tragweite wird schon mal bis tief in die Nacht diskutiert. Doch in diesem Fall ging es auffällig schnell: Um kurz nach 16 Uhr trat der Rat zusammen, die Pressemitteilung wurde bereits um 17.37 Uhr verschickt. Wenn es überhaupt noch offene Fragen gegeben hat, dann wurden diese wohl schon im Vorfeld geklärt. Die demonstrative Entscheidung, Hoeneß zu halten, ausgerechnet in die Fußball-Arena zu verlegen, jenem Ort also, wo die FC Bayern-Welt noch in Ordnung ist, hätte kaum besser fallen können.

Das Votum vom Montag ist der letztlich gar nicht so überraschende Versuch, Ruhe zu schaffen und Geschlossenheit zu demonstrieren, so lange es geht. Und die Aufmerksamkeit zurück auf den Sport zu lenken. Der FC Bayern steht gerade vor dem ersten Titel-Triple seiner Vereinsgeschichte. Die von Hoeneß so geliebten Basketballer sind zudem gut in die Playoffs gestartet, der Präsident war am vergangenen Samstag beim Sieg gegen Alba Berlin selbst vor Ort. Er versuchte dabei angestrengt lächelnd und mit einer Pappklatsche in der Hand, seine privaten Probleme zu vergessen. Der FC Bayern hilft ihm dabei momentan in jeder Beziehung.

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