Streit um Vereinslärm "Eine Beerdigung erster Klasse"

Ein Düsseldorfer Sportverein hat Angst um seine Existenz, weil Anwohner über den Lärm klagen. Die fühlen sich durch Kindergeschrei in ihrer Lebensqualität gestört. Der Streit ist kein Einzelfall - nun schaltet sich die Politik ein.
Sportverein TV Grafenberg: Spielplan angepasst

Sportverein TV Grafenberg: Spielplan angepasst

Foto: TV Grafenberg

Das Fußballturnier an Pfingsten war mal eine große Sache für den TV Grafenberg. 70 Mannschaften aus dem ganzen Land kamen jedes Jahr, einmal war sogar ein befreundetes Team aus Finnland da. Vor vier Jahren hat die Veranstaltung zum bisher letzten Mal stattgefunden. Auch das Altherrenturnier fällt seit einiger Zeit aus. Und wenn es etwas wie neulich zu feiern gibt, als die Ü-50-Basketballerinnen Deutscher Meister wurden, dann achten die Festgäste darauf, dass es nach 22 Uhr leise ist auf dem Vereinsgelände an der Sulzbachstraße im Düsseldorfer Osten.

Der TV Grafenberg gibt sich nach eigenen Aussagen alle Mühe, seine Nachbarn zu besänftigen. Beziehungsweise: dieses eine Ehepaar, das neben der Anlage des Vereins wohnt und sich seit Jahren über den Lärm beklagt, der von dort kommt. Doch die Bemühungen gehen den Eheleuten nicht weit genug. Sie sind offenbar nicht damit zufrieden, dass der TV Grafenberg seinen Veranstaltungskalender ausgedünnt und einem Zeitplan zugestimmt hat, der festlegt, wann auf dem Vereinsgelände Sport gemacht werden darf und wann nicht, wann Lärm erlaubt ist und wann es leise sein muss.

Mehrmals hat sich das Ehepaar beim Düsseldorfer Sportamt über den TV Grafenberg beschwert, auch das Ordnungsamt war schon da. Der Verein fühlt sich von den Nachbarn schikaniert. "Ich halte die Vorwürfe für vollkommen überzogen", sagt Uli Geduldig, der Erste Vorsitzende des TV Grafenberg.

Ein gesellschaftlicher Konflikt im Kleinen

So einen Streit wie in Düsseldorf gibt es vielerorts. Wo Sport getrieben wird, wo Kinder, Jugendliche und Erwachsene Fußball, Tennis oder Basketball spielen, finden sich immer auch Menschen, denen das nicht passt. Die sich vom hellen Flutlicht oder den Jubelschreien der Sportler gestört fühlen. Beim TV Grafenberg ist ein gesellschaftlicher Konflikt im Kleinen zu beobachten. Er handelt von der Frage, wie viel Toleranz Einzelne zu Gunsten der Gemeinschaft aufbringen müssen.

Wer sich beklagt über laute Sportanlagen, wird bestenfalls zum Spielverderber erklärt - eher aber zum Spießer oder Kinderhasser. Die beiden Nachbarn des TV Grafenberg wollen ihre Namen deshalb nicht auf SPIEGEL ONLINE lesen. Es reicht ihnen, dass sie auf der Facebook-Seite des Vereins beschimpft werden. Ihr Ziel sei nicht, den Sportlern ihren Sport zu verbieten oder den Verein kaputtzumachen. Aber angesichts der Geräuschkulisse auch an Wochenenden und Feiertagen fragten sie sich manchmal: "Wann hat ein Bürger dann das Recht auf Ruhe? Das kann einem beim TV Grafenberg keiner sagen."

Vor drei Wochen hat der Verein Post vom Sportamt bekommen. Der Brief liest sich wie eine Drohung: Sollte es weiter Beschwerden über den Lärm auf der Anlage geben, dürfe der Vereine keine weiteren Mitglieder aufnehmen. Auch die Zahl der Jugendmannschaften sei dann zu begrenzen. "Der Brief hat uns wie ein Schlag getroffen", sagt Geduldig, der Vorsitzende. Auf der Internetseite des Vereins formulierte er drastische Worte: Die 125-Jahr-Feier im September drohe "zu einer Beerdigung erster Klasse" zu werden.

Das Sportamt hat den Verein jedoch darauf hingewiesen, dass der Brief lediglich als Empfehlungsschreiben zu deuten ist. In keinem Fall gehe es darum, den Verein zu schließen. Die Behörde sieht sich als Vermittler zwischen den Konfliktparteien. Uli Geduldig hat viel Zuspruch bekommen in den vergangenen Tagen. Und auch die Politik macht sich stark für den TV Grafenberg und für die Rechte von Sportvereinen, deren Nachbarn sich über Lärm beschweren.

Politiker wollen Gesetzesänderung auf den Weg bringen

"Sport hat einen großen Wert für die Gesellschaft. Individualinteressen müssen da bis zu einem gewissen Grad zurückstehen", sagt Monika Lehmhaus, FDP-Politikerin und Vorsitzende des Sportausschusses im Düsseldorfer Rathaus. "Der normale Spielbetrieb muss möglich sein", findet auch Thomas Jarzombek, Düsseldorfer Bundestagsabgeordneter von der CDU.

Mehrere Politiker wollen sich deshalb dafür einsetzen, dass das Bundesgesetz geändert wird, das Lärmgrenzen für Sportanlagen regelt. Wie der Lärm, der von Kindergärten und Spielplätzen ausgeht, soll künftig auch der Lärm von Sportanlagen als sozial adäquat gelten, so lautet die amtliche Formulierung. Die Anwohner müssten den Lärm dann ertragen.

"Ich wünsche mir, dass die Sache in der nächsten Legislaturperiode angegangen wird", sagt Lehmhaus. Jarzombek sagt: "Wenn das Gesetz den normalen Spielbetrieb unmöglich macht, muss es geändert werden." Für den TV Grafenberg besteht zumindest Hoffnung, dass das Fußballturnier an Pfingsten bald wieder stattfinden kann.

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