Fifa-Reform Blatters nächste Propaganda-Show

Der Fußball-Weltverband Fifa feiert seine Reform. Doch ob die Restrukturierung der Ethikkommission für mehr Transparenz sorgen kann, bleibt fraglich. Antworten auf die drängendsten Fragen gab es auf der Pressekonferenz keine - Präsident Jospeh Blatter blieb gewohnt vage.

Fifa-Präsident Blatter: "Eine Demonstration der Kommunikationsherrschaft"
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Fifa-Präsident Blatter: "Eine Demonstration der Kommunikationsherrschaft"

Aus Zürich berichtet


Die Geschichte des Fußball-Weltverbandes Fifa ist reich an absurden Medienveranstaltungen. Am Freitagnachmittag kam eine weitere hinzu: Anlässlich der Pressekonferenz zur Restrukturierung der Ethikkommission zelebrierte Fifa-Präsident Joseph Blatter einen beispiellosen Propagandatermin.

Transparenz und Ethik hat sich Fifa-Präsident Joseph Blatter nach den vielen Skandalen der jüngeren Vergangenheit auf die Fahnen geschrieben. Er spielt den Reformer und hat für viel Geld zahlreiche PR-Experten verpflichtet.

Ausgerechnet der Mann, der seit spätestens 1981, als er Generalsekretär wurde, die Fifa und vor allem ihre Administration beherrscht und mitverantwortlich ist für den desaströsen Ruf der Fifa, erzählte der Welt an diesem "historischen Tag" einmal mehr ungeschminkt, für wie großartig er sich hält.

Blatter verbreitete mitunter gar Unwahrheiten, etwa als er behauptete, Politiker des Europarats, die kürzlich ein überaus kritisches Papier zur grassierenden Korruption in der Fifa vorgelegt hatten, hätten den Weltverband nicht kontaktiert und mit niemandem gesprochen. Das Gegenteil ist richtig: Mit wem die Politiker konferierten, etwa mit dem stellvertretenden Mediendirektor Nicolas Maingot, ist exakt aufgelistet.

Blatter weicht den kritischen Fragen aus

Wer Blatter, seinen Mediendirektor Walter de Gregorio, den Generalsekretär Jerome Valcke, der nur einige Worte murmeln durfte, und den Finanzchef Markus Kattner an diesem Nachmittag erlebte, traute weder seinen Augen, noch seinen Ohren. Was Blatter präsentierte, verdient das Wort "Reform" nicht wirklich - denn nirgends ist verzeichnet, dass die Skandale der Vergangenheit und Gegenwart definitiv aufgearbeitet werden. Es war vielmehr eine Demonstration der Macht- und Kommunikationsherrschaft.

Aus einem ungeordneten Konvolut von Aussagen lässt sich als wichtigster Fakt zunächst herausstellen, dass die Fifa demnächst eine unabhängige Ethikkommission mit zwei Kammern erhalten soll. Eine soll ermitteln, die andere richten. Die Kommission soll künftig für Funktionäre auch eine Art polizeiliches Führungszeugnis erstellen. Auf welcher Grundlage, wann und wie, darüber hörte man allerdings nichts.

Immer, wenn es konkret wurde, mussten Blatter und seine Getreuen in der anschließenden Fragerunde passen. Warum er nicht wie versprochen die Einstellungsverfügung zum ISL-Korruptionsfall veröffentlicht? Rechtliche Probleme, behauptet Blatter, er könne sich nicht über das Schweizer Gesetz hinwegsetzen. Wann erklärt wird, wie die im frischen Finanzbericht aufgeführten rund 30 Millionen Dollar Boni an die Fifa-Führungskräfte verteilt werden? Blatter gab die Frage an Kattner weiter und der deutsche Finanzchef sagte: "Weitere Details zu diesen Zahlen geben wir nicht bekannt."

Zwanziger fehlt bei Blatters PR-Rodeo

So ging das in einem fort. Dabei hatten doch zwei der die Fifa-Diskussionen zuletzt prägenden Personen eben derlei wichtige Details versprochen: Der Strafrechtler Mark Pieth von der Uni Basel, der das so genannte "Independent Governance Committee" leitete, und das deutsche Fifa-Exekutivmitglied Theo Zwanziger, der die Statutenkommission führte. Bei Blatters PR-Rodeo waren der Experte und der ehemalige DFB-Boss nicht zugegen.

Später propagierte die Fifa-Webseite ein kurzes Interview mit Zwanziger und dem Tenor: Er sei "sehr zufrieden". Seine Forderungen und die von Pieth seien zu 90 Prozent deckungsgleich. Nun müsse man sehen, wie der Fifa-Kongress Ende Mai in Budapest entscheide. "Die Fifa hat sich einen sehr hohen ethischen Anspruch auferlegt", wird Zwanziger zitiert, "und es gilt dafür zu sorgen, dass nur Personen in wichtige Ämter gelangen, die diesem auch genügen."

Zwanzigers Änderungsvorschläge an den Statuten müssen aber erst vom Kongress abgesegnet werden. Und da wird es in wichtigen Punkten noch großen Widerstand geben. Ziemlich dünn kommt das zwanzig Seiten umfassende Papier daher, das Pieth parallel zu Blatters Auftritt ins Internet stellen ließ. Es ist, nach einem halben Jahr öffentlicher Diskussion, und nachdem schon viele Bücher über die flächendeckenden Korruptionsgeschäfte in der Fifa geschrieben wurden, sehr wenig.

Nur hartnäckige, unabhängige Ermittler können zur Aufklärung beitragen

Pieth und Zwanziger haben es versäumt, Grundsatzforderungen festzuschreiben. Etwa die nach Ermittlungen zur von Korruptionsdetails überschatteten WM-Vergabe an Russland (2018) und Katar (2022). Auch bleibt unklar, wann die Fälle der vielen zwielichtigen Personen im Fifa-Exekutivkomitee aufgearbeitet werden, von denen sich einige (Havelange, Warner, Teixeira) bereits verabschiedet haben - andere (Grondona, Blazer) noch in Amt und Würden sind.

Dabei hatte gerade Pieth doch ein knallhartes Dokument versprochen. Sicher, er kanzelte die bisherige Ethikkommission als Alibi-Veranstaltung ab und sagte, die Fifa habe Transparenz und Aufklärungswillen vermissen lassen. Er forderte auch Amtszeitbegrenzungen und die Offenlegung von Gehältern - nur: Blatter und Finanzchef Kattner haben deutlich gemacht, was sie von derlei Forderungen halten. Nicht viel.

So hatten Blatters Kommunikations-Barden leichtes Spiel, etwa der Engländer Brian Alexander, der kurz nach der Sitzung im Presseraum schadenfroh Episoden aus der Sitzung streute. Tenor: Pieth habe viel versprochen, sei aber vor dem Exekutivkomitee windelweich gewesen. Die seit 2010 international schwer diskutierten WM-Vergaben an Russland und Katar wurden nicht erwähnt. Wie so vieles andere auch nicht.

Mit derlei halbgaren Papieren kann Sepp Blatter niemand erschrecken. Oder ist es am Ende doch so, dass Blatter schon genau wusste, was passieren würde, als er Pieth als Kommissionschef auswählte? Noch kann Pieth das Gegenteil beweisen. Denn er hat es in der Hand, der künftigen Ethikkommission die richtigen Strukturen, die richtigen Personen zu verpassen: hartnäckige, unabhängige Ermittler.

insgesamt 8 Beiträge
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altae 31.03.2012
1. War ja klar
Hat jemand etwas anderes erwartet? Es gibt wohl kaum eine korruptere Organisation als die FIFA. Und Sepp Blatter ist der Obergauner. Solange der an der Macht ist, wird sich gar nichts ändern. Das sind alles bloss PR Übungen, damit das fröhliche Geld-in-die-eigene-Tasche-stecken weitergehen kann.
Hinrich7 31.03.2012
2. Alte Männer
Antworten auf die drängendsten Fragen gab es auf der Pressekonferenz keine - Präsident Jospeh Blatter, ist auch ein alter Mann, der sich nicht lösen kann oder mag. Dieser korrupte Verband sollte aufgelöst werden, Alte Männer dieser Sorte dominieren so lange sie können und erhalten ihre Vitalität durch Lug und Betrug.
horstma 31.03.2012
3. Wenn...
Wenn Blatter eine wichtige Funktion inne hätte, könnte man sich über das alles fürchterlich aufregen. Blatter und seine Schergen entscheiden, wann und wo ein Stück rundes Leder durch die Gegend getreten wird. Wer das ernst nimmt und womöglich Zeit und Geld darin investiert, ist selber Schuld. Da spielen ein paar senile Greise Monopoly, und die Nationalmannschaften zittern, duckmäusern, spielen Qualifikationen und halten es nach aussen hin auch noch für gut, daß in ferner Zukunft eine WM auf islamistischem Irrsinnsland ausgetragen werden soll. Hätten die national Verantwortlichen auch nur eine Spur von Rückgrad, hätten sie die WM 2022 einfach vom Terminplan gestrichen. Dann hätte Blatter ja sehen können, wie er seine Monopoly-Milliarden zusammenbringt.
Hinrich7 31.03.2012
4. Alte Männer
mögen Potenz verlieren aber nicht ihre Gier. Blatter ist ein Musterbeispiel und alle spielen mit, Politiker, Sportler, Fußballer - was ist eigentlich an diesem alten Mann so besonders? Was ist das Geheimnis dieser alten Männer?
Suppenhahn 31.03.2012
5. Korrupt und Verlogen
Es wäre wünschenswert, auch in Anbetracht seines Alters, wenn Herr Blatter allmählich die Finger aus der Kasse nähme und den Hut. Seine frechen Verlogenheiten hat man ihm persönlich nachgesehen, aber langsam sollte Schluss sein.
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