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Hollands Nationalmannschaft: Vorne hui, hinten pfui

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EM-Favorit Niederlande Ärger und Bert

Robben, van Persie, Sneijder: Die niederländische Offensive gehört zu den besten der Welt, wegen ihr gehört Oranje zu den EM-Favoriten. Dennoch sorgen die Angreifer derzeit für Ärger in Holland. Dabei ist das wahre Problem von Bondscoach Bert van Marwijk die Defensive.

Streit gehört im niederländischen Fußball dazu. Geradezu mit Hingabe fallen die Holländer übereinander her, wenn es um das Personal und die Taktik ihrer Nationalmannschaft, der Elftal, geht. Und auch vor der Europameisterschaft gäbe es genügend Probleme, über die Fans und Experten trefflich streiten könnten: die schwache Verteidigung etwa, oder das destruktive defensive Mittelfeld. Alles zweitrangig - in Holland fetzen sie sich wegen ihrer Weltklasse-Offensive.

Robin van Persie oder Klaas Jan Huntelaar? Das ist die Frage, die ganz Fußball-Holland bewegt. Beide sind Stürmer von internationalem Format, beide wurden in der abgelaufenen Saison Torschützenkönig ihrer Ligen, und beide wollen von Beginn an spielen - aber nur für einen ist Platz im 4-2-3-1-System von Bondscoach Bert van Marwijk, der sich auf Arsenal-Kapitän van Persie als Stürmer Nummer eins festgelegt hat.

Nach dem Sieg gegen Nordirland im letzten Testspiel vor der EM sagte der Trainer mit Blick auf das erste Gruppenspiel am 9. Juni: "Wir beginnen gegen Dänemark mit Robin van Persie." Und mit Genugtuung fügte van Marwijk nach der EM-Generalprobe hinzu: "In einigen Dingen bin ich bestätigt worden." Die Niederlande gewann 6:0, van Persie traf zweimal und bereitete zwei weitere Tore vor.

Van Marwijk wird das Spiel genossen haben, schließlich hatte er zuletzt nur Ärger, musste ständig seine personellen Entscheidungen in der Offensive verteidigen. Ein Kampf, den er nicht gewinnen kann. Ließe er Huntelaar von Beginn an spielen, müsste er sich rechtfertigen, warum van Persie auf der Bank sitzt. "Ich habe keine Lust, immer die gleichen Fragen zu beantworten", herrschte er die niederländischen Journalisten vor dem Spiel gegen Nordirland an.

Huntelaar in der Form seines Lebens

Fans und Experten diskutieren seit Wochen darüber, wer im Sturmzentrum spielen soll. Und Huntelaar trägt nicht gerade zur allgemeinen Entspannung bei. Er stapft demonstrativ mucksch durch die Stadienkatakomben, verweigert Interviews - und sagt dann doch Sätze wie: "Ich musste mich vor mir selbst schützen und hatte Angst, etwas Falsches zu sagen."

Der Frust des 28-Jährigen ist verständlich: Er ist derzeit in der Form seines Lebens, erzielte vergangene Spielzeit für Schalke 04 in 32 Bundesligaspielen 29 Treffer und gab 13 Torvorlagen. "Besser als diese Saison kann ich nicht spielen", sagt er. Huntelaars Pech: Van Persie ist in ähnlich guter Verfassung. Der 28-Jährige traf für den FC Arsenal in 38 Liga-Spielen 30-mal. Zudem hat van Persie den Vorteil, dass die Premier League in den Niederlanden einen höheren Status genießt als die Bundesliga, Arsenal im Gegensatz zu Schalke in Holland als europäischer Top-Club angesehen wird.

Van Marwijk versuchte am Samstagabend, nach dem Spiel gegen Nordirland, die Personaldiskussion zu entschärfen, indem er versicherte, seine Entscheidung für van Persie bedeute nicht, "dass Huntelaar während des gesamten Turniers Ersatzstürmer ist und nie in der Startelf stehen wird."

Sneijder oder van der Vaart hinter der Spitze

Doch der Streit in Holland wird weitergehen, denn es geht nicht nur um van Persie und Huntelaar. Um Wesley Sneijder und Rafael van der Vaart gibt es eine ähnliche Debatte. Die Spielmacher sind beide herausragende Techniker, aber nur einer wird zentral hinter der Spitze spielen. Gegen Nordirland begann Sneijder, van der Vaart wurde nur eingewechselt. Vermutlich wird das so auch bei der EM sein. Ebenfalls in Amsterdam in der Startelf: Die offensiven Flügelspieler Arjen Robben und Ibrahim Afellay. Dafür mussten Dirk Kuijt und Luuk de Jong auf der Bank Platz nehmen.

Robben, Sneijder, van der Vaart, Kuijt, Huntelaar, van Persie: Wenn Bert van Marwijk kein Problem hat, dann im Angriff.

Wegen ihrer formidablen Offensive sind die Niederlande bei der EM ein Anwärter auf den Titel. Was das Team von den beiden anderen Top-Favoriten, Spanien und Deutschland, jedoch unterscheidet: Holland hat eine gruselige Defensive.

Dass der derzeit angeschlagene ehemalige HSV-Profi Joris Mathijsen Hoffnungsträger der holländischen Viererkette ist, sagt viel über den Zustand der Abwehr aus. John Heitinga, Khalid Boulahrouz und Wilfried Bouma sind ebenfalls das Gegenteil eines modernen Abwehrspielers. Gegen - gedanklich und körperlich - schnelle Gegenspieler wie Mesut Özil oder Cristiano Ronaldo werden sie große Probleme bekommen.

Dazu kommt das defensive Mittelfeld, das nur auf Zerstörung des gegnerischen Spiels ausgerichtet ist und in den Augen vieler Holländer mittlerweile deutscher als Deutschland spielt. Es ist der Bereich, wo häufig große Duelle entschieden werden, wo die Schweinsteigers und Xavis spielen. Holland läuft dort mit Mark van Bommel und Nigel de Jong auf. Zwei Spieler, die Fußball gerne als Nahkampf interpretieren. Spieleröffnung, brillante Pässe? Nicht mit ihnen.

Dabei hätte van Marwijk einen Spieler auf Bank, der das perfekte Bindeglied zwischen Defensive und Offensive wäre, körperlich und technisch stark: Rafael van der Vaart. Dazu müsste aber entweder van Bommel oder Nigel de Jong draußen bleiben, und van Marwijk hätte die nächste Personaldiskussion am Hals. Van der Vaart bleibt Ersatz.

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