Streit über Löw-Vertrag Konterrevolution beim DFB

Wie konnte es nur dazu kommen? Im Streit um die Vertragsverlängerung von Bundestrainer Löw haben alle Beteiligten schwere Fehler gemacht - jetzt steht die gesamte Ausrichtung der Nationalelf auf dem Spiel.
Von Christoph Biermann
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Streit um Löw: Dicke Luft beim DFB

Foto: A2070 Rolf Haid/ dpa

Es ist immer noch atemberaubend, wie schnell das gegangen ist. Schien es vor Wochenfrist nur ein formaler Akt zu sein, dass Joachim Löw für mindestens zwei weitere Jahre Bundestrainer sein würde, ist es im Moment kaum vorstellbar, dass er bei den Spielen in der EM-Qualifikation auf der Bank sitzen wird, die am Sonntag in Warschau ausgelost wurden. Franz Beckenbauer war der Erste, der nach den gescheiterten Vertragsverhandlungen darauf hinwies, dass niemand unersetzbar sei und dies auch für den Bundestrainer gelte.

Doch in dieser Sache geht es um mehr als nur Personalien. Mit dem aktuellen Nationalcoach ist ein Modell der Nationalmannschaft verbunden, das von Jürgen Klinsmann 2004 konzipiert, nach der WM 2006 von Löw fast nahtlos weitergeführt worden ist und eine der großen Erfolgsgeschichten des deutschen Fußballs darstellt.

Das Nationalteam ist durch seine Siege und Popularität traditionell die Lokomotive des deutschen Fußballs gewesen, doch seit der Amtsübernahme von Klinsmann hat es wesentlich dazu beigetragen, notwendige Modernisierungsprozesse anzuschieben.

Ohne diese würden so unterschiedliche Felder wie die psychologische Betreuung von Fußballprofis, neueste Erkenntnisse der Trainingslehre oder die computergestützte Spielanalyse eine weitaus geringere Rolle spielen. Beispielhaft dafür steht die Arbeit von Chef-Scout Urs Siegenthaler, der nicht nur gegnerische Mannschaften beobachtet und deren Analyse koordiniert, sondern kontinuierlich neue Entwicklungen im Weltfußball verfolgt.

Die Nationalelf als Labor des Fußballs

Löw

Durch den Think Tank um ist der deutsche Fußball zuletzt von oben revolutioniert worden. Die Arbeitsweise der Nationalmannschaft hat als Labor des Fußballs auch in den Clubs den Weg für viele Neuerungen geebnet. Denn die vielen unterschiedlichen Fachleute ums Nationalteam haben dazu beigetragen, dass die deutsche Mannschaft ihre Möglichkeiten fast immer ausgeschöpft hat. Da mögen sich die Experten auch mal auf die Füße getreten haben, und bestimmt war nicht jedes Länderspiel ein Fest, aber in den entscheidenden Partien der vergangenen Jahre zahlte sich die sorgfältige Arbeit aus.

Oliver Bierhoff

Das war beim DFB auch weitgehend unstrittig und der Verband bereit, sich diese Arbeit viel Geld kosten zu lassen. Dem einen oder anderen war der finanzielle Einsatz allerdings zu hoch und das Eigenleben auf dem Planeten Nationalteam zu groß, und entlang dieser Konfliktlinie stritt als Manager des Nationalteams für dessen Interessen. Aus diesem Grund hat Löw am Wochenende wiederholt, Bierhoff gehöre selbstverständlich zum Team.

Desaströse Verhandlungen

Zwanziger

Streitereien um Einfluss, Geld und Kompetenzen hat es in den vergangenen Jahren immer mal gegeben, doch dass sie nun derartig eskaliert sind, ist die Schuld aller Beteiligten an den desaströsen Verhandlungen. Warum hatte DFB-Präsident im Dezember voreilig eine Vertragsverlängerung verkündet, ohne dass es eine gründliche Einigung gab? Warum hat er dann ein Ultimatum gestellt, das nicht nötig war? Sitzt jemand beim DFB, der das Verhandlungsklima vergiftet hat, indem er Forderungen des Trainerteams bei "Bild" lancierte? Und wie konnte Bierhoff seine Rolle so völlig missverstehen, und ein Vetorecht bei der Bestellung eines etwaigen Nachfolgers von Löw fordern?

Löw hingegen hat es sich in der ganzen Sache lange zu leicht gemacht.

Dass ihm Bierhoff in allen Fragen, die von der sportlichen Arbeit ablenken, den Rücken freihält, hat in den Vertragsverhandlungen zu einer verdrehten Konstellation geführt. Der Manager vertrat als Mitglied des DFB-Präsidiums gegenüber diesem Präsidium die Interessen von Löw - und verband sie wie im Falle des Vetorechts mit den eigenen. Bierhoff sieht Fußball zudem, anders als Löw, vor allem aus unternehmerischer Perspektive und die Nationalmannschaft als eine Marke. Wobei zu seinen Eigeninteressen bei deren Vermarktung mitunter die letzte Trennschärfe fehlt.

So mischt sich im Team des Nationalteams die erfreuliche fußballerische Moderne mit einer nicht zu Unrecht skeptisch beäugten Moderne des kommerzialisierten Fußballs. Das macht angreifbar und freut all jene, denen die Entwicklung der Nationalmannschaft zu einem Vorreiter im deutschen Fußball schon lange gegen den Strich gegangen ist. Nun wittern sie die Chance zur Konterrevolution, und ihre Chancen stehen derzeit so gut wie schon lange nicht mehr.

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