Spaniens Ligachef Javier Tebas und der Streit um El Clásico Der Rechtsausleger

"El Clásico" zwischen Real und Barça gerät zum Spielball eines Konflikts zwischen Liga und Verband. Das Chaos ausgelöst hat Ligachef Javier Tebas. Sein Amt nutzt der Jurist auch zu radikalen politischen Statements.
Spaniens Liga-Präsident Javier Tebas: Er forderte in der Vergangenheit "eine Art spanische Le Pen"

Spaniens Liga-Präsident Javier Tebas: Er forderte in der Vergangenheit "eine Art spanische Le Pen"

Foto: Emilio Lavandeira Jr./ EPA-EFE/ Rex

Vor dem verhinderten Spiel ist alles ruhig in Barcelona. Nach den Ausschreitungen der vergangenen Woche ist seit Tagen kein Stein mehr geflogen, keine Mülltonne mehr ausgebrannt und kein strategischer Ort mehr besetzt worden. Das kann sich natürlich schnell wieder ändern. Für den "Clásico" aber ist es sowieso längst zu spät. Die ursprünglich für Samstag terminierte Partie zwischen dem FC Barcelona und Real Madrid ist bereits seit einer Woche abgesagt.

Die Maßnahme empfanden viele Kritiker schon damals als überstürzt - zumal weder die lokalen Behörden noch die Polizei, keiner der beteiligten Vereine und auch nicht die Regierung auf die Verschiebung gedrängt hatten. Die Initiative ging zurück auf Liga-Chef Javier Tebas - einen Mann, der gern mal aus der Hüfte schießt.

Mächtiger Gegenpol ist Verbandschef Luis Rubiales

Immer wieder hält der 57 Jahre alte Jurist den spanischen Fußball in Atem, umso mehr seit ihm in Verbandschef Luis Rubiales ein gleichfalls sendungsbewusster Gegenspieler erwachsen ist. Mal will Tebas eine Ligapartie nach Miami verlegen, dann Rubiales die Montagsspiele abschaffen, bald geht es über die Hoheit beim Frauenfußball und sogar Manipulationen beim Videobeweis hat man sich gegenseitig schon vorgehalten.

In der Regel enden die infantilen Egokriege vor Gericht, und auch die Causa "Clásico" ist noch nicht in trockenen Tüchern. Nachdem sich Barça, Real und Verband auf den 18. Dezember, einen Mittwoch, als Nachholtermin geeinigt haben, erwägt Tebas prozessuale Schritte. Ihm passt das Datum nicht. Aus kommerziellen Gründen, weil am selben Tag ein Klub-WM-Halbfinale sowie die erste Pokalrunde stattfänden, argumentiert er. Aus Prinzip, vermuten die anderen Beteiligten genervt.

Tebas hatte zu Beginn des Chaos um "El Clásico" eigentlich nur die Spielorte von Hin- und Rückrunde tauschen wollen. Er dachte an ein Ausweichen nach Madrid. Die Partie verschieben wollte er nicht, zumal er den Anstoß für den asiatischen Markt auf 13 Uhr angesetzt hatte. Dass die frühe Uhrzeit auch die Gefahr von Randale reduziert hätte: geschenkt. Ebenso wie der Umstand, dass die spanische Polizei bisher mit allen Herausforderungen beim Fußball fertig wurde. Ein "Clásico" im November 2015 wurde wenige Tage nach der islamistischen Terrornacht von Paris mit drei Sicherheitsringen geschützt. "Der Clásico wäre zu einem Ort der Konfliktbefeuerung geworden", insistierte Tebas.

In der Jugend war er Lokalfunktionär einer faschistischen Partei

Der Begriff ist bei ihm allerdings weit gefasst. Voriges Jahr regte er mal an, beim Pokalfinale den Notstandsartikel 155 anzuwenden, um Pfiffe von Barça-Anhängern gegen die spanische Nationalhymne zu unterbinden. Der Notstandsartikel 155 ist eines der schärfsten Schwerter der spanischen Verfassung - mit ihm suspendierte die Regierung während der Referendum-Wirren 2017 vorübergehend die katalanische Autonomie.

Tebas wählte die Analogie bewusst, er ist bekennender Rechtsausleger. In seiner Jugend war er Lokalfunktionär der faschistischen Partei Fuerza Nueva, aus deren Umfeld während des Übergangs von der Franco-Diktatur zur Demokratie politische Attentate verübt wurden.

Während er seine Vergangenheit weiter verteidigte ("Die Leute wissen nicht, was Fuerza Nueva war."), erklärte er sich auch zum Sympathisanten der spanischen Rechtspopulisten Vox: "Wenn sie so weiter machen, wähle ich sie", sagte er Anfang des Jahres über die relativ junge Partei. In der Vergangenheit hatte Tebas bereits "eine Art spanische Le Pen" gefordert, weil ihm die Rechte seines Landes zu "feige" schien.

Dass er Interviews in offizieller Funktion mit solchen Polit-Bekenntnissen garniert, erregt in Spanien kaum Anstoß. In wenigen Ländern ist das Establishment so offen für den Rechtspopulismus. Vox wurde gar als Nebenkläger im Prozess gegen die katalanischen Separatisten zugelassen, dessen Urteil vorige Woche die Unruhen auslöste. Als die Partei 2018 bei den Regionalwahlen in Andalusien erstmals in ein Landesparlament einzog, luden sie die konservative PP und die nationalliberalen Ciudadanos ohne Berührungsängste zum Mehrheitsbündnis ein. Das gleiche Trio kontrolliert inzwischen Rathaus und Region von Madrid. Nun kämpft es um einen Sieg bei den spanischen Parlamentswahlen am übernächsten Sonntag.

Der 57-Jährige professionalisierte die Liga

Im Fußball erarbeitete sich Tebas seinen Ruf zunächst als Präsident von Zweitligist Huesca, später als Anwalt, mit dem man sich besser nicht anlegte. 2013 wurde er zum Chef der Liga gewählt, die er seither auf vielen Gebieten professionalisierte. Schulden wurden abgebaut, ein strenges Lizenzierungsverfahren und individuelle Gehaltsobergrenzen eingeführt, die TV-Einnahmen gerechter verteilt und gleichzeitig potenziert, wenn auch auf Kosten eines zerstückelten Spielplans mit zehn Anstoßzeiten pro Wochenende.

Wenn es ums Business geht, handelt Tebas dabei normalerweise pragmatisch. Zu seinen engsten Verbündeten zählt mit dem Chef des Rechteinhabers Mediapro, Jaume Roures, ein katalanischer Salontrotzkist.

Die meisten Klubs sind so zufrieden mit Tebas, dass sie einen Abwerbungsversuch der italienischen Serie A mit einer Erhöhung seines Jahressalärs auf über eine Million Euro konterten. Seine Probleme begannen erst, als auf den jahrzehntelangen Verbandschef Ángel María Villar, der sich für die Profiligen kaum interessierte, der ambitionierte Rubiales folgte. Bei seinem Ziel, verlorene Kompetenzen zurückzuerobern, hat der Ex-Spielergewerkschafter schon einige Erfolge gefeiert. Die Frauenliga wanderte zurück unter Verbandshoheit, die Montagsspiele wurden abgeschafft (Lesen Sie hier die Hintergründe dazu).

Jetzt zieht Tebas wohl auch beim "Clásico" den Kürzeren. Nachdem Barça wie Madrid den Ortstausch ablehnten, stellt sich seine Initiative als veritables Eigentor heraus. Bleibt es beim 18. Dezember als Spieltermin, muss Tebas den asiatischen Markt enttäuschen. Denn angepfiffen werden soll erst um 21 Uhr Ortszeit.

Zudem hat er den Separatisten zu Gratis-PR verholfen. Die Protestplattform "Tsunami Democràtic" kommentierte: "Ohne Spiel gewonnen. Wir sehen uns am 18. Dezember."