Streit um neue Haarprobe Daum ein "unverbesserlicher Lügner"?

Wende in der Kokain-Affäre um Christoph Daum? Die vom entlassenen Leverkusener Coach in den USA vorgenommene zweite Haaranalyse soll negativ sein. Fachleute debattieren über den Wert der weiteren Probe.


Christoph Daum: Seine Haare spalten die Republik
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Christoph Daum: Seine Haare spalten die Republik

Florida/Frankfurt am Main - Wie die "Bild"-Zeitung berichtet, habe Daum, der sich seit seiner Trennung von Leverkusen am 21. Oktober in Florida versteckt hält, am 6. November in den "American Medical Laboratories" einen privat veranlassten Drogentest machen lassen. Vier Tage später habe das Resultat vorgelegen: Daum habe in letzter Zeit keine Drogen konsumiert.

"Das Ergebnis war für mich selbstverständlich, weil ich wusste: Die erste Analyse trifft auf mich nicht zu", zitiert "Bild" Daum, der sich wie ein Schneekönig gefreut habe: "Ich bin sauber." Bei der ersten Haaranalyse im Institut für Rechtsmedizin der Universität Köln waren Drogenspuren festgestellt worden.

Daums Anwalt Ralf Stankewitz sieht seinen Mandanten durch die zweite Haaranalyse entlastet. "Das Ergebnis ist eindeutig negativ. Damit ist Herr Daum rehabilitiert." Der ursprünglich als Bundestrainer vorgesehene Daum sehe sich, so "Bild", in seiner Vermutung bestätigt, dass die Probe in Deutschland vertauscht oder manipuliert worden sei. Der 47-Jährige kündigte eine erneute Prüfung des Kölner Ergebnisses durch seinen Rechtsbeistand an und will schon bald wieder als Trainer arbeiten.

Herbert Käferstein vom Institut für Rechtsmedizin der Universität Köln, der die erste Haarprobe Daums analysiert hatte, schließt ein gegenteiliges Ergebnis bei einer späteren Probe nicht aus. Der Toxikologe wehrt sich aber gegen Spekulationen, die erste Haarprobe Daums könne vertauscht worden sein. "Wir haben ein Ergebnis vorgelegt, das bei uns jedem Strafrecht standhalten wird."

Daum, so seine Anwälte, betrachte die Angelegenheit erst dann als geklärt, wenn das seiner Meinung nach absurde Analyse-Ergebnis in Deutschland sowie die Frage geklärt sei, warum man ihn beim Nachweis der Unrichtigkeit nicht unterstützt habe.

Der Florida-Urlauber wider Willen habe sich durch seine Anwälte die Seriosität des zweiten Tests bestätigen lassen, meldet "Bild". Die "American Medical Laboratories" (AML) seien eines der "bekanntesten und anerkanntesten" Labore und schon "mehrfach für die Olympischen Spiele und den Internationalen Leichtathletikverband" tätig gewesen. Angeblich hätten schon US-Spitzensportler wie der Sprinter Carl Lewis oder Basketball-Star Shaquille O'Neal die AML-Dienste in Anspruch genommen.

Dem Leiter des Doping-Labors im sächsischen Kreischa, Klaus Müller, sind die "American Medical Laboratories" hingegen unbekannt. Für den Experten ist das Ergebnis der zweiten Daumschen Haarprobe "völlig bedeutungslos". Die erste Analyse aus dem Institut für Rechtsmedizin in Köln sei positiv gewesen und das Institut über jeden Zweifel erhaben. Müller: "Daum ist ein unverbesserlicher Lügner." Eine neuerliche Probe mache keinen Sinn, wenn sich Daum in den vergangenen Wochen die Haare habe schneiden lassen. Mit nachgewachsenen Haaren lasse sich ein Kokainkonsum aus der Zeit vor der ersten Haaranalyse nicht mehr nachweisen.

Der Nürnberger Pharmakologe Fritz Sörgel spricht sich hingegen dafür aus, die negative Haaranalyse von Fußballtrainer Christoph Daum in den USA ernst zu nehmen. "Es gibt keinen Grund, diese Probe einfach anzuzweifeln." Stattdessen schlägt Sörgel vor, die ursprüngliche Analyse noch einmal zu überprüfen. "In Köln liegen doch Teile der ersten Probe, die Untersuchung kann wiederholt werden", erklärte der Mediziner, dessen Institut für pharmazeutische und biomedizinische Forschung zuletzt wegen des Berichts über angebliche Funde von Kokainspuren in Bundestags-Toiletten für Schlagzeilen gesorgt hatte.

Der DFB zeigte sich vom angeblich negativen Ergebnis der zweiten Haaranalyse völlig unbeeindruckt. "Für uns ist das Thema erledigt", erklärte DFB-Mediendirektor Wolfgang Niersbach. Daum habe die Untersuchung in den USA als Privatmann vorgenommen. Niersbach betonte: "Es ist normal, dass er versucht, sich zu rehabilitieren. Wir verfolgen das aus der Distanz." Mit Daum bestehe kein Arbeitsverhältnis. "Wir haben auch nie eines gehabt und fürchten keine Komplikationen", erklärte Niersbach. Der Mitte Oktober ausformulierte, aber nicht unterschriebene Vertrag als Bundestrainer zwischen Daum und dem DFB sei mittlerweile vom Anwalt des Trainers zurückgefordert worden.

In die gleiche Richtung äußerte sich Leverkusens Finanzchef und Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser: "Christoph Daum war bis zu jener Nacht bei uns Trainer. Was danach war, hat uns nicht zu interessieren."

Die zweite Haarprobe des US-Labors hat zunächst keinen Einfluss auf die Untersuchung der Staatsanwaltschaft. Eine Haaranalyse habe für die Ermittlungen gegen Daum wegen unerlaubten Besitzes von Betäubungsmitteln ohnehin nur eine "indizielle Bedeutung", sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Erich Jung in Koblenz. Strafbar sei nur der Besitz, nicht jedoch der durch eine Haarprobe beweisbare Konsum von Kokain. "Nur auf eine Haaranalyse kann sich unsere Arbeit nicht stützen. Wir ermitteln in aller Ruhe in alle Richtungen weiter", sagte Jung. Sollte sich die zweite Analyse als seriös erweisen, wäre sie jedoch zu berücksichtigen.



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