Neuer versus ter Stegen Es kann nicht nur einen geben

Wenn sich in Deutschland zwei Torleute um ihren Einsatz streiten, dann bekommt das den Rang einer Staatsaffäre. Der Schlussmann hat in diesem Land Heldenstatus. Mit modernem Spiel hat das nichts zu tun.

Es kann nur einen geben. Ach, wirklich?
Christian Charisius DPA

Es kann nur einen geben. Ach, wirklich?

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Die deutsche Eiche, der deutsche Wald, das deutsche Bier, der deutsche Torwart. Dieses Land hat seine Mythen, und der Mann zwischen den Pfosten zählt dazu. Der Torwart ist in Deutschland nicht einer von elf auf dem Platz, es gibt die Nummer eins und die zehn anderen, das Wort Nationaltorwart hat seinen speziellen Klang. Niemand spricht vom Nationalmittelfeldspieler, aber der Nationaltorwart ist ein Denkmal.

Vor diesem Hintergrund wird die Unmutsäußerung von Barcelona-Keeper Marc-André ter Stegen zur Staatsaffäre. Einer, der bei einem der führenden Vereine der Welt seit Jahren beste Leistungen bringt, ist nicht zufrieden damit, beim DFB kaum Einsatzzeiten zu bekommen: ist nachvollziehbar. Aber nicht im Torwartland Deutschland. Dort, wo der Nationaltorwart mindestens der "beste der Welt" sein muss, wie Bayern-Präsident Uli Hoeneß am Mittwoch mehrfach in einem Gestus betonte, als sei dies eine wissenschaftlich erwiesene Tatsache.

Uli Hoeneß im Video: Kontrollierter Wutausbruch

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Ach, die anderen können auch was?

Wohl nirgends gibt es den hochmütigen Blick auf die Torleute anderer Länder wie in Deutschland. Die englischen Keeper? Alles Lachnummern, Fliegenfänger, Gegenstand unzähliger Witze. Deutschland dagegen ist eine Torwart-Nation. Gibt es dieses Wort überhaupt in einer anderen Sprache? Und immer das öffentliche Erstaunen bei großen Turnieren, wenn plötzlich Torleute anderer Teams überragende Leistungen bringen, gar wenn sie aus Costa Rica, Mexiko oder Slowenien stammen. Ach, die können auch was?

Bert Trautmann, der mit gebrochenem Genick spielte, Toni "du bist ein Fußballgott" Turek, Sepp Maier, Toni Schumacher, Uli Stein, Oliver Kahn, Jens Lehmann, jetzt Manuel Neuer - Torleute sind in diesem Land überlebensgroß. Wenn sie sich um die Position in der Nationalelf zanken, dann ist das eine Meldung in der Tagesschau, wie damals 2006, als sich Jürgen Klinsmann vor der Heim-WM für Jens Lehmann und gegen Oliver Kahn entschied. Und als Kahn Lehmann vor dem Elfmeterschießen im Viertelfinale gegen Argentinien Mut zusprach, wurde das als Heldengeschichte interpretiert und nicht als kollegiale Selbstverständlichkeit. Die T-Frage kommt in Deutschland direkt nach der K-Frage. Oder noch davor.

Vor der Saison auf die Nummer eins festlegen

Dazu gehört auch der Glaube, dass ein Torwart, wenn er einmal teamintern als die Nummer eins auserkoren ist, diesen Platz für immer für sich beanspruchen darf. Überall auf dem Feld wird rotiert, im modernen Fußball sind große Kader selbstverständlich, jede Position soll mindestens doppelt besetzt sein. Aber im Tor ist man in Deutschland noch in den Zeiten von Sepp Herberger hängen geblieben, hier hat der Trainer im Regelfall vor der Saison festzulegen, wer "seine Nummer eins" ist. Zwei, vielleicht sogar drei annähernd gleich gute Torleute im Kader - das "schürt Unruhe". Weil ja immer nur einer spielen kann. In Stein gemeißelt. Es kann nur einen geben. Als sei ein Torwart der Highlander.

Einen Torwart wechselt man nicht, ein Torwart rotiert nicht, "es muss eine klare Hierarchie geben", wie Hoeneß am Mittwoch sagte. Nur wenn die vermeintliche Nummer eins verletzt ist, dann kommt natürlich der Spruch: "Wir haben vollstes Vertrauen in unsere Nummer zwei." Sonst offenbar nicht.

Gutes Torwartspiel ist Teilhabe am Spielaufbau, ist die Fertigkeit, mit dem Ball umzugehen, mit dem Fuß, nicht nur mit der Hand, das hat mit moderner Spielauffassung nicht viel zu tun, das ist seit Jahrzehnten anerkannt. Der Torwart hat seine besonderen Fähigkeiten, seine besonderen Anforderungen, aber er ist ein Mitspieler. Er ist einer von elf. Er ist sogar einer von 23.



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Seite 1
Linus Haagedam 19.09.2019
1. es ist so einfach:
Neuer ist ein super Torwart und 34. Er macht noch die EM-Quali und die EM (wenn er sich nicht verletzt, was immer passieren kann) und danach (in 8 Monaten!) übernimmt Ter Stegen. Ein - Alles im Allem - ebenso guter Torwart (ob er noch ein wenig besser, genau so gut oder nicht ganz so klasse ist - sch...egal) und gerade 27. Darauf sollten sie sich heute Abend (unter Einbindung von Löw) per Whatt's App einigen. Fertig.
Aberlour A ' Bunadh 19.09.2019
2. Na ja, eine Torwartrotation ist auch nicht erforderlich,
denn der Torwart soll ja das Tor hüten und wenn's gut geht den Spielaufbau einleiten. Trotzdem sollte man mal auch in Quali-Spielen, in denen es (noch) um nichts geht, mal einen Wechsel vornehmen, damit die "Nr. 2" bei Laune gehalten wird. Meine persönliche Präferenz liegt aber bei ter Stegen. Neuers operettenhafte "Bewegungseinlagen" an der Strafraumgrenze fand ich schon immer lächerlich. Man sollte aber generell auch einen Torwart nicht zum Kapitän machen. Aus vielen Gründen. Der nächste Fehler vom Jogi.
pulverkurt 19.09.2019
3. Re: es ist so einfach
Zitat von Linus HaagedamNeuer ist ein super Torwart und 34. Er macht noch die EM-Quali und die EM (wenn er sich nicht verletzt, was immer passieren kann) und danach (in 8 Monaten!) übernimmt Ter Stegen. Ein - Alles im Allem - ebenso guter Torwart (ob er noch ein wenig besser, genau so gut oder nicht ganz so klasse ist - sch...egal) und gerade 27. Darauf sollten sie sich heute Abend (unter Einbindung von Löw) per Whatt's App einigen. Fertig.
Klingt sehr vernünftig, und ich wette dass es auch so laufen wird. Zumal Neuer ja (angeblich) schon im internen Kreis darüber spekuliert hat, nach der EM aus der Nationalmannschaft abzutreten.
odenkirchener 19.09.2019
4. Übergang
Warum keinen sanften Übergang. terStegen einsetzen. Und das allmählich immer öfter. Dann hat man im besten Falle zwei erfahrene Keeper. Nach der letzten WM hätte ich eh alle über 27ausgetauscht. So knösen se halt weiter.
norobato 19.09.2019
5. abwechseln?
Muss dieser Hierarchie-Fanatismus mit Nr. 1, 2, 3... wirklich sein? Entweder abwechseln oder eine Nr. 3 zur Nr. 1 machen, es gibt noch mehr gute deutsche Torleute. Aber vielleicht bevorzugen die Leute ja Streithähne im Sinne der konstruktiven Aggression.
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