Peter Ahrens

Neuer versus ter Stegen Es kann nicht nur einen geben

Wenn sich in Deutschland zwei Torleute um ihren Einsatz streiten, dann bekommt das den Rang einer Staatsaffäre. Der Schlussmann hat in diesem Land Heldenstatus. Mit modernem Spiel hat das nichts zu tun.
Es kann nur einen geben. Ach, wirklich?

Es kann nur einen geben. Ach, wirklich?

Foto: Christian Charisius DPA

Die deutsche Eiche, der deutsche Wald, das deutsche Bier, der deutsche Torwart. Dieses Land hat seine Mythen, und der Mann zwischen den Pfosten zählt dazu. Der Torwart ist in Deutschland nicht einer von elf auf dem Platz, es gibt die Nummer eins und die zehn anderen, das Wort Nationaltorwart hat seinen speziellen Klang. Niemand spricht vom Nationalmittelfeldspieler, aber der Nationaltorwart ist ein Denkmal.

Vor diesem Hintergrund wird die Unmutsäußerung von Barcelona-Keeper Marc-André ter Stegen zur Staatsaffäre. Einer, der bei einem der führenden Vereine der Welt seit Jahren beste Leistungen bringt, ist nicht zufrieden damit, beim DFB kaum Einsatzzeiten zu bekommen: ist nachvollziehbar. Aber nicht im Torwartland Deutschland. Dort, wo der Nationaltorwart mindestens der "beste der Welt" sein muss, wie Bayern-Präsident Uli Hoeneß am Mittwoch mehrfach in einem Gestus betonte, als sei dies eine wissenschaftlich erwiesene Tatsache.

Uli Hoeneß im Video: Kontrollierter Wutausbruch

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Ach, die anderen können auch was?

Wohl nirgends gibt es den hochmütigen Blick auf die Torleute anderer Länder wie in Deutschland. Die englischen Keeper? Alles Lachnummern, Fliegenfänger, Gegenstand unzähliger Witze. Deutschland dagegen ist eine Torwart-Nation. Gibt es dieses Wort überhaupt in einer anderen Sprache? Und immer das öffentliche Erstaunen bei großen Turnieren, wenn plötzlich Torleute anderer Teams überragende Leistungen bringen, gar wenn sie aus Costa Rica, Mexiko oder Slowenien stammen. Ach, die können auch was?

Bert Trautmann, der mit gebrochenem Genick spielte, Toni "du bist ein Fußballgott" Turek, Sepp Maier, Toni Schumacher, Uli Stein, Oliver Kahn, Jens Lehmann, jetzt Manuel Neuer - Torleute sind in diesem Land überlebensgroß. Wenn sie sich um die Position in der Nationalelf zanken, dann ist das eine Meldung in der Tagesschau, wie damals 2006, als sich Jürgen Klinsmann vor der Heim-WM für Jens Lehmann und gegen Oliver Kahn entschied. Und als Kahn Lehmann vor dem Elfmeterschießen im Viertelfinale gegen Argentinien Mut zusprach, wurde das als Heldengeschichte interpretiert und nicht als kollegiale Selbstverständlichkeit. Die T-Frage kommt in Deutschland direkt nach der K-Frage. Oder noch davor.

Vor der Saison auf die Nummer eins festlegen

Dazu gehört auch der Glaube, dass ein Torwart, wenn er einmal teamintern als die Nummer eins auserkoren ist, diesen Platz für immer für sich beanspruchen darf. Überall auf dem Feld wird rotiert, im modernen Fußball sind große Kader selbstverständlich, jede Position soll mindestens doppelt besetzt sein. Aber im Tor ist man in Deutschland noch in den Zeiten von Sepp Herberger hängen geblieben, hier hat der Trainer im Regelfall vor der Saison festzulegen, wer "seine Nummer eins" ist. Zwei, vielleicht sogar drei annähernd gleich gute Torleute im Kader - das "schürt Unruhe". Weil ja immer nur einer spielen kann. In Stein gemeißelt. Es kann nur einen geben. Als sei ein Torwart der Highlander.

Einen Torwart wechselt man nicht, ein Torwart rotiert nicht, "es muss eine klare Hierarchie geben", wie Hoeneß am Mittwoch sagte. Nur wenn die vermeintliche Nummer eins verletzt ist, dann kommt natürlich der Spruch: "Wir haben vollstes Vertrauen in unsere Nummer zwei." Sonst offenbar nicht.

Gutes Torwartspiel ist Teilhabe am Spielaufbau, ist die Fertigkeit, mit dem Ball umzugehen, mit dem Fuß, nicht nur mit der Hand, das hat mit moderner Spielauffassung nicht viel zu tun, das ist seit Jahrzehnten anerkannt. Der Torwart hat seine besonderen Fähigkeiten, seine besonderen Anforderungen, aber er ist ein Mitspieler. Er ist einer von elf. Er ist sogar einer von 23.

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